Griechen sollen offene Rechnungen zahlen

3. Juli 2012, 16:00

Die Troika aus EZB, EU-Kommission und IWF hat Griechenland im Visier, offene Lieferanten-Rechnungen werden auf 6,5 Milliarden Euro taxiert

Athen/Berlin - Die Troika aus EZB, EU-Kommission und IWF hat Griechenland zum Bezahlen offener Rechnungen in Milliardenhöhe aufgefordert. "Es wäre ein erster Schritt, die angehäuften Außenstände zu begleichen", sagte der deutsche Chef der EU-Mission, Horst Reichenbach, am Dienstag in Athen. Die Experten der drei Institutionen wollen sich vor Ort über Reformfortschritte informieren und darüber entscheiden, ob das pleitebedrohte Euro-Land die nächste Kredittranche erhalten kann.

Die Schuldenkrise hat dazu geführt, dass die von den internationalen Finanzmärkten abgeschnittenen Hellas-Banken nur noch zögerlich Kredite vergeben und der klamme Staat Rechnungen lange liegen lässt, um bei Kasse zu bleiben. Dieses Problem behindere alle Reformfortschritte, sagte Reichenbach.

Lieferanten in der Industrie sitzen auf einem Berg offener Rechnungen von rund 6,5 Mrd. Euro. Die Forderungen reichen von Arzneimittellieferungen der Pharmabranche für Krankenhäuser bis hin zu teuren Bauleistungen für den griechischen Staat. Die Regierung kündigte an, die Zulieferer - wenn möglich - noch in diesem Jahr zu bezahlen. Zudem wolle sie die Rüstungsausgaben senken und den Umbau der Staatsunternehmen vorantreiben, teilte das Finanzministerium mit. Ziel sei es, das Haushaltsdefizit abzubauen und zugleich die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen.

Kein Aufschnüren

EZB-Direktor Jörg Asmussen hatte die Regierung in Athen zu Wochenbeginn vor einem Aufschnüren des Rettungspakets gewarnt. Der scheidende Chef des Weltbankenverbandes, IIF, Charles Dallara, forderte das Land nun auf, die Bürokratie abzubauen, den Staatssektor zurückzufahren und Privatisierungen beherzt anzupacken. Dem tschechischen Blatt "Hospodarske Noviny" sagte Dallara, trotz aller Probleme liege die Zukunft des Ägäis-Landes in der Euro-Zone: "Die Griechen haben eine Brücke überschritten und können nicht mehr umkehren."

Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico forderte von allen hilfsbedürftigen Euro-Ländern eine klares Bekenntnis zu Reformen. Sein Land sei nicht bereit, weitere Hilfen zu leisten, wenn die Empfängerländer nicht klar nachwiesen, dass sie ausreichende Reformen unternähmen: "Die Geduld der Öffentlichkeit ist am Ende", sagte Fico nach einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. In Zypern, das nach Griechenland, Irland, Portugal und Spanien als fünfter Staat Hilfen aus dem Euro-Rettungsschirm beantragte, nahm die Troika die Prüfung des Finanzbedarfs auf.

Die Euro-Länder sind nach den Worten des niederländischen Europaministers Ben Knapen zwar auf ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone eingerichtet, gehen aber vom Verbleib des Landes im Währungsraum aus. "Technisch sind wir auf alles vorbereitet, aber wir gehen auch heute davon aus, dass die Griechen die Abmachungen einhalten werden", sagte Knapen im Deutschlandfunk.

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) Markus Kerber, sagte dem "Handelsblatt", ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro wäre auch für Deutschland fatal. "Diese wechselseitige Verwundbarkeit ist vielen gar nicht bewusst", warnte er. Der bayerische Finanzminister Markus Söder hält die Rettungsbemühungen für einen Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone allerdings für gescheitert. "Griechenland kann und will es wohl nicht schaffen", sagte der CSU-Politiker der "Augsburger Allgemeinen". Man müsse ein Ausstiegsszenario für Griechenland vorbereiten. Das Land sei wirtschaftlich kaputt und könne mit dem Euro keinen Neuanfang bewältigen. (APA/Reuters, 3.7.2012)

Kommentar posten
11 Postings
Qudratur des Kreises

Das schafft kein Schwein: "Ziel sei es, das Haushaltsdefizit abzubauen und zugleich die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen."

