Einheitliche Regelungen gegen Schulschwänzen

3. Juli 2012, 12:30

Verpflichtende Einbindung von Experten - Geldstrafe für Härtefälle wird auf 440 Euro verdoppelt

Wien - Der Umgang mit Schulschwänzern war in Österreich bisher nicht einheitlich geregelt. Am Dienstag wurde nun von der Regierung ein Stufenplan im Ministerrat beschlossen, der erstmals eine einheitliche Regelung für den Umgang mit schulpflichtigen Jugendlichen bringt, die über längere Zeit nicht in den Unterricht kommen. In vier Stufen sind darin Gespräche zwischen Schülern, Eltern, Lehrern, Schulpsychologen, Sozialarbeitern und der Schulaufsicht sowie die Einschaltung der Jugendwohlfahrt vorgesehen. In Härtefällen sollen Eltern eine Strafe von 440 Euro und damit doppelt so viel wie bisher bezahlen müssen.

Viele Schulschwänzer aus schwierigen Familien

Laut Unterrichtsministerium laufen derzeit 1.500 Strafverfahren wegen Verletzung der neunjährigen Schulpflicht. In 30 Fällen müssen Eltern eine Geldstrafe von derzeit noch 220 Euro zahlen. Einer vom Ministerium in Auftrag gegebenen qualitativen Studie zufolge sind die meisten Schulschwänzer zwischen 13 und 14 Jahre alt und bei beiden Geschlechtern zu finden. Viele kommen aus bildungsfernen, oft nicht mehr intakten Familien und haben Erfahrung mit Gewalt oder Suchtproblemen der Eltern gemacht. Kulturell bedingte Faktoren und damit der Migrationshintergrund spielen laut Studie hingegen nur "eine untergeordnete Rolle".

Einschreiten nach fünf Tagen

Mit dem Regierungsvorschlag wird erstmals definiert, wann überhaupt eine Schulpflichtverletzung vorliegt. Ein erstes Einschreiten ist laut Stufenplan vorgesehen, wenn ein Schüler fünf Tage bzw. 30 Stunden pro Semester oder an drei aufeinanderfolgenden Tagen unentschuldigt fehlt. Stufe I: Ein verpflichtendes Gespräch zwischen Schülern, Eltern und Lehrern, bei dem nach den Gründen für das Schwänzen gesucht und die Verantwortung für eine Verbesserung der Situation geklärt wird. Außerdem werden schriftlich die nächsten Schritte vereinbart und nach spätestens vier Wochen in einem weiteren Gespräch überprüft, ob diese von allen eingehalten wurden.

Stufe II mit Sozialarbeitern

Ist das nicht der Fall oder zeichnet sich schon früher ein Scheitern ab, folgt Stufe II, bei der unter Federführung der Schulleitung Schülerberater, Schulpsychologen bzw. wenn vorhanden Schulsozialarbeiter und Jugendcoaches einbezogen werden. Zeigt auch diese Maßnahme nach spätestens vier Wochen keine Wirksamkeit, wird in Stufe III die Schulaufsicht angerufen und die Beteiligten über weitere rechtliche Schritte informiert. Auch hier sind Gespräche mit Eltern, Schülern und Lehrern geplant. Nach maximal zwei Wochen wird in einem weiteren Gespräch die Wirkung der Maßnahme überprüft.

Erst nach vier Stufen kann Strafe verhängt werden

Nutzt auch das nichts, wird auf Stufe IV die Jugendwohlfahrt eingeschaltet, die gemeinsam mit der Schule Maßnahmen setzt. Zeigen auch diese keine oder schwache Wirkung, muss die Schulleitung nach maximal vier Wochen eine Anzeige bei der Bezirksverwaltungsbehörde einbringen. Diese kann dann eine Strafe von bis zu 440 Euro verhängen.

