China: Bioeier statt Quecksilbermilch

Nach einer Reihe von Lebensmittelskandalen trauen die Chinesen dem Essen aus dem Supermarkt nicht mehr: Im ganzen Land entstehen Bauernmärkte, wer es sich leisten kann, kauft Babynahrung aus Europa.

Hinter dem Ladenschild "Freudiger Ausflug" verbirgt sich in der Wohnsiedlung des Pekinger Satellitenvorort Yichuang kein Reisebüro. Die gut situierten Bewohner des Viertels, gehobene Angestellte, Kleinunternehmer oder chinesische Rückkehrer aus dem Ausland, suchen im "Freudigen Ausflug" auch nicht nach touristischen Angeboten. Sie kommen zum Shoppen auf der Suche nach Biolebensmitteln, die von 100 Kilometer entfernten Dörfern in Nordchina stammen: etwa Eier freilaufender Hühner, die umgerechnet 20 Cent das Stück kosten, Wildblütenhonig, handgepresstes Sesamöl, Hirse, Tofu oder Biofleisch.

Die 42-jährige Hu Di führt seit acht Monaten das kleine Geschäft. Sie bezieht "garantiert sichere" Agrarprodukte aus ihrem Heimatdorf. Zusammen mit ihrer Schwägerin hat sie dort auch eine Hühnerfarm aufgezogen. "Ich habe schon 800 Stammkunden. Sie kaufen mir alles ab, was ich anbringen kann, darunter auch mehr als 10.000 Eier pro Monat."

Industrie-Eier nicht vertragen

Alles begann 2003, als ein Arzt bei ihrem eineinhalb Jahre alten Sohn Kalzium- und Eisenmangel feststellte. Hu Di, so riet der Arzt, sollte ihn besser ernähren und jeden Tag ein Eigelb in seine Milch mischen. Aber das Kleinkind vertrug die industriell hergestellten Eier aus dem Supermarkt nicht. Deren kleine Dotter ließen sich auch schwer verrühren. Eier, die ihr Verwandte vom Dorf mitbrachten, wirkten dagegen wahre Wunder.

Hu Di begann sich die Supermarktlebensmittel genauer anzuschauen. Was sie dabei entdeckte, entfachte ihre Leidenschaft für einheimische Bioprodukte, die sie in abgelegenen Dörfern fand, deren Bauern meist aus Armut noch keinen Chemiedünger oder Pestizide verwendeten. Zuerst vertrieb sie ihre Eier nur unter Freunden. Am Ende tat sie sich mit einem gleichgesinnten Geschäftspartner zusammen und eröffnete den Laden.

Babynahrung aus Europa

"Finanziell kommen wir gerade über die Runden. Aber wir bieten unseren Nachbarn mehr als 100 einheimische, gesunde Lebensmittel an." Sie hat auch importierte Lebensmittel im Sortiment, vor allem Babynahrung von deutschen und holländischen Herstellern. Bei Milchpulver trauten chinesische Eltern nur noch ausländischen Produzenten.

Idealistin Hu Di ist nicht allein. Überall in China schießen Biolebensmittel-Initiativen aus dem Boden. Immer mehr einzelne Aktivisten oder Kooperativen eröffnen Läden oder organisieren städtische Markttage.

Sechs tote Kleinkinder

Die Selbsthilfeaktionen imitieren, was im Ausland längst gang und gäbe ist. Nur haben es Chinas Bürger mit dem Nachholen eiliger. Gigantische Nahrungsmittelskandale haben besonders den wachsenden Mittelstand des Landes aufgeschreckt. Das Jahr 2008 steht als Zäsur, als in der Volksrepublik massenweise Babynahrung und Milchpulver entdeckt wurden, in die Melamin gemischt worden war.Diese Chemikalie hilft, einen höheren Proteingehalt vorzutäuschen, wenn die Hersteller Milch zu Profitzwecken verwässern lassen.

