Neue alte Identität für die Revolten-Länder

Analyse |
  • Demonstranten setzen in Bengasi Wahlzettel in Flammen: Die Separatisten der Region Cyrenaika wollen ihren eigenen Weg gehen.
    foto: reuters

    Demonstranten setzen in Bengasi Wahlzettel in Flammen: Die Separatisten der Region Cyrenaika wollen ihren eigenen Weg gehen.

Der Maghreb, eineinhalb Jahre danach: Tunesien schreibt seine neue Verfassung, Libyen steht vor den ersten freien Wahlen. Der Optimismus hält sich dennoch in Grenzen

Der Maghreb ist die Geburtsregion des Arabischen Frühlings, und Tunesien war und ist dessen Avantgarde: Von dort ist die Volksrevolte im Jänner 2011 ausgegangen, und dort ist man auch am weitesten im politischen Transitionsprozess. Ende Juli soll die neue Verfassung fertig sein, für die die Islamisten - die Gewinner der ersten freien Parlamentswahlen - offenbar gleich über mehrere Schatten springen.

Denn der Text der Verfassungspräambel, der Mitte Juni veröffentlicht wurde, ist in dieser Beziehung ermutigend: Der Islam und seine "offenen und gemäßigten Ziele" werden als Basis erwähnt, aber auch "humanistische Werte" und "universelle zivilisatorische Errungenschaften", die die islamische Reformbewegung in Tunesien geformt haben. Der "zivile" (das Wort säkular ist unbeliebt) Staat wird in dieser Präambel betont, Freiheit und Würde für alle Individuen im Maghreb und in der arabischen Welt, in klusive der Würdigung von Befreiungsbewegungen - Befreiungen, "an deren vorderster Front die Befreiung Palästinas ist".

Wie kommt Palästina in die tunesische Verfassung? Keine vorschnellen Urteile: Zwar stammt der Vorschlag von einem Mitglied der islamischen Ennahda-Partei, deren Chef Rachid Ghannouchi ist jedoch ausdrücklich dagegen. Aber das seltsame Abrutschen in die Tagespolitik, wo sie nichts verloren hat, ist paradigmatisch für den Zustand jener Länder, die die große Revolte schon hinter sich haben: Man weiß noch nicht recht, wer man ist, da ist es gut, wenigstens zu wissen, dass man noch immer für die Befreiung Palästinas ist. Es soll wohl niemand auf die Idee kommen, dass Tunesien nicht mehr dazu gehört?

Libyen hingegen steht soeben vor den Wahlen, das Land ist größer und zerrissener: Die historischen Grenzen zwischen den alten Regionen tun sich wieder auf, aber auch diese Regionen sind nur eine lose Summe von Stämmen und Städten - und ethnischen Minderheiten - in einem Staat, dessen innerer Zusammenhalt immer schwach war und durch Gaddafis Klientelpolitik noch weiter geschwächt wurde. Aber auch wenn Libyen selbst es schafft: Der Kollateralschaden in der Sahara-Region muss auch noch überstanden werden, Stichwort Mali, wo gerade ein Extremistenstaat im Entstehen ist, ein neuer "safe haven" für Al-Kaida und Konsorten. Lebensmittel gibt es in der Region nicht, dafür Waffen, viele aus Nato-Beständen.

Auch die südlichen Regionen der anderen Maghreb-Staaten werden das zu spüren bekommen. Algerien ist in einem Zustand der Erstarrung, auch die Wahlen haben daran nichts geändert. Die Algerier wissen, was sie nicht wollen: einen Rückfall in die 1990er-Jahre. Marokko, wo der König jung sowie dynastisch und religiös legitimiert ist, lebt seit langem mit einem extremistischen Untergrund.

Nicht zum Maghreb, aber gleichzeitig zu Afrika und zur arabischen Welt gehört neben Ägypten auch der Sudan - und die Prognosen, dass die Revolte dort Fuß fassen wird, scheinen sich zu bestätigen. Der Sudan ist Syrien nicht nur, was die Natur des Regimes betrifft, vergleichbar, sondern auch als Spielball internationaler und regionaler Interessen: eine schlechte Ausgangslage für genuine Revolutionen, die zu einem echten Übergang führen.

Und alle Revolutionen helfen nichts, wenn die Lebenssituation der Menschen nicht verbessert wird. Steffen Angenendt und Silvia Popp befassen sich in einem Artikel der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin mit der Jugendarbeitslosigkeit in Nordafrika und zeigen besonders besorgniserregende Trends auf: Die Differenz zwischen der Arbeitslosigkeit unter jungen und unter älteren Menschen ist in Nordafrika zuungunsten der Jungen stärker ausgeprägt als anderswo, und während sich teilweise die Arbeitschancen für geringer Qualifizierte leicht verbessern, sinken sie für besser Qualifizierte, besonders für Akademiker.

