"Schule soll das Basislager sein"

Interview | Karin Riss, 3. Juli 2012, 18:12
  • Direktorin Rasfeld will weg vom "Als-ob-Lernen".
    foto: standard/hendrich

    Direktorin Rasfeld will weg vom "Als-ob-Lernen".

Die Schule der Zukunft brauche die Wende vom "du sollst" zum "ich kann", sagt Margret Rasfeld, Direktorin der Evangelischen Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum

STANDARD: Während wir unser Gespräch aufzeichnen, diskutiert die österreichische Bildungsministerin zum Thema "Wie sieht die Zukunft der Schulen aus". Frau Rasfeld, wie sehen Sie deren Zukunft?

Rasfeld: Meine Vision von der Schule der Zukunft ist, dass die Kinder und Jugendlichen viel Erfahrung im Leben machen. Schluss mit dem Als-ob-Lernen in Arbeitsblättern. Die Schule soll das Basislager sein, wo diese Erfahrungen ausgetauscht, diskutiert und reflektiert werden, um dann wieder mit Forschergeist hinauszugehen. Die Basics, die man auch wissen muss, werden sich wahrscheinlich alle über das Internet herleiten. Jeder nach seinem Tempo und Interesse, wahrscheinlich viel besser dargestellt, als ein Lehrer das kann. In meiner Vision von Schule ist nur mehr die Hälfte der dort Tätigen Lehrer, die andere sind Handwerker, Künstler, Experten verschiedener Kulturen. Wissensvermittlung wird nicht mehr die Hauptaufgabe sein, denn Wissen alleine reicht nicht, um die großen Herausforderungen der Zukunft zu lösen.

STANDARD: Wie arbeiten Sie?

Rasfeld: Wir nehmen als weiterführende Schule alle Kinder ab dreizehn, da eine der größten Herausforderungen der Zukunft ist, das Zusammenleben zu lernen. Wir nehmen auch Kinder mit Förderbedarf, mit Down-Syndrom, mit Hochbegabung. Um die Heterogenität noch zu erhöhen, arbeiten wir in Jahrgangsmischung, also 13- bis 15-Jährige.

STANDARD: Wie gehen Sie mit dieser Verschiedenheit im Unterricht um?

Rasfeld: Der Frontalunterricht ist nicht mehr möglich. Deswegen gibt es bei uns ein Lernformat, das heißt Lernbüro. Das ist für die Basics: Deutsch, Englisch, Mathe, Geschichte, Geografie, Sozialkunde. Das, was sonst im Schulbuch steht, erarbeiten sich die Schüler anhand binnendifferenzierter Materialien selbst. Sie können in Gruppen arbeiten, sie melden sich selbst zum Test an. Kurz: Da sind alte Fächer in einem Format aufbereitet, das Individualisierung ermöglicht. Sie haben einen Dreijahresplan, den sie abarbeiten. Indem man sich selbst zum Leistungsnachweis anmeldet, hat man die mentale Wende vom "du sollst" zum "ich kann".

STANDARD: Wie organisieren Sie den Rest?

Margret Rasfeld: Zum Beispiel in mehrere Wochen dauernden Projekten. Donnerstag ist bei uns Projekttag. Dafür geben unterschiedliche Fächer je eine Stunde und bündeln diese. Schulen haben den Auftrag, fächerübergreifend zu arbeiten. Es wird nur meist nicht gemacht, da die geeignete Struktur fehlt.

STANDARD: Darüber hinaus gibt es noch zusätzliche Projekte. Welche?

Rasfeld: Wir wissen aus der Hirnforschung, dass man nicht durch Auswendiglernen lernt, sondern durch Erfahrung. Wir haben deshalb ein Schulfach Verantwortung. Da sucht sich jeder Jugendliche eine verantwortliche Aufgabe im Gemeinwesen. Also raus aus der Schule zur Pflichtaufgabe zivilgesellschaftliches Engagement.

STANDARD: Was machen die Jugendlichen da?

Rasfeld: Sie engagieren sich in Kindergärten, Flüchtlingsheimen, für alte Menschen, in ökologischen Projekten. Letztlich steckt dahinter: Der Lernort der Zukunft ist die Zivilgesellschaft. Da spielen Partizipation und Gestaltungskompetenz eine große Rolle und dass man sich etwas traut. Unser Projekt ist eine Vorbereitung dazu.

STANDARD: Was beinhaltet das Fach Herausforderung?

