"Wir können ihn ja nicht in Watte packen"

4. Juli 2012, 05:30
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Dem blinden Grazer Elternpaar Jakob Putz und Jasmin Treffer gelingt es - mit etwas Assistenz -, einen normalen Alltag für ihren nichtblinden, neun Monate alten Sohn Philipp zu organisieren - Ein Besuch

Graz - Häuser tauchen als riesige dunkle Flecken auf, und wenn das Licht ideal einfällt, kann Jasmin Treffer manchmal schemenhaft den Zebrastreifen erkennen. Mehr gibt das Auge nicht her. Aber sie kann Philipp spüren, der in ihren Armen liegt und am Teeflascherl nuckelt. Philipp ist jetzt neun Monate alt und kann - im Gegensatz zu seinen von Geburt an blinden Eltern - sehen.

Vater Jakob Putz muss auch mit einer spastischen Lähmung der rechten Hand fertigwerden. Alles handhabbar, sagt der Universitätsangestellte. Hier, an der Grazer Uni, hatte er die Psychologiestudentin Jasmin kennengelernt. "Es war die Chemie", sagt die gebürtige Oberösterreicherin. Putz: "Am allerwenigsten war es natürlich der rein visuelle Reiz."

Höheres Gitterbett

Jasmin und Jakob wohnen im sechsten Stock an einer stark befahrenen Straße in Graz. Auf dem Balkon stehen die Überreste eines gemütlichen Abends, Fotoalben in der Vitrine (Jakob Putz: "Für Besuch und die Verwandten"), ein buntes Katzenpuzzlebild an der Wand, Ansichtskarten an der Pinnwand, gestapelte CDs, eine Espressomaschine: alles wie aus dem Kika-Prospekt, aber gemütlich unaufgeräumt wie in der Studenten-WG. Nur das Gitterbett ist entscheidend höher als gewöhnlich. Jakob: "Ich habe es mit meinem Vater um 40 Zentimeter erhöht, damit ich Philipp herausheben kann."

Es gibt kaum Erfahrungswerte von blinden Eltern. So haben sich die beiden im Internet schlaugemacht und diverse Vorbereitungskurse für werdende Eltern besucht. Zudem gibt's einige technische Hilfsmittel, wie die in der Küche stehende sprechende Waage. Dieses Equipment organisierte der Blindenverband. "Schwieriger wird's natürlich dann, wenn er zu laufen beginnt. Da gäbe es so eine Art Kindersicherheitshaus. Aber andererseits: Wir können ihn ja nicht in Watte packen", sagt Jasmin Treffer.

"Kreativität zählt"

Vater Jakob: "Bei Elternteilen, die beide beeinträchtigt sind, zählt halt auch die Kreativität." Und eine gewisse Systematik, wie beim Kindergewand. Jasmin: "Nachdem ich die Babysachen gewaschen habe, hab ich mir von unseren Assistenten, die täglich mal vorbeischauen, einfach die zusammenpassenden Outfits zusammenstellen lassen. Da mache ich Stöße." Die Farben merkt sie sich an den unterschiedlichen Strukturen der Stoffe.

Und später, wenn der Kleine größer wird, wird er die Augen der Eltern sein? Jakob Putz: "Nein, sicher nicht. Wir werden ihn nicht als kostenlose Augen missbrauchen, im Sinne von: Der Kleine, der sieht für uns."

Urlaub im aufgeräumten Schweden

Graz ist die Homebase für das blinde Paar. Die vertraute Stadt gibt taktile Sicherheit. Und Reisen? Ist das ein Thema? Putz: "Sicher. Wir waren vor Philipp jedes Jahr unterwegs, zuletzt in Schweden mit einer Assistenz. Schweden ist ein zusammengeräumtes Land. Woran ich das merke? Wenn es mich relativ wenig aufhaut. Für mich ist auch der Sprachklang in den Ländern faszinierend." Für Jasmin Treffer zählt anderes: "Jedes Land riecht anders. Und natürlich das Essen. Wir kochen ja selbst gern. Indisch zum Beispiel." Jakob denkt nach: "Im Prinzip ist eh alles gleich wie bei allen anderen Touristen - abzüglich der ganzen Sehenswürdigkeiten halt."

Philipp ist inzwischen eingeschlafen, Mutter Jasmin trägt ihn in sein Bett und schaltet das Babyfon ein. Morgen, wenn's schön bleibt, steht Schwimmen im Freibad auf dem Programm. Und am Abend "Fußball schauen" (Putz). Im Zwei-Kanal-Ton. (Walter Müller, DER STANDARD, 4.7.2012)

  • Mit Baby-Vorbereitungskursen, Internetrecherchen und elterlicher Unterstützung machten sich Jakob Putz und Jasmin Treffer fit für die Aufgabe als Eltern ihres Sohnes Philipp.
    foto: j.j.kucek

    Mit Baby-Vorbereitungskursen, Internetrecherchen und elterlicher Unterstützung machten sich Jakob Putz und Jasmin Treffer fit für die Aufgabe als Eltern ihres Sohnes Philipp.

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