Nur das Bubenklo findet Lisa noch "grausiger"

Reportage |
  • Wollen das Lernumfeld aktiv mitgestalten: Nachdem die Kinder ihre Volksschule inspiziert hatten, schrieben manche auf Zettel, was ihnen im Schulhaus gefällt und was gar nicht.
    foto: standard/walkolbinger

    Wollen das Lernumfeld aktiv mitgestalten: Nachdem die Kinder ihre Volksschule inspiziert hatten, schrieben manche auf Zettel, was ihnen im Schulhaus gefällt und was gar nicht.

154 Jahre alt ist die Volksschule in Enns. Jetzt gibt es Geld für die Sanierung. Erstmals in Österreich lässt eine Stadt Schüler, Lehrer und Eltern mitplanen

Enns - Lara stellt sich in Position. Mit dem Daumen ihrer rechten Hand zeigt sie nach unten. Den Eingangsbereich ihrer Schule mag sie absolut nicht. Flo fotografiert seine Mitschülerin. Dann will die Lehrerin von ihr wissen, warum sie sich dort so unwohl fühlt: "Da ist morgens immer so ein Gedränge." Die anderen vier Kinder, die neben Flo stehen, nicken bestätigend. Nur Lisa überlegt kurz, ob sie nicht die Stelle vor dem Bubenklo im zweiten Stock noch "grausiger" finden soll. "Da stinkt's immer so", meint die Drittklässlerin und hält sich die Nase zu.

Gemeinsam mit der Lehrerin sind die sechs Volksschüler in dem 154 Jahren alten Schulgebäude am Ennser Kirchenplatz unterwegs, um ihre ungeliebten und ihre Lieblingsorte zu erkunden und diese anschließend auf einem Plan zu markieren.

Die Schulhausexkursion ist der erste Teil eines zweitägigen Workshops zur längst überfälligen Renovierung der einstigen "Kaiser-Franz-Josef-Schule". Mit zwei Millionen Euro sei die Sanierung veranschlagt, 35 Prozent der Kosten übernehme das Land, berichtet Bürgermeister Franz Stefan Karlinger (SPÖ). Und erstmals in Österreich lässt eine Gemeinde als Schulerhalter Lehrer, Schüler und Eltern mitplanen. Der Wiener Architekt Franz Ryznar, Initiator der Plattfrom " SchulUMbau", erhielt von Karlinger den Auftrag.

Pädagogen, Architekten und Fachleute der Schulverwaltung haben die Plattform gegründet, um "Denkanstöße für einen zeit- und kindgemäßen Schulbau" zu geben. "Jeder Neu- und Umbau muss in architektonischem und pädagogischem Einklang geschehen", erklärt Ryznar. Dies bedeute, Lehrer und Schüler sollen das Lernumfeld aktiv mitgestalten.

In Enns ist zwar der Auftrag zur Sanierung bereits an einen Architekten vergeben, doch dann erfuhr der Bürgermeister von der Plattform. Die Idee, "im Vorfeld auf die Wünsche aller einzugehen", habe ihn überzeugt, die vorliegende Machbarkeitsstudie soll adaptiert werden.

Minus- und Pluspunkte

Nachdem 50 Schüler, aufgeteilt in kleine Gruppen, die Plus- und Minuspunkte ihrer Schule ausfindig gemacht haben, sind Lehrer und Eltern an der Reihe. "Wir haben nur einen Kopierer, der steht im Erdgeschoß, doch die meisten Klassen sind im ersten und zweiten Stockwerk", legt eine junge Lehrerin los. An den notorischen Platzmangel - die Vorschulklasse musste bereits in den gegenüberliegenden Pfarrsaal ausgelagert werden - scheint man sich hingegen schon gewöhnt zu haben. Offene Lernformen seien in der Kasernenschule mit einem langen schmalen Gang pro Stockwerk, von dem die Klassenzimmer weggehen, kaum möglich.

Julias Mutter stört vor allem, dass es vor dem Schulhaus keinen überdachten Wartebereich gibt. Denn erst ab 7.45 Uhr dürfen die Kinder hinein, durch die viel zu kleine Eingangstür, durch den viel zu engen Flur Richtung Steinstiege. Lara hat manchmal richtig Angst, "dass ich zerdrückt werde". Viel lieber ist ihr der Turnsaal, dort "habe ich Platz", oder aber die Balancierstange im Schulgarten. Sofort hüpft sie hinauf, lacht Flo zu, der ein Foto von ihr an ihrem Lieblingsort macht. (Kerstin Scheller, DER STANDARD, 4.7.2012)

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