Rasfeld: Die Herausforderung toppt die Verantwortung. Beim Projekt Verantwortung sind die Schüler noch räumlich nah. Bei der Herausforderung gehen sie raus aus ihrer Stadt. Herausforderung heißt: sich diese selbst wählen, drei Wochen außerhalb von Berlin mit 150 Euro.

STANDARD: Welche Herausforderungen gibt es da?

Rasfeld: Vier 13-Jährige gehen etwa zu Fuß von Berlin an die Ostsee, sie müssen alles alleine organisieren und klarkommen im Team. Wenn es einen Konflikt gibt, können die nicht sagen: "Du kannst mich mal, ich geh nach Hause." Da lernen sie sehr viel und kommen geerdet zurück. Bei uns ist das Lernen, Wissen zu erwerben, genauso wichtig wie zu lernen zusammenzuleben und zu handeln.

MARGRET RASFELD ist Direktorin der Evangelischen Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum und Expertin im Zukunftsdialog der deutschen Kanzlerin.

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10 Postings
>Ich kann< oder >Du musst<?

Vor über 30 Jahren habe ich in der ICH-KANN-SCHULE beschrieben, wie wir eine "Schule" machen, in die man gehen MUSS und die man schwänzen KANN. Bei dieser dämlichen Vorgabe ist das KÖNNEN immer in den auffälligen Bereich abgedrängt. Unsere "Schulen" sind das Gegenteil von Schule, sie sind Lehrplan- und Unterrichtsvollzugsanstalten - nur beschreibend, nicht wertend gemeint. Man lernt in diesen Du-musst-Schulen gar nicht Rechnen, man lernt RechnenMÜSSEN und in der Folge Nicht-Rechnen-Mögen und in der Folge Nicht-Rechnen-Können. Und dann quält man sich Tag für Tag und übt mit Hilfe von Rechenübungen immer mehr Nichtkönnen und Nichtmögen ein. Andere Fächer entsprechend. Endlich gibt´s Gegenbeispiele.
Freundlich grüßt
Franz Josef Neffe

Wie toll das alles ist! Einfach nur toll. Echt toll. Tolle Frau, tolle Direktorin. Tolle Schüler. Tolles Konzept. Toller Schulalltag. Und alles hat eine garantiert tolle Zukunft. Ist das nicht toll?
Kann man das sofort an unseren Hauptschulen, Polytechn. Schulen, an unseren NMS und Handelsschulen realisieren? Das wäre toll!

Schön...

...und wenn man die Kinder dann in die reale Arbeitswelt entlässt, kracht es.

Warum?
Dort wird Leistung gefordert, "Unterordnung", weil der Chef das sagen hat, mitschwimmen im System is nötig, weil net jeder tun kann was er will, blabla, etc...

morgen

am letzten schultag, werde ich unserem integrationsmädchen sagen, du kannst jetzt am ende des schuljahres gleich viel wie am anfang. aber wenn du nur willst, kannst du zur elite aufschließen.

Das Traurige ist,

dass diese Programme in Österreich entwickelt wurden !

Nicht jeder kann...

das sollte die Dame wissen, wenn sie schon die Hirnforschung anspricht.

rosa rote brille

ich habe 20 jahre in einer sonderschule unterrichtet, wir waren sicher nicht defizitorientiert. das sog.akademische hirnlernen können die kinder nicht, anderes erlaubt der lernplan nicht.
die kinder sind aslle so traumatissiert, haben erschöpfte eltern sind mit dem eigenen psxh.überleben überfordertgewesen. Du kannst-hört sich gut an so wie das yes we can, aber die kinder sind mit allem überfprdert: theater. medirarion. sport, freis spiel.der ratschlag hört sich toll an, wird bis zum erbrechen wiederholt und ist eine leere phrase.

kommt drauf an

was man als "du kannst" interpretiert. wenn ein kind ein wort selbst lesen oder schreiben kann oder wenn es allein zur direktorin gefunden hat um etwas abzugeben oder wenn es die tiere in der klasse (so welche vorhanden sind) füttert ist das alles etwas was es dazugelernt hat.
ich bin selber lehrerin an einer schule für schwerstbehinderte und erlebe das ganz anders als sie.
und gerade der sonderschullehrplan erlaubt eine große bandbreite.

In so eine Schule wäre ich auch gerne gegangen,

statt dem hitnlähmenden Gymnasium!

Richtig. Das Gym ist so fad.

Keine Hitngaudi gibts dort.

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