Taliban oder für die Regierung? - Eine Shura in Zormat

Blog11. Juli 2012, 11:01
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"Die Hälfte der Dorfältesten bei diesem Treffen sind Taliban. Die Aufständischen schicken sie her um Informationen über uns und den District Governor einzuholen.", meinte ein amerikanischer Offizier während wir auf den Beginn einer Shura, einer Ratsversammlung der Dorfältesten der Region, warteten. "Die gute Nachricht ist, dass wir deshalb hier sicher sein werden vor Angriffen."

Der morgendliche Marsch vom Gefechtsaußenposten durch den Basar von Zormat Stadt zum schwer bewachten Amtssitz von Gulab Shah, dem District Governor (Bezirkshauptmann), machte mir klar, dass der - speziell von offizieller amerikanischer Seite - gepriesenen Fortschritt in der Region eine Worthülse ist. Zwei Mitglieder des Provincial Reconstruction Teams, ein USAID Entwicklunghelfer und zwei amerikanische militärische Berater der Afghan National Army benötigten einen ganzen Platoon zum Schutz, nur um ein paar hundert Meter zu überwinden. Als wir durch den Basar marschierten, starrten uns die Menschen in schweigender Verachtung an. Major Lee, der Chef der Civilian Affairs Abteilung des Provincial Reconstruction Teams, klärte mich später auf, dass das immer ein Zeichen dafür ist, dass Taliban in der Menge stehen.

Allgemeine Floskeln

Vor der Shura, der Ratsversammlung der Dorfältesten der Region, hielt der District Governor mit Repräsentanten von afghanischer Armee, Sicherheitskräften und dem US-Militär eine kurze Sitzung ab. Die Amerikaner versuchten den Druck auf Shah zu erhöhen, endlich etwas gegen das Taliban- Mörserteam und die im Bezirk immer wieder eingesetzte Fliegerabwehrkanone zu tun. Die einzelnen afghanischen Repräsentanten übten sich wieder in allgemeinen Floskeln über bessere Koordination bei den nächsten Einsätzen, fehlenden Ressourcen, und dass sie fast machtlos gegen die pro-Taliban Landbevölkerung seien: "Zormat ist für die Taliban! Das afghanische Volk ist auf der einen Seite, die Bürger von Zormat auf der anderen!", so der Polizeichef des Bezirks.

Als die Shura endlich begann, gab es eigentlich nur ein einziges Thema, welches die Gemüter der Dorfältesten erhitzte: die Konfiszierung von Waffen. Es ist extrem schwierig hier im Bezirk festzustellen, wer legitim eine Waffe tragen darf und wer nicht. Die afghanischen Sicherheitskräfte konfiszieren grundsätzlich jede Waffe, und liefern sie (manchmal) im Amtssitz ab.

Terror mit Terror bekämpfen

Der harte Kurs der Afghan National Army, speziell die Misshandlungen von Gefangenen, waren auch ein dominierendes Thema. Der District Governor, verurteilte die Gewalt. Sie sei eine der Gründe, warum so viele Bürger im Bezirk sich den Taliban anschließen würden. Auch ein amerikanischer Offizier meint: " This approach won't work. When it comes to terror versus terror, the Taliban have just the greater capabilities!"

In Wirklichkeit hörte, der Bezirkshauptmann aber der ganzen Diskussion nur halb zu. Er sass vor einem kleinem Tisch im Raum und setzte sein Unterschrift unter irgendwelche Dokumente, die ihn die einzelnen Dorfrepresentanten unter die Nase hielten. Ab und zu horchte er auf, nahm das afghanische Gesetzbuch, welches vor ihm lag, in die Hand und zitierte Verodnungen, wenn es um eine genaue Auslegung eines Gesetzestextes ging. Jeder Satz beginnt mit "Im Namen Allah und mit der Erlaubnis aller hier Anwesenden.." Ich und die Amerikaner sassen im Hintergrund. Wir konnten nur Brocken der ganze Sitzung verstehen da unsere Uebersetzer nicht schnell genug nachkammen. Wieder ein Fall wo 30-40 Prozent des Gesagten "Lost in Translation " ist.

Am Ende der Shura versuchte der District Governor mit einer kurzen Rede, die anwesenden Dorfältesten auf die Seite der Regierung zu bringen: " Ihr müsst mehr Verantwortung für eure Dörfer übernehmen. Zormat ist das Stiefkind der Provinz. Ihr müsst euch von den Taliban lossagen. Die Zukunft Afghanistans steht auf dem Spiel ...". Er versuchte die einzelen Ältesten zu bewegen, einen Anti-Talibanpakt zu unterschreiben. Doch die fanden Entschuldigungen; es ist spät, sie hätten andere wichtige Dinge zu erledigen, es müsse dies erst mit dem Dorf durchgesprochen werden. Die Versammlung löste sich langsam auf. Dann ging es wieder unter den argwöhnischen Augen der Bewohner Zormats zurück zum Stützpunkt. (Franz-Stefan Gady, 11.7.2012)

  • Gulab Shah, der District Governor (Bezirkshauptmann) von Zormat in seinem Büro.
 
    foto: gady

    Gulab Shah, der District Governor (Bezirkshauptmann) von Zormat in seinem Büro.

     

  • Treffen aller Sicherheitsorgane des Bezirks, um über den Fortschritt im Kampf gegen die Taliban zu beraten.
 
    foto: gady

    Treffen aller Sicherheitsorgane des Bezirks, um über den Fortschritt im Kampf gegen die Taliban zu beraten.

     

  • Die Shura. Mehr als die Hälfte der Anwesenden sind Taliban oder Talibansympathisanten.
    foto: gady

    Die Shura. Mehr als die Hälfte der Anwesenden sind Taliban oder Talibansympathisanten.

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