Verprügelt, verfolgt, verhaftet

3. Juli 2012, 19:46
19 Postings

Während der EM präsentierte sich die Ukraine als weltoffenes Land - Journalistin drohen sieben Jahre Haft, weil sie Medientricks eines Politikers veröffentlichte

Ein Lokalreporter wird während einer Recherche von einem Unbekannten geohrfeigt. Private Sicherheitskräfte stoßen einen Journalisten zu Boden. Und nun traf es eine der bekanntesten Journalistinnen des Landes. Sonia Koschkina, 27 und Chefredakteurin der regierungskritischen Onlinezeitung Lewyj Bereg.

Koschkina tritt regelmäßig in politischen Talks auf, mit Kritik an der Regierung wie deren Vorgängerin hält sie nicht hinter den Berg. Doch kurz vor dem Finale der Fußball-Europameisterschaft meldete sie sich via Skype aus Italien bei der größten politischen Talkshow: Sie habe das Land verlassen und erwäge, in der EU politisches Asyl zu beantragen.

Der Abgeordnete Wladimir Landik droht Koschkina und ihrem Fotograf mit einem Strafverfahren. Im November hatten sie von der Medientribüne des Parlaments Aufnahmen von Landiks Handy gemacht. Der Abgeordnete schrieb SMS über seinen Sohn Roman Landik. Der stand damals vor Gericht, weil er im Sommer 2011 seine Freundin brutal zusammengeschlagen hatte. In einem Lokal, vor einer Überwachungskamera. Die Prügelszenen landeten Stunden später im Netz. Sein Vater organisierte per SMS Hilfe von Politikberatern und "gelenkten" Journalisten eines Lugansker Fernsehsenders sowie das Verfassen von positiven Kommentaren in Nachrichtensendungen und in sozialen Netzwerken während des Prozesses.

Koschkina überrascht nicht, dass Wladimir Landik gerade jetzt mit Strafanzeige droht. Mitarbeiter des Innenministeriums tauchten mehrfach in ihrer Redaktion auf und beschlagnahmten Server. Im parallell zur EURO angelaufenen Wahlkampf verschärfe man die Gangart weiter.

"Warnung an Journalisten"

Umfragen sehen die Partei des autokratischen Präsidenten Viktor Janukowitsch unter 30 Prozent. Die demokratische Opposition, bestehend aus der Vaterlands-Partei der inhaftierten früheren Ministerpräsidentin Julia Timoschenko und der Partei des Ex-Außenministers Arsenij Jazeniuk sowie Vitali Klitschkos Partei Udar ("Der Schlag"), kommen auf 37 Prozent. "Die Verfolgung Koschkinas soll eine Warnung an alle ukrainischen Journalisten sein, was passiert, wenn zu viel Kritik geübt wird. Dabei hat Sonia nur ihren Job gemacht", schreibt das Medienmagazin Telekritika.

"Die westlichen Journalisten wurden während der Fußball-EM hofiert", sagt Oleg, ein ukrainischer Sportreporter, der seinen vollen Namen aus Angst vor Repressionen von Arbeitgeber und Behörden nicht in der Zeitung lesen möchte. Während der Europameisterschaft war für Fans und Journalisten von Fremdenfeindlichkeit und autoritären Behörden wenig zu merken, die Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International im Vorfeld der EURO kritisierten. Für Fans und Journalisten aus dem Ausland.

Die Polizei schaute zu

Denn als etwa der Journalist Maxim Kasjanow Ende Juni mit seinem Handy das Auto und die Sicherheitskräfte des Donezker Gouverneurs filmte, rissen ihn drei Männer zu Boden, schlugen auf ihn ein und verhafteten den Mann. Passanten, die die Szene vor einem Einkaufszentrum in der Innenstadt beobachteten, griffen nicht ein.

Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich vergangene Woche in Kiew. Lokalreporter Andreij Dschinja wurde beim Versuch einen Mann zu befragen, der einen illegalen Parkplatz betreibt, von einem Unbekannten unvermittelt gegen den Kopf geschlagen. Die Polizei stand daneben und schaute zu. (Nina Jeglinski aus Kiew, DER STANDARD, 4.7.2012)

  • Online-Chefredakteurin Sonia Koschkinas "Verfolgung soll eine Warnung an alle ukrainischen Journalisten sein, was passiert, wenn zu viel Kritik geübt wird", schrieb ein Medienmagazin.
    foto: webcam/koschkina

    Online-Chefredakteurin Sonia Koschkinas "Verfolgung soll eine Warnung an alle ukrainischen Journalisten sein, was passiert, wenn zu viel Kritik geübt wird", schrieb ein Medienmagazin.

Share if you care.