Vom Montafon ins "Jerusalem am Balkan"

4. Juli 2012, 10:53
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Ein Vorarlberger mit türkischen Eltern arbeitet statt Bundesheer oder Zivildienst in einem jüdischen Museum in Griechenland

Ein Vorarlberger mit türkischen Eltern gedenkt in Griechenland der Opfer des NS-Rassenwahns: Seit Sonntag arbeitet Cem Yurt (20) als erster österreichischer Gedenkdiener im Jüdischen Museum von Thessaloniki. Anstatt seinen Dienst am Staat bei Bundesheer oder Rotem Kreuz zu leisten, entschied sich Yurt für den Gedenkdienst. Zwölf Monate dauert diese Form des Zivilersatzdienstes, wie das Holocaust-Gedenken als Dienst am Staat auf Amtsdeutsch heißt.

Die ersten vier Monate hat Yurt im jüdischen Krankenhaus Or-ahayim in Istanbul verbracht, nun ist er bis Ende Februar 2013 in der makedonischen Metropole stationiert. Dort übersetzt er osmanische Dokumente in das Deutsche und Türkische, unterstützt das chronisch unterfinanzierte Museum bei der Kontaktpflege zu internationalen Partnern und hilft, so will es der Bescheid der österreichischen Behörden, auch in Sachen Büroarbeit aus. Zu Hause stieß der Austro-Türke freilich nicht eben auf ungeteiltes Verständnis. "Manch einer hat mich gefragt, ob ich zum Judentum konvertiert bin oder ob ich homosexuell bin", erzählt er lachend.

Yurt, dessen Eltern 1990 aus der zentralanatolischen Stadt Yozgat ins 700-Einwohner-Dorf St. Anton am Montafon ausgewandert sind, ist als Gedenkdiener ein Exot unter den Zivil- und Präsenzdienern. Als Gedenkdiener mit Migrationshintergrund sowieso. Yurt, der nach dem Gedenkdienst Geschichte studieren möchte, findet derlei Differenzierung seltsam. "Es leisten ja auch nicht nur Juden Gedenkdienst, und es sind nicht nur Homosexuelle, die für die Rechte von Schwulen und Lesben demonstrieren."

Obwohl der Gedenkdienst heuer sein 20-jähriges Bestehen feiert, hat er sein Nischendasein bis heute nicht abgelegt. Den Vorwurf, dem Steuerzahler über Gebühr auf der Tasche zu liegen und sich ein schönes Jahr im Ausland zu machen, lässt Yurt nicht gelten. Per Definition ist der Dienst am Staat, so er im Ausland abgeleistet wird, unentgeltlich. Eine Förderung, derzeit etwa 700 Euro im Monat, gibt es aber. Was auf die Miete seines WG-Zimmers und sonstige Kosten fehlt, hat Yurt sich zusammengespart. "Im Notfall würden mir wohl auch meine Eltern helfen", hofft er.

Langes Verdrängen

Einen Steinwurf von Yurts Arbeitsplatz entfernt erinnert ein unscheinbares Denkmal an das grauenvolle Ende von Thessalonikis jüdischer Gemeinde. Erst 1997 wurde es errichtet. Im Juli 1942 begannen die deutschen Besatzer und ihre Kollaborateure mit der systematischen Ermordung der jüdischen Bevölkerung der Hafenstadt, des legendären "Jerusalem auf dem Balkan". Auschwitz, Treblinka, Sobibor hießen die Endstationen der Züge in die deutschen Konzentrationslager, die Alois Brunner, ein Österreicher in SS-Uniform, auf den Weg geschickt hatte. Nur 2.000 der ursprünglich 50.000 Thessaloniker Juden überlebten. Wo früher 40 Synagogen den meist sephardisch-iberischen Juden der Stadt zur Andacht dienten, reichen heute zwei kleine Gotteshäuser, um die kaum 1.000 Köpfe umfassende jüdische Gemeinde zu versorgen. In der Geburtsstadt des türkischen Staatsgründers Atatürk, die bis zum Holocaust mehr jüdisch und türkisch war als griechisch, verdrängte man den Massenmord lange.

Andreas Maislinger, Obmann des Trägervereins Österreichischer Auslandsdienst und vor 20 Jahren Initiator des Gedenkdienstes, hält die Arbeit von Cem Yurt auch für ein Symbol der notwendigen Aufarbeitung der Geschichte - gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise, wo alte Ressentiments zwischen Griechen und Deutschen wieder Gehör finden. "Es waren aber Österreicher wie Alois Brunner, die den Transport von Thessalonikis Juden in die Todeslager zu verantworten haben. Wir wollten bereits früher einen Gedenkdiener entsenden, aber jetzt ist er umso notwendiger", sagt Maislinger. In Zukunft werde es einen zweiten Gedenkdiener in Griechenland geben. In Distomo, wo die deutsche Wehrmacht 1944 an 218 griechischen Dorfbewohnern Rache für einen Partisanenangriff übte, soll ab 2015 ein Österreicher im dortigen Gedenkzentrum arbeiten. "Wir wollen in Griechenland auch an die nichtjüdischen Opfer des Nationalsozialismus erinnern", so Maislinger. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 4.7.2012)

  • Cem Yurt vor seinem neuen Arbeitsplatz auf Zeit.
    foto: privat

    Cem Yurt vor seinem neuen Arbeitsplatz auf Zeit.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das Denkmal wurde 2011 geschändet - nicht zum ersten Mal.

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