Aus vollem Hals

Reportage5. Juli 2012, 11:46
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Der Viktor-Adler-Markt ist einer der wenigen Orte in Wien, an denen MarktschreierInnen ihre Waren noch mit kräftiger Stimme anpreisen. Daniela Herrmann-Usman ist eine der lautesten von ihnen

Das erste Mal war ihr peinlich. Sie schaute nach links, rechts und versicherte sich, dass ihr niemand zusah. Dann überwand sie sich - und schrie. Anfangs zaghaft und leise, doch mit der Zeit wurde sie immer lauter, und heute ist es für Daniela ganz selbstverständlich, ihre Kunden zu sich zu rufen.

Wenn Daniela Herrmann-Usman um 6.30 Uhr mit einem Pappbecher Kaffee in der Hand zum Verkaufsstand schlendert, hört man in der Leibnizgasse das Rattern der Hubwagen und die Motorengeräusche der Lieferautos. Die Marktfahrer laden Kisten voll mit Obst und Gemüse aus: Gurken, Paprika, Radieschen, Salat, Kräuter, Marillen, Erdbeeren, Ribiseln, Steinpilze. Manche der Stände sind noch leer.

Den Bauernmarkt in der Leibnizgasse gibt es seit dem Wiederaufbau des Viktor-Adler-Markts nach dem Zweiten Weltkrieg. Er ist bekannt für seine Tradition des Marktschreiens, das früher auf allen Märkten üblich war. Von März bis Oktober verkaufen etwa 70 Obst- und Gemüseproduzenten hier ihre Waren. Rund 15.000 Besucher zählt das Marktareal im zehnten Wiener Gemeindebezirk jede Woche.

Typisch österreichisch: Ein Bund Schnittlauch

Daniela ist bereits dabei, mit schnellen Bewegungen Bunde Schnittlauch und Petersilie auf den hölzernen Standtisch zu legen und zu kleinen Türmen zu schichten. Auf den ersten Blick würde man die 43-jährige Marktverkäuferin eher für eine Frisörin oder Angestellte eines Modeschmuckladens halten. Die Augen der dreifachen Mutter sind perfekt geschminkt, sie trägt große runde Silberohrringe und dezente Piercings in Nase und Oberlippe, ihre schwarz gefärbten Haare sind zurückgebunden, die violett getönte Sonnenbrille hochgesteckt.

Sie nimmt einen Schluck aus dem Coffee-to-go-Becher, begrüßt ihre Kollegin vom Nachbarstand, steckt Preisschilder in die Gipfel der Petersil- und Schnittlauch-Berge. Dann zündet sie sich eine Zigarette an und beginnt grüne Paprika einzupacken. Acht bis zehn Stück kommen in ein Sackerl, je nach Größe.

Kurz vor sieben kommt der erste Kunde. Ein Mann in rosafarbenem Hemd, mit grauen längeren Haaren und Sonnenbrille, in Begleitung einer alten Dame. Er kauft zwei Bund Schnittlauch und zwei Bund Petersilie. Typisch österreichisch, würde Daniela mit ihrem Wiener Akzent dazu sagen. "Bei uns kaufen 80 Prozent Ausländer, und wenn wir die nicht hätten, könnten wir daheim bleiben." Die nämlich kaufen viel frisches Gemüse, die Österreicher aber begnügen sich oft mit einem Bund Schnittlauch oder einer einzigen Gurke.

Zu den Marktfahrern in der Leibnizgasse kommen sogar Leute aus Floridsdorf, obwohl sie dafür durch die ganze Stadt fahren müssen - wegen der niedrigen Preise. Immerhin zahlt man hier für ein ganzes Sackerl Paprika nur einen Euro, im Supermarkt bekommt man dafür nicht einmal zwei Stück.

Gezielte Rufe

Gegen 7.30 Uhr beginnt eine Kollegin vom Gemüsestand gegenüber mit ihren Verkaufsrufen: "Junge frische Gurken, Sackerl zwei Euro!" Sie klingen wie ein schleppendes, monotones Mantra, das den ganzen Vormittag lang nicht mehr verstummen wird.

Viele Käufer sind noch nicht unterwegs. Daniela lässt sich noch Zeit, vor halb zehn beginnt sie selten. "Ich brauch' ja nicht mit der Luft schreien!" Sie holt eine Dose Red Bull aus ihrer Handtasche, nimmt einen Schluck und packt weiter grüne Paprika in Sackerln. Zum frischen Petersilie-Geruch mengen sich die Düfte von Basilikum und Lavendel vom benachbarten Verkaufsstand.

