Die Überzeichnung des Klischees

3. Juli 2012, 18:13
  • Model statt Puppe: Marlis Petersen (als Olympia) probt "Hoffmanns 
Erzählungen" (mit Arturo Chacón-Cruz als Hoffmann).

    Model statt Puppe: Marlis Petersen (als Olympia) probt "Hoffmanns Erzählungen" (mit Arturo Chacón-Cruz als Hoffmann).

  • Roland Geyer inszeniert: weg von Märchenhaftigkeit.
    foto: th. a. d. wien

    Roland Geyer inszeniert: weg von Märchenhaftigkeit.

Am Mittwoch haben "Hoffmanns Erzählungen" von Offenbach Premiere im Theater an der Wien - zum zweiten Mal in diesem Jahr

 Intendant Roland Geyer inszeniert nach einer weniger gelungenen Produktion im März nun selbst. Ein Probenbericht in drei Teilen.

Wien - Probenpause im Theater an der Wien, fünf Tage vor der Premiere. Vor dem Bühneneingang wird soeben hektisch telefoniert: "Es geht drunter und drüber!" Drinnen macht Ausstatter Herbert Murauer noch rasch ein Foto von Marlis Petersen, das mit einem Gemälde überblendet und als Videoprojektion verwendet werden soll: "Dauert nur eine Minute!"

Dann bittet die Sängerin den Standard in ihre Garderobe, wo geschätzte zwanzig Paar Schuhe stehen und die noch nicht ganz fertigen Kostüme der Olympia, Antonia, Giulietta und Stella hängen. Alle vier großen Frauenrollen in Jacques Offenbachs fantastischer Oper Hoffmanns Erzählungen wird die Sopranistin zwischen 4. und 10. Juli verkörpern. Sie ist Feuer und Flamme für diese fordernde Aufgabe - und auch für die Regieideen von Intendant Roland Geyer, der sich im Mai kurzfristig von William Friedkin getrennt hat, als sich abzeichnete, dass man auf keinen gemeinsamen Nenner mehr kommen würde. Ursprünglich hätte der Filmregisseur (French Connection, Der Exorzist) zwei Versionen des Stücks erarbeiten sollen; nach seiner wenig überzeugenden Regiearbeit vom März und Meinungsverschiedenheiten über das weitere Vorgehen entschloss sich Geyer, selbst in die Bresche zu springen.

Über die Art und Weise, wie er das tut, ist Petersen überrascht: "Ich weiß nicht, wo er diese Energie hernimmt. Er probt den ganzen Tag, arbeitet dann noch nach und bereitet den nächsten Tag vor. Und dann unterrichtet er auch noch nebenher Mathe, verschwindet vormittags kurz und kommt dann wieder ins Theater."

Die Herausforderung, vor der die Sängerin selber steht, nimmt sie ziemlich gelassen: "Ich habe zum Glück die Gabe, mich in viele Rollen zu begeben und trotzdem Distanz zu halten. Ich liebe es, vielfältig zu agieren. Vielleicht bin ich auch gerade durch meine neue CD mit Frauenfiguren bei Goethe dafür besonders trainiert (Harmonia Mundi France, Anm.)."

Eben noch hat Petersen erzählt, wie viel Spaß ihr die Arbeit macht, nun steht sie nach der zwanzigminütigen Pause schon wieder auf der Bühne: Geprobt wird noch ohne Kostüme, aber mit vollem Einsatz. Dirigent Riccardo Frizza unternimmt letzte Abstimmungen mit den Sängern und dem Chor; nur selten schaltet sich der inszenierende Intendant ein, modifiziert das Tempo auf der Bühne oder die Bewegungen des Arnold-Schoenberg-Chors.

Oder er bittet Petersen, ihren Catwalk nochmals ein wenig grotesker zu machen. Denn in der Rolle der Olympia hat die Sängerin ein Model "à la Heidi Klum" zu mimen und, wie sie selbst sagt, "oberflächliches Blabla" zu simulieren. Keine Puppe diesmal, sondern eher ein Püppchen.

Nach der Probe entledigt sich Geyer seines Schals ("Der ist nur wegen der Klimaanlage!"), bestellt im Theatercafé nebenan eine Pannacotta und erläutert sein Regiekonzept: "Olympia als Model war der Ausgangspunkt meiner Überlegungen. Sie ist eine von drei Männerfantasien - neben der unschuldigen Antonia, die sich für den Mann aufspart, und Giulietta, der Tobenden im Bett. Diese Klischees und ihre Überzeichnungen bildeten den Kern meiner konzeptuellen Ideen."