Um Schulschwänzen schon im Vorfeld zu vermeiden, müssen außerdem zu Beginn jedes Schuljahres zwischen Schülern und Klassenlehrern Kommunikations- und Verhaltensvereinbarungen vereinbart werden und Lehrer und Direktoren schon bei ersten Fällen von unentschuldigtem Fehlen unterstützend eingreifen bzw. die Ursachen für das Schwänzen beseitigen.

Um die Wirksamkeit der Maßnahmen zu überprüfen, soll die Zahl der Schulpflichtverletzungen jährlich erhoben und vom Unterrichtsministerium gesammelt werden. Auf Basis dieser Schulschwänz-Statistik soll nach drei Jahren eine Evaluierung erfolgen. (APA, 3.7.2012)

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18 Postings
Edutainment

Es muss ja nicht gleich Edutainment sein, aber in vielen Fällen ist der Unterricht für Kinder einfach zuuuu langweilig! Andere wiederum sind maßlos überfordert, sodass sie gleich abschalten und sich dann erst recht wieder langweilen. Oder aber sie sind unterfordert, ... Also: Individualisierung könnte zumindes einen Teil des Problems abfangen!

Eine Schule, in die man gehen MUSS und die man schwänzen KANN

Ich denke, da sollten doch langsam mal wenigstens die ersten aus dem Koma erwachen: Unsere Schule ist doch so konstruiert, dass man hingehen MUSS und sie schwänzen KANN. Nicht ständiges Einüben von MÜSSEN macht lebenstüchtig sondern das KÖNNEN muss man dafür trainieren. Das ist aber bei dieser verkehrten Vorgabe gar nicht möglich.
Genau die Erkenntnis dieses Kernfehlers der Pädagogik war übrigens der Auslöser für die ICH-KANN-Schule. Schule lässt sich - wenn man es verstanden hat - auch in ICH-KANN-Qualität machen. Wenn sie nicht nur jeden Tag mehr DU MUSST erleben sondern wirklich als KÖNNER dort wachsen können, gehen selbst notorische Schulschwänzer wieder gerne in die Schule.
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe

schon wieder experten...

dieses wort kann ich schön langsam nicht mehr hören/lesen.

Wieder einmal nicht verstanden, wo der Kern der Ursache liegt

...Studien belegen eindeutig: "Lernen ist einer der schönsten und stärksten Antriebe eines jeden Menschen". Wenn man diesen natürlichen Zugang hat, dann ist einem sonnenklar: Es muss schon sehr viel schieflaufen am Ort Schule, dass Kinder dort nicht gerne hingehen. Denn: Kinder lernen laufend freiwillig und mit großem Eifer: z.B. lernen sie freiwillig gehen, obwohl es doch viel bequemer wäre, im Kinderwagen herumchauffiert zu werden. Sie haben eine unbändige Neugier und einen wunderbaren Entfaltungsdrang. Im Biobereich ist eine artgerechte Tierhaltung längst Verpflichtung. Hoffentlich besinnen wir uns bald auf eine artgerechte "Menschenhaltung", sodass Schule ein Ort der Freude wird, wo die Kinder es lieben, SEIN zu dürfen.

freiwillig zu lernen mag tatsächlich ein schöner und starker Antrieb sein. Aber seien Sie bitte mal ehrlich, fast kein Schüler lernt freiwillig (zumindest nicht den Stoff der Schule) - sondern es ist ein geregelter Vorgang, dem sich das Kind unterwirft. Aus Angst zurück zu bleiben, ausgeschlossen zu werden, zu versagen, usw. Alles andere ist eine Augenauswischerei.

Wenn Sie recht hätten, dann

bräuchte man die Schule nicht, sondern man gibt den Kindern ein paar Bücher und das war's.
Die Realität sieht etwas anders aus. Gelernt wird meist dort, wo sich schnell Erfolg einstellt und am besten mit viel Action, d.h. heute lernt ein Kind schnell in allen möglichen Computerspielen in den letzten Level zu gelangen, das kleine 1x1, Vokabel oder einen korrekten Satzbau, wird es sich eher selten freiwillig antun (es gibt auch Ausnahmen, aber wie gesagt eher selten).