Audioslideshow: Der Tumult auf dem Bauernmarkt zum Nachhören

Kurz nach 9 Uhr ist es so weit. Mittlerweile drängen sich immer mehr Kunden zwischen den Marktständen. Daniela nimmt ein paar Bund Schnittlauch in die linke Hand, hält sie gut sichtbar hoch, holt tief Luft und ruft: "Frische Gärtnerpaprika, Sackerl ein Euro! Schnittlauch, Petersil!" Ihre Stimme klingt fordernd, aber freundlich, ihre Schreie sind gezielt. Sie sehe schon vorher, wer den Schnittlauch von weitem anschaue und gleich kaufen werde. Heiser wird sie nie.

Ab halb zehn vergeht die Zeit sehr schnell. Die Leibnizgasse ist mittlerweile voll von Besuchern und Marktschreiern. Am Stand von Daniela und ihren Kolleginnen ist viel los. "Paprika, Sackerl ein Euro! Schnittlauch, Petersil!" - "Eins fünfzig Gärtnergurken!" - "Vier Bund Schnittlauch einen Euro!" - "Drei Bund Petersil einen Euro." Wieder und wieder.

Tauschen? Auf keinen Fall!

Gegen Mittag wird es heiß. Da braucht auch das Gemüse eine Abkühlung. Mit einem gelben Wassersprüher bespritzt Daniela ihre Kräuter. Ihre nassen Hände wischt sie in ihrem langen schwarzen Shirt mit silber-grauem Aufdruck ab, das sie über ihre ebenso schwarzen Leggins trägt. Diese sind mittlerweile vom Knöchel aus ein wenig nach oben gerutscht, jetzt scheinen ein paar Spitzen eines Ornament-Tattoos hervor.

Unter ihren langen Stirnfransen glänzen kleine Schweißperlen. Die körperliche Anstrengung stört die Simmeringerin aber nicht weiter. Auf keinen Fall würde sie mit einem Sitz-Job im Büro oder an einer Supermarktkassa tauschen: "Ich will ja was arbeiten!"

Kräuterberge schrumpfen

Die Berge aus Kräutern und Gemüse werden kleiner. Zwei junge Männer, die aussehen, als seien sie gerade aus dem Tourbus einer Rockband ausgestiegen, kaufen vier Bund Schnittlauch. Eine ältere Dame ersteht zwei Sackerl Paprika. Eine junge Frau möchte über den Paprikapreis verhandeln - keine Chance. Immerhin gibt es in der letzten halben Stunde ohnehin oft etwas niedrigere Preise. "Da kommen dann die Abstauber!"

Ab 12 Uhr hat Daniela wieder Zeit für eine Zigarette, eine halbe Stunde später sind alle Petersilie- und Schnittlauch-Bunde verkauft. Übrig bleiben nur ein paar Paprika und wenige Säcke Gurken. Hinter dem Verkaufsstand türmen sich leere Gemüsekisten. Daniela wischt sich den Schweiß von der Stirn. Noch immer sind Lidschatten und Wimperntusche nicht verschmiert. Morgen ist Samstag, schönes Wetter ist angesagt, es wird also noch mehr Paprika und Gurken zum Einsackeln geben. (Jasmin Al-Kattib, daStandard.at, 5.7.2012)

  • Gegen neun, halb zehn beginnt Daniela Herrmann-Usman zu schreien.
    foto: jasmin al-kattib

    Gegen neun, halb zehn beginnt Daniela Herrmann-Usman zu schreien.

  • Auf keinen Fall möchte die Marktschreierin mit einem Sitz-Job im Büro oder an einer Supermarktkassa tauschen.
    foto: jasmin al-kattib

    Auf keinen Fall möchte die Marktschreierin mit einem Sitz-Job im Büro oder an einer Supermarktkassa tauschen.

  • "Vier Bund Schnittlauch einen Euro! Drei Bund Petersil einen Euro!", ruft sie mit lauter Stimme.
    foto: jasmin al-kattib

    "Vier Bund Schnittlauch einen Euro! Drei Bund Petersil einen Euro!", ruft sie mit lauter Stimme.

  • Wegen der niedrigen Preise kommen Besucher aus der ganzen Stadt zum Bauernmarkt in der Leibnizgasse.
    foto: jasmin al-kattib

    Wegen der niedrigen Preise kommen Besucher aus der ganzen Stadt zum Bauernmarkt in der Leibnizgasse.

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