Wenn eine Stadt zusperrt

3. Juli 2012, 17:52
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Drinnen oder draußen bleiben: Das hatten die Bewohner von Oberwölz entscheiden müssen, bevor sich für drei Tage die Tore schlossen. Drinnen startete eine Suche nach der Identität der kleinsten Stadt der Steiermark - nicht ohne Hindernisse.

Der Pfarrer war alles andere als glücklich mit dieser verrückten Idee. Die dreitägige, über ein Wochenende laufende Schließung der Stadttore von Oberwölz in der Steiermark würde die Kirchgänger aus der Umgebung daran hindern, Sonntag früh in den Gottesdienst zu kommen. Den Kompromissvorschlag lehnte der besorgte Geistliche auch ab: sich auf die Mauern zu stellen und sowohl für die, die sich einsperren lassen, als auch für die, die draußen bleiben, zu predigen. Das kam überhaupt nicht infrage.

Also suchte man einen kreativen Ausweg aus dem Dilemma, um die Idee der Oberwölzer Studentin Gunilla Plank umsetzen zu können. Die Junge Caritas richtete ein Asylamt für alle ein, die am Sonntagmorgen trotz Schließung der Stadttore in die Kirche wollten, erzählen Larissa Krainer und Harald Goldmann von der AlpenAdria-Universität in Klagenfurt. Die Leiterin des Instituts für Interventionsforschung und kulturelle Nachhaltigkeit und der Mediator waren die Köpfe des Forscherteams, das das Experiment " Oberwölz macht zu" von An- fang an begleitete. Nur während des Hochwassers 2011 wurde die lange Vorbereitungsphase gestoppt.

Am Samstag, dem 23. Juni, zelebrierte man abends die Schließung. Kurz vor Mitternacht rief ein Schauspieler mit dramatischen Gesten die Bevölkerung auf, sich zu entscheiden. Bleibe ich drinnen, oder will ich raus? Er rief: Nur wer die Wahl habe, sei wirklich frei. Geöffnet wurden die Tore erst wieder am darauffolgenden Montag, dem 25. Juni um 15 Uhr.

Die Idee des Asylamtes war denkbar provokant. Eine Herausforderung für die Landbevölkerung, die den sonntäglichen Kirchgang seit Jahrzehnten gewohnt ist: Einige Gläubige reagierten belustigt, andere waren verärgert und empfanden die Idee als Schikane. Sie suchten ihre ganz persönlichen Wege, um zur Kirche zu kommen, denn in der Grenze gab es Lücken, die nicht kontrolliert wurden. "Oberwölz macht zu" sollte ja trotz aller gewünschter Assoziationen mit der Geschichte, zum Beispiel mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 oder mit der eigenen Geschichte, als die Tore abends wirklich geschlossen wurden, jenes Kunstprojekt bleiben, als das es von der Regionale 12 initiiert wurde.

Kritik an diesem lockeren Umgang mit der Grenze kam überraschend von Kindern, erzählt Krainer. "Sie beschwerten sich, weil vor allem sie sich ja ständig innerhalb von Grenzen bewegen müssten."

Problem Abwanderung

Die Kirche war jedenfalls "voll wie immer". Der Pfarrer griff in seiner Predigt passend zum Anlass die Themen Migration und Integration auf. Die Oberwölzer haben aber wenige Sorgen diesbezüglich. Einzig ungarische Arbeitskräfte im Tourismus wecken mitunter ihren Argwohn und eine diffuse Angst um Arbeitsplätze. Ein größeres Problem der 970-Einwohner-Stadt sei freilich die Abwanderung, sagt Goldmann. "Viele müssen die Stadt und ihre Familie verlassen, um Geld zu verdienen. Das war schon vor Jahrhunderten so und hat sich bis heute nicht geändert." Die Forscher versuchten daher auch auf Basis von Interviews herauszufinden, was dieses "Weggehen" in der Stadtgesellschaft verursacht.

Die ersten Erkenntnisse waren nicht überraschend: Es gibt wie in anderen Regionen auch logische Brüche in der Tradition und in der Überlieferung von Kultur zwischen den Generationen. In der ehemaligen Handelsstadt, die für Salz- und Eisenhändler auch eine letzte Raststation vor dem Weg über die Hohen Tauern war, bemühte man sich während der Aktion um punktuelle Annäherung mit Showcharakter: eine Spinnerin, die sich bei ihrem Handwerk zuschauen ließ. Eine Expertin in Sachen Sockenstricken, die ihre auch schon fast ausgestorbene Handwerkskunst vermittelte.

Die Annäherung zwischen Alt und Jung versuchte man auch mit einem Geschicklichkeitstraining der besonderen Art. Studenten trugen einen " gerontologischen Testanzug", um sich in den Körper alter Menschen einzufühlen, und mussten damit verschiedene Aufgaben erfüllen, was ihnen kaum gelang. Krainer erzählt vom Gelächter der Dorfjugend. "Als sie es selbst versuchten, verging ihnen das Lachen."

"Stadtfindung"

Damit war aber die "Stadtfindung", wie es hieß, noch lange nicht beendet. Was wollen die Oberwölzer in ihrer Zukunft erreichen? Wie soll sich die Stadt entwickeln? Kann sich Oberwölz durch ein Kulturfest eine neue Identität schaffen?

Das Institut für Stadt- und Baugeschichte der TU Graz analysierte gemeinsam mit den Oberwölzern, welche "baulichen Anforderungen" an ein Festival in der Stadt zu erfüllen wären. Dabei wurden eine Herberge für 100 Personen und ein Festivalzentrum entworfen. Die zaghaften Annäherungen an das Thema Nachhaltigkeit scheinen auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein, sagt Krainer. "Die Stadtführung scheint hier weitermachen zu wollen." Offen sei nur das Wie.

Die Identitätssuche scheint angesichts der aktuellen Gemeindezusammenlegungen in der Steiermark auch dringend notwendig zu sein. Oberwölz sei mit derzeit drei Gemeindeämtern ein Beispiel für eine überbordende Verwaltungsstruktur der Vergangenheit.

Krainer und Goldmann glauben, dass Projekte wie "Oberwölz macht zu" den Prozess der Gemeindezusammenlegung erleichtern würden, "weil die Bevölkerung am Prozess teilnimmt und nicht von oben überrollt wird". Nun folgt aber vorerst die wissenschaftliche Ausarbeitung der Ergebnisse. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 4.7.2012)

  • Barrieren gegen die Flucht: Das Regionale-Experiment "Oberwölz macht zu" 
beschäftigte sich mit der Abwanderung und neuen Ideen.
    foto: franz valencak

    Barrieren gegen die Flucht: Das Regionale-Experiment "Oberwölz macht zu" beschäftigte sich mit der Abwanderung und neuen Ideen.

  • Einwandern nach Oberwölz mit Fingerabdruck am Asylamt: Ein Projekt der jungen Caritas zeigte den Kirchgängern, was es heißt, ein Flüchtling zu sein.
    foto: uni klagenfurt

    Einwandern nach Oberwölz mit Fingerabdruck am Asylamt: Ein Projekt der jungen Caritas zeigte den Kirchgängern, was es heißt, ein Flüchtling zu sein.

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