Den Verdacht, dass solche Ideen bereits vorhanden waren, bevor er sich entschloss, diese Regie zu übernehmen, bestätigt Geyer: "Bei den meisten Opernprojekten habe ich bereits bestimmte Vorstellungen, bevor ich mit dem Regisseur spreche - nicht im Detail, aber konzeptuell. Bei Hoffmanns Erzählungen waren ja von vornherein zwei Versionen geplant. Die Aufführungsserie im Juli sollte von den Frauenfiguren ausgehen, für die Premiere im März hatte ich William Friedkin vorgeschlagen, im Stil eines Hitchcock-Krimis zu inszenieren - unter der prinzipiellen Prämisse, dass das Gute und Böse in jedem von uns steckt. Jedenfalls wegkommen wollte ich von einer märchenhaften Inszenierung, wie sie an der Staatsoper zu sehen ist."

Dabei waren zunächst einmal finanzielle Probleme zu bedenken: "Wir hatten nicht allzu viel Budget vorgesehen, sondern nur ein wenig für neue Kostüme. Aus dem Problem, dass ich eine neue Bühne und eine neue Ausstattung brauchte, wurde die Grundidee eines Theater-an-der-Wien-Figurenmuseums, so wie bei Madame Tussauds, mit Opernfiguren unserer letzten 20 Produktionen. Da gibt es einen Papageno, Hamlet, Eurydice, Don Giovanni, Serse usw."

Diese scheinbar unvermittelt auftauchenden Figuren stellt er freilich durchaus in einen gedanklichen Zusammenhang mit dem Stoff der Oper: "Für meine Inszenierung habe ich mich nochmals intensiv mit dem Werk von E. T. A. Hoffmann beschäftigt. Was ich davon auf die Bühne bringen will, ist neben der psychologischen Zeichnung der Hauptfiguren vor allem das Groteske und den plötzlichen Sprung von einem ins andere. Bei ihm gibt es immer wieder abstruse Situationen, die nichts mit der Grundgeschichte zu tun haben, Fantasien, Halluzinationen."

Von der Fantasie, in Zukunft neben seiner Intendanz regelmäßig selbst auch Regie zu führen, ist Geyer freilich weit entfernt: "Ich bin nicht der Typ dafür, ein großes Haus zu leiten und gleichzeitig künstlerisch tätig zu sein. Andere mögen das machen, das will ich gar nicht kommentieren. Aber sich voll auf einen Kreativprozess einzulassen und parallel dazu ein Haus zu führen, wie ich mir das vorstelle, das geht nicht."

Außerdem verweist er darauf, dass seine Inszenierung nur zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt denkbar war, zumal im Mai die Wiener Festwochen im Theater an der Wien gastierten, somit keine Eigenproduktion zu bewältigen war. Ist er aber dennoch auf den Geschmack gekommen? "Bis 2018 bin ich hier als Intendant. Es kann sein, dass ich 2015/16 wieder Regie führe - aber was das ist, sage ich noch nicht." (Daniel Ender, DER STANDARD, 4.7.2012)

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17 Postings

Gerade bei Hoffmanns Erzählungen frage ich mich, wieso ausgerechnet dieses Stück immer in so grässlichen Inszenierungen dargeboten wird.
Diese Oper hat unglaublich viel Potential, um alle Register des Theaterzaubers und der Phantasie zu ziehen, jeden Akt könnte man zum absoluten Knaller machen, aber nein, meistens wird man mit Langeweile und Belanglosigkeit konfrontiert.

Erstaunlich

die sog. Spiegel-Arie, die ja dem Text nach eine Diamanten-Arie ist (scintille diamant) - diesmal war aber zu hören "mon miroir", also doch ein Spiegel!
Ihre eigentliche Frage sei so beantwortet: weil sich kein Regisseur mehr an die meist recht effektvoll gewählten szenischen Vorgaben im Libretto hält und statt zu erzählen halt lieber belehrend interpretiert!

Spiegel und Diamant

Die Spiegelarie ist nur deswegen eine Diamantenarie weil sie in eine andere Oper gehört. Dort war es (ursprünglich) der Diamant - bei Hoffmann muss es dann der Spiegel sein, denn es geht ja um das Spiegelbild. Diamant singt sich allerdings schöner...

Dennoch: Musikdramaturgisch hat das Ding - so schön es ist - in der Oper eigentlich nichts verloren. Denn es stört den dramatischen Fluss und passt eigentlich auch musikalisch nicht zum "Bösewicht". Wieso sollte der auch plötzlich eine klangschöne Arie haben, die völlig anders ist, als seine bisherigen Szenen? Wo doch das Auftrittsmotiv immer gleich ist.

- Historisch ist es klar, das hat der Bass einfach gefordert; aber das ist kein musikdramatisches Argument.

Die Arie ist wirklich sehr schön und es wäre doch schade, wenn man sie auslässt.
Ob die Oper nun 3 Minuten länger dauert, ist auch schon wurscht.