Was haben die griechischen Normalverbraucher eigentlich angestellt?

Dauernd heiß es: die Griechen. Zahlen sollen endlich einmal dijenigen, die ihre Steuern nicht zur Gänze bezahlt haben und das betrifft in erster Linie einige Superreiche und nicht die kleinen Leute.

Das ist ein Irrtum.

Den Staat zu besch..... hat in GR eine Jahrhunderte alte Tradition und zieht sich gleichermaßen durch alle sozialen Schichten. Natürlich sind die Beträge, um die's dabei geht, bei den Reichen größer, aber dafür ist Mittelstand und Unterschicht weit zahlreicher. Hinterzogen werden Einkommensteuer, Lohnsteuer, Vermögensteuer, Mehrwertsteuer und sämtliche Arten von Transferleistungen des Staates bis zu öffentlichen Unterstützungen für jegliche Art von Behinderung.
Für 90% aller Griechen ist der Staat der Feind, an dem das Geld zum Wohle der Familie (des Clans) vorbeigeschwindelt werden muss. Was wunder, nach 450 Jahren osmanischer Herrschaft und Militärjunta?!

offene Lieferanten-Rechnungen werden auf 6,5 Milliarden Euro taxiert

Hmmmm, ob es sich dabei wohl um offene Rechnungen für Waffen aus Deutschland und Frankreich handelt?

Ich habe gelesen Merck liefert nicht mehr, weil sie allein aus 2011 ca. 10 Mio. EUR offen haben.

Bulgarien und die Schweiz sollen Stromverkäufe an GR wegen Nichtbezahlung alter Rechnungen ebenfalls bereits eingestellt haben.

Nein, in erster Linie medizisches Gerät und Arzneien.

Stimmt das??

Griechenland hat trotz Sparvorgaben immer noch prozentual das höchste Militärbudget der EU. Allein im Pleitejahr 2009 war das fast 1 Mrd.

Wieso werden die Reeder immer noch nicht zur Steuerkasse gebeten??? Wieso hat keine Regierung in Griechenland das einschlägige Gesetz geändert?

WO kann man eigentlich im Detail nachlesen, welche Sparvorgaben die Troika Griechenland gemacht hat und welche davon erfüllt wurden und welche nicht. Die Berichterstattung über diese wichtige Frage ist sehr dürftig.

Egal,

auf jeden Fall sollte man den Mensdorfer Pulli überprüfen.

Tipp: Lieferung nur noch gegen Vorrauskasse

Sollte doch ganz normal sein, dass wenn Rechnungen nicht mehr bezahlt werden, weitere Lieferungen, wenn überhaupt, nur noch gegen Vorrauskasse erfolgen.

Ja, so funktioniert das in der Wirtschaft.

Nur: wenn ein Schuldner 10 Mio. bei ihnen seit 1 Jahr offen hat (Zahlungszielüberschreitung) und für 1 Mio. gegen Vorauskasse bestellt, werden Sie ihn dann beliefern? Die Million reicht ja fast nicht für die Abgeltung der aufgelaufenen Verzugszinsen...
Wenn sich der Vorstandsvorsitzende eines Privatunternehmens aufführt wie ein Boss der Heilsarmee, werden ihn sein Aufsichtsrat, seine Aktionäre und nicht zuletzt seine Mitarbeiter davonjagen.

ich glaub so ziemlich jedes land und jeder bürger haben eine offene rechnung mit dem finanzmonopol - und an dessen stelle würde ich beten, daß sie diese nicht begleichen

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.