Lernen ist nicht gleich Lernen! - Beispiel Fremdsprachen: die ersten Worte gehen leicht, macht auch Spass. Aber irgendwann kommen auch die komplexeren Tücken zur Sprache, und wenn ich eine Sprache wirklich beherrschen möchte, führt kein Weg vom Vokabel- und Grammatikpauken vorbei.

Ich bin auch sehr dafür, dass das Lernen leicht gemacht wird, aber es hat auch irgendwann seine Grenzen. Und die Kids haben oft eine Phase, wo andere Dinge interessanter sind. Da muss schon auch Motivation aus dem Elternhaus kommen, gerade dann.

sie lernen "freiwillig" gehen?

das glaub' ich nicht.

und kinder lernen freiwillig und mit unbändiger neugier - stimmt so pauschal nicht (sage ich als vater von 2 buben) und schon gar nicht, sobald sie in die pubertät kommen...

Muss man Kinder in die Schule treiben?

Kämen sie nicht von alleine, wenn es für sie dort interessant wäre?
Wieso werden SchülerInnen bzw. deren Eltern bestraft, wenn LehrerInnen die Kinder aus den Schulen vertreiben?

So einige kommen auch freiwillig.

Die anderen haben Zuhause Computerspiele. ;-)

sie machen es sich schon sehr einfach

Wahrlich, ich sage Euch

oder so ähnlich sollte eine Erinnerung an meine Schulzeit beginnen.
Ich war ein leidenschaftlicher und auch begnadeter Schulstagler und habe trotzdem abgeschlossen.
Ich ging nur zur Schule, wann ich mochte, unterschrieb meine Entschuldigungen selbst (konnte meines Vaters Unterschrift besser als er selbst und in der Schule hat man seine während der gesamten Oberstufe ohnehin nicht gesehen), gab 2-stündige Schularbeiten nach 3/4 Stunden ab, um kurz ins Kaffehaus zu gehen ......
Und?
Hat nicht geschadet.
Meschen generell und Jugendliche im Besonderen sind neugierig.
Wollen wissen, wollen Lernen.
Locken bringt´s, Zwang ist zum Scheitern verurteilt.
Wenn SchülerInnen stageln gehören nicht die Eltern, sondern die LehrerInnen bestraft.

Warum habe ich nur ein solches Deja-vu-Erlebnis?

Es gibt ein massives disziplinäres Problem an den Schulen. Wochenlang wird darüber gegackert, und dann wird der Lehrerschaft ein neues Ei gelegt. Stress bekommen alle, die sich kümmern:

Lehrer, Schulpsychologen usw. Die Stagler und ihre Eltern dürfen sich weiterhin zurücklehnen und allen auf die Nerven gehen.

viele schulschwänzer aus schwierigen familien..

..viele schüler unter schwierigen lehrern!!

bildungsferne, oft nicht mehr intakte Familien und Gewalt oder Suchtproblemen der Eltern....

Ich frage mich, ob solche Familien überhaupt zu einem Eltern-Lehrergespräch erscheinen, oder 440 Euro aufbringen können?

Manche Leute reagieren halt nur auf Autorität. Alles andere ist denen egal, da lachen die nur drüber...

Wenn sich sogar die österreichische Bundesregierung seiner annimmt (es is ihnen a bisserl fad gworden),

wird der Franzi wohl wieder Schule gehen.

Hemmnisse

Die Frage ist ja, ob dieses langwierige Prozedere durch irgendwelche regelmäßigen Vorkommnisse gehemmt wird, wie beispielsweise dem Ende eines Semesters oder Schuljahres. Sollte es nämlich so sein, dass zuerst eine Woche geschwänzt wird, und dann noch 3,5 Monate lang die Stufen durchlaufen werden und dann doch keine Strafe kommt, weil das Semester zwischenzeitlich zu Ende ist, dann ist dieser Entwurf sinnlos.

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