Denkanstöße aus der Multikulti-Monarchie

3. Juli 2012, 17:32
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Schon im Vielvölkerreich der Habsburgermonarchie waren österreichische Wissenschafter mit Fragen der Integration und Identität konfrontiert

Ein Historiker untersucht, welche Spuren ihre Arbeit hinterlassen hat.

Was das Zusammenleben verschiedener Volks- und Sprachgruppen betrifft, haben die Österreicher einen reichen Erfahrungsschatz. Denn so aktuelle Themen wie soziale und kulturelle Differenzierung, Mehrsprachigkeit, konkurrierende Identitätsangebote oder kulturelle Mehrfachidentitäten haben bereits die wissenschaftlichen Theorien vieler Denker der multiethnischen Habsburgermonarchie geprägt.

"Vor diesem Hintergrund entstanden schon damals wissenschaftliche Ideen und Strömungen, die explizit oder implizit auf die ethnische und kulturelle Vielfalt in diesem Staat reagiert haben", sagt der Historiker Peter Stachel, der sich in seinen von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finanzierten Untersuchungen mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Tendenzen im Vielvölkerstaat beschäftigt.

"Völkerfamilie" des Kaisers

So habe beispielsweise die volkskundliche Forschung in Österreich eine völlig andere Entwicklung genommen als in Deutschland, wo von Anfang an ihr "nationaler Auftrag" im Vordergrund stand. "In der Habsburgermonarchie wurde hingegen - zumindest in der staatlich geförderten Forschung - viel stärker humangeografisch argumentiert", sagt Stachel. Man betonte die gegenseitige Beeinflussung der verschiedenen Völker, die "Völkerfamilie" mit dem Kaiser als Vaterfigur. Dass dahinter Machtinteressen standen, liegt auf der Hand.

Ein Riesenprojekt zur Stärkung der "Familienbande" zwischen den kulturell so verschiedenartigen wie unterschiedlich mächtigen " Familienmitgliedern" war das sogenannte Kronprinzenwerk, eine 1883 von Kronprinz Rudolf initiierte landeskundliche Enzyklopädie, die in 24 Bänden sämtliche Kronländer und ihre jeweiligen Bevölkerungsgruppen vorstellte. Man wollte damit eine Ethnografie der gesamten Monarchie unter die Leute bringen, in der alle Völker ihren - wenn auch nicht gleichwertigen - Platz haben. Aus heutiger Sicht erscheinen die Texte und Bilder pathetisch und klischeehaft, aber immerhin wurden auch Juden und "Zigeuner" als Teil der "Völkerfamilie" in diese Sammlung aufgenommen.

Auch in der Soziologie hat der Vielvölkerstaat seine Spuren hinterlassen. Insbesondere drei Pioniere der altösterreichischen Soziologie - die Juristen Ludwig Gumplowicz und Eugen Ehrlich sowie der Privatgelehrte und Offizier Gustav Ratzenhofer - konnten im multiethnischen Kontext der Monarchie völlig eigenständige Ideen entwickeln. "Diese Denker sahen Staaten als Instrumente der Machtausübung einer sozialen oder ethnischen Gruppe über andere Gruppen" , erläutert Stachel, eine Sichtweise, die bei den staatlichen Autoritäten der Habsburger naturgemäß einen gewissen Widerwillen hervorrief.

"Dass die Soziologie bei uns erst in der Ersten Republik als eigenes Fach anerkannt wurde, dürfte damit zu tun haben", meint der Historiker. In den USA, einer anderen multiethnischen Gesellschaft, waren die Ideen der österreichischen Soziologiepioniere als "Austrian Conflict School" dagegen hoch angesehen.

Frühe Wissenssoziologen

Interessanterweise stammen auch die meisten frühen Vertreter der Wissenssoziologie, welche von gesellschaftlich geformten sozialen Realitäten ausgeht, aus der Habsburgermonarchie. Wilhelm Jerusalem kam aus Böhmen, Ernst Mannheim aus Ungarn, Ludwik Fleck aus Galizien. "Zwar machten fast alle von ihnen außerhalb Österreichs Karriere, doch ihre Prägung durch die Monarchie scheint mir offensichtlich", sagt Stachel. " Wer inmitten verschiedener Sprachen und Kulturen lebt, ist vermutlich weniger anfällig dafür, die soziale Umgebung als naturgegeben anzusehen." Dass überdies etliche dieser frühen Wissenssoziologen Juden waren, dürfte sie für die Idee von der Konstruiertheit kultureller Gegebenheiten besonders sensibel gemacht haben.

An jenen philosophischen Ideen, die den Weg in die Schulbücher des Kaiserreichs fanden, fiel Stachel ebenfalls eine österreichische Eigenheit auf: Während die deutschen Philosophen stark von der Strömung des Idealismus geprägt waren, wurden in Österreich die Grundlagen der analytischen Sprachphilosophie vom Gelehrten Bernard Bolzano gelegt. " Bolzano ging davon aus, dass man zwischen der sprachlichen Fixierung einer Aussage und ihrer logischen Bedeutung unterscheiden muss", erklärt Peter Stachel: "Auf einer politischen Ebene impliziert diese Erkenntnis, dass auch die Alltagssprachen auf bloßer Übereinkunft beruhen und es daher zwischen ihnen keine unterschiedliche Wertigkeit geben kann."

Sprachnationalismus

Dass Bolzano im zweisprachigen Böhmen, wo Deutsch und Tschechisch gesprochen wurde, diese damals hochbrisante politische Schlussfolgerung offen zog, war in der Blütezeit des Sprachnationalismus keineswegs selbstverständlich. Zwar wurde seine Philosophie von offizieller Seite - nach seinem Tod - als sehr brauchbar erachtet und in die Schulbücher übernommen, er selbst aber wurde nur in einer Fußnote erwähnt. Warum? " Bolzano wirkte in Prag nicht nur als Philosoph und Mathematiker, sondern auch als Priester. Seine oft staatskritischen Predigten führten dazu, dass er der Politjustiz des Vormärz zum Opfer fiel", berichtet der Historiker. Seiner philosophischen Ideen aber hat man sich gerne bedient.

Auch wenn der Umgang der Habsburgermonarchie mit ihren vielen Völkern ein widersprüchlicher und nicht unbedingt vorbildhafter war, eine Lehre lässt sich aus der Beschäftigung mit den wissenschaftlichen Strömungen im Vielvölkerreich jedenfalls ziehen: Die Reibung am Unterschiedlichen schärft den kritischen, analytischen Verstand, aus dem die großen Ideen der Geistesgeschichte entstanden sind. (Doris Griesser, DER STANDARD, 4.7.2012)

  • Eine "Zigeunerfamilie" als Illustration des Bukowina-Bandes des sogenannten 
Kronprinzenwerkes. Kronprinz Rudolf stellte ab 1883 in der 24-bändigen 
Enzyklopädie sämtliche Kronländer und ihre Bevölkerungsgruppen vor - ein frühes 
Völkerverbindungsprojekt.
    foto: stachel

    Eine "Zigeunerfamilie" als Illustration des Bukowina-Bandes des sogenannten Kronprinzenwerkes. Kronprinz Rudolf stellte ab 1883 in der 24-bändigen Enzyklopädie sämtliche Kronländer und ihre Bevölkerungsgruppen vor - ein frühes Völkerverbindungsprojekt.

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