Beinahe richtig

Na ganz so war es nicht - die Melodie von "Scintille diamant" ist der Ouverture der Operette "Die Reise zum Mond" entnommen und wurde von A. Bloch um 1904 missbraucht, eine weitere Arie für den Hoffmann herzustellen. Gesucht war ein Ersatz für das Trio de Yeux (dt. Augenterzett) im Olympia-Bild, das bei der Uraufführung gestrichen wurde und in der Versenkung verschwand bis es von A.de Almeida wieder aufgefunden wurde (siehe quellenkrit. Bericht v. Öser). Was Bloch und Gunsburg antrieb, ihr fragwürdiges Produkt in den Giulietta-Akt einzureihen und Offenbachs Spiegelarie "Tourne miroir" von Barbier jun. neu texten und von Coppelius singen zu lassen, ist ebenso wenig nachvollziehbar, wie die Beibehaltung dieser schwachsinnigen Paxis bis heute.

Komplett richtig,

wenn Sie nun diese Arie (ob Spiegel, ob Diamant) von Dapertutto (und nicht von Coppelius) singen lassen - mitsamt dem für einen Bass extrem hohen Finalton....

…womit Sie sich die Antwort,

…womit Sie sich die Antwort, warum diese Einlage kontraproduktiv ist, selbst geben. Das hohe Gis liegt außerhalb der Reichweite des tiefen Basses, was eine Teilung der Rolle oder die Besetzung mit einem Bariton nach sich zieht, dem in fast allen Fällen die Tiefe fehlt, Dr. Mirakel dämonisch wirken zu lassen, oder beides. Ihr Vorschlag wäre akzeptabel, hätte der Meister die passende Arie „Tourne Miroir“ für Dapertutto nicht mitgeliefert. Frage: fänden Sie es auch „ganz richtig“ wenn in Rossinis „Barbiere“ Bartolo anstatt „Un Dottor“- „Manca un Foglio“ von P. Romani und Rosina anstatt „Contro und cor“ den „Parla-Walzer“ von L. Arditi singen würde? Auch das war bis vor 50 Jahren Praxis. Hinsichtlich Tradition halte ich es mit Mahler..

Pardon, aber

ich fragte nirgends, weshalb "diese Einlage kontraproduktiv ist" und ich machte auch keinerlei (akzeptablen?) Vorschlag; ich stellte einfach fest, dass diesmal vom "Miroir" und nicht - wie beim hoffmanesken Erstversuch im Th.a.d.Wien - vom "Diamant" gesungen wurde. Traditionen kommen und gehen....

SCHLIMM WAR'S

und leider muss gesagt werden: Frau Petersens Höhen haben wohl durch manche ihrer Lieblingsrollen ziemlich gelitten...

Ichsehdasanders

Eine herausragende Marlies Petersen (stimmmlich wie darstellerisch) und ein durchwegs gutes Ensemble in einer Inszenierung, die flüssig funktioniert und der Petersen eine ordentliche Basis für eine "One-Woman-Show" (hier durchaus mehrdeutig und im Sinne des Werks) bietet. Mehr kann man von einer Notlösung auch nicht verlangen.

Fazit: Gut war's. Und wegen der Petersen alleine sollte man es gesehen haben.

P.S.: Kein Publikumsschwund in der Pause, nicht ein einziges "Buh" am Ende.

Nicht ein einziges Buh!

Das ist dort üblich - es gibt kein unkritischeres Publikum als bei den Premieren im Th.a.d.W.! Dort scheint man schon glücklich zu sein, wenn nur der Vorhang hochgeht!

Warum war denn unser OBERKRITIKER auch DA?

Na immer schön runtermachen - ob Sie da waren? Sie hätten doch aus Prinzip Buh gerufen

Dramaturgisch ist der Abend jedenfalls ein Gewinn und wenn ein bisschen Nervosität in den Stimmen zu hören war, ist dies ja nicht weiter tragisch. Sehr stimmige Sache!

Ob ich DA war?

Nein, ich war DORT! Da ich mich prinzipiell nicht per Buh äußere, wartete ich - nach etwa 3,5 Stunden - nur apathisch darauf, dass meine Sitznachbarn sich endlich erhoben! "Runtermachen" - etwa so wie Sie in der "Presse"?

Wollt' nur wissen, ob Sie Ihr Unwesen auch auf der Presse-Seite treiben

Und Ihr WESEN

treibt sich WO NOCH herum bzw. umher?

Interessantes künstlerisches Konzept im Theater an der Wien. In Zukunft gibt´s nur noch Hoffmanns Erzählungen! Im Herbst inszeniert das Kantinenpersonal, im Dezember folgt die lang erwartete Interpretation des Pressebüros und im Februar werden die Billeteure des TadW eine revolutionäre Neufassung zum Besten geben. Dirigent jeweils Roland Geyer, der genialste Mathelehrer aller Zeiten!

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