Längere Therapie wirksamer

3. Juli 2012, 18:57
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Psychoanalyse-Studien: Dauer und Erfolg korrelieren

Wien - Zu lange, zu intensiv und dadurch zu teuer: Mit dieser Begründung wird die Wiener Gebietskrankenkasse ab Oktober Psychoanalysen nicht mehr bezahlen - der STANDARD berichtete. Seit die Entscheidung der Kasse bekannt geworden ist, prallen die Lehrmeinungen aufeinander.

Vertreter der Gebietskrankenkasse und des Hauptverbandes argumentieren damit, dass auch kürzere Therapieformen, wie etwa die Gestalttherapie, auch noch nach Jahren die gleiche Wirkung haben wie eine Psychoanalyse, bei der die Klienten über Jahre bis zu fünfmal in der Woche auf der Couch liegen.

Vergleichsstudien

Psychoanalytiker hingegen legen Studien vor, die belegen, dass für bestimmte Erkrankungen - wie tiefgreifende Persönlichkeitsstörungen - die Psychoanalyse die beste Therapieform darstellt. Am vergangenen Samstag wurden auf einem international besetzten Symposium in Wien einige Untersuchungen präsentiert.

"Es gibt ganz klare wissenschaftliche Ergebnisse, die belegen, dass der Therapieerfolg größer ist, je länger und intensiver die Therapie ist", erläutert Stephan Doering im Gespräch mit dem Standard. Der Leiter der Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie an der Med-Uni Wien betont aber auch, dass in der Debatte um die Kürzungen nun nicht die einzelnen Therapieformen gegeneinander ausgespielt werden sollen. "Es geht darum, die geeignetste Therapie zu finden, und die ist in manchen Fällen eben die Psychoanalyse." Kürzere Therapien brächten oft rascher eine Symptomverbesserung - es gebe aber nur wenige Studien über deren Nachhaltigkeit.

Eine finnische Wirksamkeitsstudie zur Psychoanalyse bei Depressionen und Angsterkankungen über den Zeitraum von fünf Jahren habe hingegen ergeben, dass diese kürzeren Therapien überlegen sei, sagt Doehring. "Es hat sich gezeigt, dass die Analyse nach 3,5 Jahren deutlich wirksamer war als kürzere Behandlungen, und der Unterschied hat danach kontinuierlich zugenommen." Eine in Deutschland durchgeführte Studie habe gezeigt, dass es bei depressiven Patienten nach drei Jahren eine signifikant stärkere Verbesserung gegenüber der Kontrollgruppe gegeben habe. Doering: "Sowohl was die Depressivität als auch was die Persönlichkeitsprobleme betraf."

Doch die Kassen haben mit dem Gebot der Ökonomie ein Argument, das nicht leicht vom Tisch zu wischen ist. Die Wiener Gebietskrankenkasse ist nicht die Erste, die die Psychoanalyse nicht mehr finanziert. In Salzburg gibt es bereits seit 2006 kein Geld mehr für diese Therapieform.

Nach der Ansicht Doerings ist eine Psychoanalyse auf lange Sicht auch für die Kassen die kosteneffizientere Lösung. "Psychoanalytische Langzeittherapien sind zwar teurer, haben aber nachweislich einen höheren Gewinn am Lebensjahren, die die Patienten ohne Beeinträchtigung verbringen können." (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD, 4.7.2012)

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