Am schlimmsten ist die Jugendarbeitslosigkeit in Tunesien, jenem Land, dem von den politischen Parametern her die meisten Erfolgschancen für eine erfolgreiche Transition zugesprochen werden. Mit einigem Abstand folgen Ägypten und Sudan. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 4.7.2012)

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9 Postings

ja, kann man als eine optimistische meinung stehen lassen. obwohl die hauptgrund fuer die revolution, der hass auf alles westliche, vor allem die usa und israel, hier nur peripher erwaehnt wird.
deswegen wird die fragestellung 'wie kommt palaestina in die tunesische verfassung' ein bisschen kleingeredet.
und im sudan gibts aus mehreren schlichten gruenden keinen arabischen fruehling:
- dort sind die islamisten schon an der macht.
- die hassen uns dort schon, organisiert, seit 30 jahren, also was soll eine revolution dort fuer ein ziel haben?
- nach 30 jahren multiplen buergerkrieg, ist ein zusaetzlicher buergerkrieg keine attraktive option.
geil auch, wie der kampf gegen korruption langsam verschwindet und "wichtigerem" platz macht.

Vielen Dank für den Überblick .

ich denke, tunesien kann man demokratiepolitisch durchaus als erfolgsmodell des arabischen frühlings bezeichnen. was ein problem ist, ist die wirtschaftliche/soziale entwicklung.

bei den anderen ländern ist es teils drei schritte vor, zwei schritte zurück, bei manchen noch zu früh, um sich ein urteil zu bilden.

die wirtschaftliche/soziale entwicklung ist aber das rückgrat einer gesellschaft.
demokratie und ein kleiner espresso mag für standard leser das wichtigste sein, leider kann man sie aber nicht essen und leider bildet sie die jugend nicht aus. naturgemäss ist das aber leuten, die zu essen und schulen für ihre kinder haben, nicht allzu wichtig, wie ich täglich lesen muss.

wirtschaftliche/soziale entwicklung ohne demokratie ist aber ungenügend (siehe kuba unter castro, wo die menschen über jahrzehnte zwar brot, aber keine rechte hatten). eine gesellschaft braucht BEIDES.

zuerst braucht eine gesellschaft wirtschaftliche und soziale entwicklung.
danach braucht sie alles andere.
kubaner mit brot sind glücklicher als haitianer mit demokratischen rechten aber ohne brot.

nur "brot" haben "wir" in der welt noch nie herbeigebombt. wohl weil wir es nicht für so wichtig halten.

Seltsam blinder Artikel

War nicht vor kuzem noch alles ganz toll in den Staaten der Volkserhebung?
Sollten die Warnungen und Ansichten der Realisten, die die Jubelpresse für ihre völlig unkritische Haltung (Ghaddaffi muß weg, dann sind alle glücklich) und ihre Kriegsbegeisterung kritisiert haben, doch nicht so falsch?
Ist das jetzt der Versuch einer kleinen Kehrtwendung?
Ist es doch nicht so realistisch, wenn man aus der bequemen Redaktionsstube blindlings nur den eigenen ideologischen Vorstellungen nachhängt?
Tja, dann wird es noch ein böses Erwachen mit dem netten Islam geben.
Der ist der Leitfaden für das ganze Leben und der ist nicht tolerant oder nett, der bedeutet einfach nur die totale Unterwerfung unter Gottes Gesetz.
Das wird auch die Harrer noch lernen.

Ich glaub, Sie sollten einmal nachschaun was Frau Harrer geschreiben hat.

Kommentare

1) Auch über solche Themen muss man schreiben.

2) Ein solcher Artikel kann nur von einer Frau gemacht werden (es ist denkunmöglich dass Männer solche Artikel schreiben!).

3) Ich lese hier nichts von Sexismus und Werbung mit/über Männer. Reduktion auf nackte Männerkörper und Muskeln? Verhaltensklischees (das 'pink' der Männer)?

4) ich unterstelle der Verfassetin nicht, auf einem Auge blind zu sein, doch wenn sie darüber schreiben müsste, dass Werbung mit Klischees arbeiten muss um erfolgreich zu sein, und dass Sexismus bei beiderlei Geschlecht Mittel zum Zweck ist (verkaufen!), und keinesfalls Selbstzweck oder offen zur Schau getragene Haltung, dann müsste auch die Verfasserin zugeben, dass es nichts zu schreiben gibt.

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