Sechs Kleinkinder starben, 300.000 erlitten Nierenschäden. Obwohl Peking zwei Großhändler und Panscher zum Tode verurteilen ließ, schwerste Haftstrafen verhängte, die hauptverantwortliche Milchgesellschaft auflöste und weitere 22 beteiligte Konzerne bestrafte, wirkt bei Millionen Eltern der Schock weiter nach.

Chinas Gesundheitskontrolleure hatten im ersten Halbjahr 2012 landesweit in 15.000 Fällen "minderwertige" Nahrungsmittel entdeckt und 5700 unlizenzierte Unternehmen geschlossen. Allen Kontrollen zum Trotz kommt es immer wieder zu Skandalen. Im Mai musste die Großmolkerei Yili ihre Babymilchprodukte, die sie zwischen November 2011 und Mai 2012 hergestellt hatte, zurückrufen. Staatliche Qualitätskontrolleure entdeckten bei einer Reihenuntersuchung Quecksilber.

Schwermetalle und Pestizide

Rückstände von Schwermetallen, die Chinas Grundwasser in allen Industriegebieten belasten, von Überdüngung und Pestiziden im Ackerbau, werden in immer mehr Nahrungsmitteln festgestellt. Oder die Hersteller schludern gemeingefährlich.

Schanghaier Verbraucher waren vergangenen Mittwoch entsetzt, als die " Bright Dairy & Food Co Ltd" Hunderte ihrer Packungen ausgelieferter Frischmilch zurückrief. Die Molkerei hatte offenbar Reinigungsflüssigkeit in ihren Abfüllleitungen übersehen. Der Skandal flog auf, weil sich Käufer im Web über "üblen Geruch" und Gelbfärbung ihrer Milch beschwerten.

Ekelerregende Meldungen über verdorbene oder gefährlich belastete Nahrung, die aus Profitgier und Schlamperei der Hersteller, wegen mangelnder Aufsicht der Behörden oder durch Korruption auf den Markt kommen, machen im Wochenrhythmus Schlagzeilen.

Industrieleim im Joghurt

Kein Lebensmittel scheint vor Missbrauch sicher zu sein, von Industrieleimen im Joghurt, Anabolika im Fleisch bis zu belasteten Getreiden und Gemüsen, deren Rückstände eher in einen Chemiebaukasten als in den Kochtopf gehören. Selbst die patriotische Global Times schrieb erschrocken: "Wir sind heute in Lage unsere Taikonauten ins All zu schießen. Warum können wir dann nicht sichere Nahrungsmittel gewährleisten?"

China kann es und beweist es. Aber gerade die sauberen Ausnahmen von der schmutzigen Regel treiben die Blogger noch mehr auf die Barrikaden. Dabei geht es ihnen nicht so sehr um Pekings privilegierte KP-Führer, von denen alle wissen, dass sie überwachte und garantiert unbelastete Nahrungsmittel für sich erhalten. Sie erregen sich über Berichte, wonach Chinas Olympiamannschaft während ihrer Vorbereitungen für die Sommerspiele in London keine normale einheimische Nahrung essen durfte - aus Angst, dass ihnen bei Dopingkontrollen Hormonrückstände nachgewiesen werden könnten.

Keine Probleme in Hongkong

Auch die Propaganda über die Raumfahrer, die zur Vorbereitung ihrer Mission nur "saubere" Lebensmittel erhalten, trifft im Internet auf Hohn: "Auf ins Weltall. Wer auf Erden zurückbleibt, darf getrost vergiftet werden." Zur jetzigen Feier des 15. Jahrestages der 1997 vollzogenen Rückkehr Hongkongs zur Volksrepublik zitierten Chinas Medien den Chef der dortigen Gesundheitsbehörde York Chow.

Er bestätigte, dass sein bei der Versorgung mit Nahrung und Wasser vom Festland abhängiges Hongkong keine Lebensmittelskandale kennt, "99,99 Prozent aller von China an uns gelieferte Nahrung ist sicher." Blogger schrieben: "Hat das auch mit dem Prinzip: Ein Land, zwei Systeme zu tun?" (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 4.7.2012)

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