Kim Dotcom: Vom Netzschurken zum Kulthelden

  • "Every now and then I lean out my window, look out for predator drones or smile for a satellite picture", scherzt Kim Dotcom auf seinem Twitter-Profil in Anspielung auf den Polizeieinsatz im Jänner.
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    "Every now and then I lean out my window, look out for predator drones or smile for a satellite picture", scherzt Kim Dotcom auf seinem Twitter-Profil in Anspielung auf den Polizeieinsatz im Jänner.

Kritik an Polizeirazzia und Charme-Offensive wandeln Image des Megaupload-Gründers

Selbsternannter "Superhacker", Internet-Unternehmer, verurteilt wegen Insider-Handels, exzentrischer Partylöwe, Teilnehmer illegaler Autorennen, angeklagt wegen Verschwörung und Geldwäsche: das Leben des 38-Jährigen Kim Dotcom (früher Kim Schmitz) könnte aus der Feder eines Hollywood-Autoren stammen. Doch das Image des gebürtigen Deutschen hat sich in den letzten Monaten stark gewandelt. Vom "Udo Proksch der New Economy" hat sich Dotcom zum neuen Kulthelden gemausert.

Verhaftung im Jänner

Im Jänner war der früher auch als "Kimble" und "Kim Tim Jim Vestor" bekannte Deutsche auf seinem Anwesen in Neuseeland unter massivem Polizeieinsatz verhaftet worden. Als Gründer des Filehosters Megaupload werden ihm und seinen Mitarbeitern von den USA Urheberrechtsverletzungen im großen Stil vorgeworfen. Er und seine Mitangeklagten weisen jede Schuld von sich. Für Dotcom ist die Anklageschrift so verfasst, um ihn so "übel wie möglich" darzustellen, erklärt er in einer E-Mail-Korrespondenz mit der New York Times.

Dokumente des Luxuslebens

In Neuseeland war Dotcom bis zu seiner Verhaftung vor allem wegen seines Vermögens bekannt: mit rund 24 Millionen US-Dollar mietete er sich im teuersten Haus des Landes ein. Im Zuge der Razzia waren Fotos des Anwesens und seines luxuriösen Fuhrparks um die Welt gegangen. Auch seine exzentrischen Partyfotos machten erneut die Runde - die meisten User-Kommentare waren zu dem Zeitpunkt noch höhnisch und zeigten wenig Mitleid mit dem 38-Jährigen.

Polizeieinsatz illegal

Doch seit mehr und mehr Details über den Polizeieinsatz an die Öffentlichkeit gedrungen sind, hat sich das Bild des Lebemanns gewandelt. "Zwei Hubschrauber und 76 schwer bewaffnete Beamte, um einen Mann zu verhaften, der wegen Urheberrechtsverstöße angeklagt ist - denken Sie mal darüber nach", sagt Doctom selbst gegenüber der NYT. Laut Neuseeländischer Polizei waren es nur 20 bis 30 Polizisten, doch der Einsatz war Ende Juni von einem Gericht als gesetzeswidrig eingestuft worden und auch von Beobachtern als überzogen kritisiert worden.

Wohlwollende Berichterstattung

Medien berichten nun wohlwollender, meint der neuseeländische Politikwissenschaftler Gavin Ellis. "Es hat einen klaren Wandel gegeben, wie er nun dargestellt wird - von einem mutmaßlichen Kriminellen zum Kulthelden," sagt er der Zeitung. Auch sein politisches Engagement - er hatte einem Parlamentsabgeordneten 50.000 Dollar im Rahmen einer Bürgermeisterwahl gespendet - habe zu einer höheren Akzeptanz seiner Person beigetragen.

Party-Einladungen auf Twitter

Darüber hinaus hat Dotcom offenbar seine eigene "Charme-Offensive" auf Twitter gestartet. Nachdem ihn ein neuseeländischer Software-Entwickler letzten Monat via Twitter gefragt hatte, ob er und seine Freunde den ganzen Tag nur mit Segways herumkurven und Fotos posten würden, war der Entwickler von Dotcom spontan eingeladen worden. Unter dem Hashtag #swimatkims verkündete der Megaupload-Gründer später, dass er die Party nochmal "für alle" veranstalten wollte. Dafür werde aber wohl einen größeren Pool und einen coolen DJ benötigen.

Auslieferung

Für 6. August ist nun die Anhörung anberaumt, in der über die Auslieferung von Dotcom und seinen mutmaßlichen Komplizen an die USA entscheiden werden soll. Wird dem Antrag stattgegeben, dürften das mediale Echo und die öffentliche Meinung zugunsten des 38-Jährigen noch weiter zunehmen. Und die US-Justiz muss sich wohl der Frage stellen, wie sie dieses massive Vorgehen gegen einen wegen Urheberrechtsverletzung angeklagten Mann rechtfertigt. (br, derStandard.at, 4.7.2012)

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