Untertitel statt Synchronisation

Analyse4. Juli 2012, 12:53
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Die Synchronisation von Filmen und Fernsehserien verfälscht Stimmung, Inhalt und schauspielerische Leistung - Ein Plädoyer für mehr Untertitel und Authentizität

Im deutschsprachigen Raum hat sich die Synchronisation fremdsprachiger Werke in Film und Fernsehen durchgesetzt. Untertitel sind nur auf Sendern, die sich fern vom Mainstream positionieren, anzutreffen und verleiten den einen oder anderen lesefaulen Zuseher zum zügigen Weiterzappen. Doch nicht überall auf der Welt sind von der Sprache losgelöste Lippenbewegungen so beliebt wie hierzulande. Im skandinavischen Raum und in Südosteuropa ist fast das gesamte Fernsehprogramm mit Untertitel-Zierzeilen geschmückt. In manchen Ländern wie Polen und Russland gibt es sogar noch das "Voice-over": Einer oder einige wenige Schauspieler sprechen einfach das gesamte Skript über den noch zu hörenden Originalton drüber. Das klingt dann so ähnlich wie Live-Dolmetschen in Nachrichtensendungen. Diese Unterschiede sind teils historisch oder traditionell, teils kulturell und teils finanziell bedingt.

Aalglatter bundesdeutschen Brei

Die Synchronfassungen, mit denen uns Fernsehen und Kino versorgen, lassen fragliche Gehörgewohnheiten entstehen. Klangtiefe und Feinheiten bei Sprache, Akzent, Intonation und Laustärke verschwimmen in einem aalglatten bundesdeutschen Brei. Das sind für Szenen, Rollen oder manchmal auch für den ganzen Film relevante Merkmale, die dem Publikum im deutschsprachigen Raum bewusst vorenthalten werden. Sie beschneiden die Wahrnehmung eines künstlerischen Produkts und verfälschen diese manchmal auf grausame Weise - etwa bei unübersetzbaren Wortwitzen, Akzent-Spielchen oder Sprachenmischungen.

Mehr Zweikanalton

Dabei wäre es auf so vielen Ebenen ein Gewinn, mindestens in Zweikanalton zu senden, so dass sich Zuseher zwischen original und wenig originell entscheiden könnten. Erstens würde man im PISA-gepeinigten Österreich von der Anregung oder wenigstens dem Angebot zum Lesen profitieren können. Dadurch könnten Untertitel im besten Fall sogar beim Erwerb von Rechtschreibkenntnissen und Lesefertigkeiten helfen. Doch nicht nur den Deutschkenntnissen wäre geholfen: Zweitens kann nämlich die auditive Auseinandersetzung mit Fremdsprachen und ihrer spezifischen Melodie, ihrem Rhythmus, der Aussprache auch bei ihrem Erwerb nützlich sein. Und vom künstlerischen Aspekt gar nicht zu sprechen! Man stelle sich nur vor, Regisseur, Schauspieler und Filmcrew arbeiten stundenlang penibelst an den Feinheiten der Atmosphäre einer Szene, nur damit im Nachhinein der immer gleiche Hamburger Studiosound drübergelegt wird.

Win-Win-Situation

Die Ausstrahlung von Filmen und Serien in Originalfassung wäre also für alle Seiten eine Win-Win-Situation, oder? Nicht ganz: Genauso stark oder stärker noch als die Tradition hängt eine ganze Industrie an der Synchronisation: Synchronsprecher und Schauspieler, Tontechniker, Übersetzer und alle, die an der Produktion einer Synchronfassung eines Filmes oder einer Serie beteiligt sind. Außerdem müssten bei Verträgen oder Lizenzen für fremdsprachige Filme und Serien die Rechte auf die Ausstrahlung der Originalfassung gesondert verhandelt werden. Diese Praxis zu ändern ist zunächst für Fernsehsender bestimmt teuer und schwierig.

Doch: Immer mehr (junge) Menschen greifen etwa bei beliebten amerikanischen Serien auf das Internet zurück. Es gibt im Netz genug Möglichkeiten, die neuesten Folgen der Lieblingsserie aus den USA zu streamen oder herunterzuladen. Ganz ohne darauf warten zu müssen, bis die Synchronfassung der neuesten Staffel fertig aufgenommen ist und ausgestrahlt wird. Oder gar darauf zu hoffen, dass die Sendung überhaupt vom Fernsehen hierzulande entdeckt wird. Diese Entwicklung wird nach und nach Druck auf Fernsehsender ausüben, weniger Synchronfassungen auszustrahlen. (Olja Alvir, daStandard.at, 4.7.2012)

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