Yunnans Wilder Westen

Blog3. Juli 2012, 09:27
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Das Dulong-Tal wird als von Menschen vergessenes Paradies Yunnans gepriesen - Doch alles, was eine Reise einmal lohnend machte, ist am Verschwinden

Als wir beschlossen, ins Dulong-Tal im äußersten Nordwesten Yunnans zu reisen, wussten wir einige wichtige Dinge nicht. Erstens: Es ist sehr mühsam. Zweitens: Es ist bei weitem nicht das, als was es so rege gelobt wird.

Wenn man Dulongjiang im Internet sucht, findet man die abenteuerlichsten Artikel, von der Suche nach Urmenschen über Schamanen bis hin zu den berühmten Bildern der Frauen, deren Gesichter tätowiert sind. Jede Reise-Plattform überschlägt sich mit Beschreibungen von der Exotik des Ortes. Das Tal ist eine der am schwierigsten zugänglichen Regionen in Yunnan und liegt praktisch im Niemandsland zwischen Burma, China und Tibet. Die Verkehrsanbindung ist sehr schlecht und beschwerlich, weswegen die wenigsten Touristen so viel Mühe auf sich nehmen. Demnach wird es als "unberührtes Paradies" gerühmt. Wir ließen uns inspirieren und planten, in die größte Stadt der Region, Kongdang, zu fahren.

Die bemitleidenswertesten Wanderarbeiter Chinas

Wir wunderten uns von Anfang an über die vielen Umstände des Transports - hundert Yuan erschienen uns recht teuer für ein Ticket für 92 Kilometer, außerdem kämen wir laut dem Fahrer an einem Kontrollposten der Polizei vorbei, an dem Ausländer nicht durchgelassen würden. Wir müssten über einen Bergpfad klettern, um diese Stelle zu umgehen. Und die Verantwortlichen drängten uns wiederholt, auch ja pünktlich um 7 Uhr an der Abfahrtsstelle zu erscheinen - "sonst kommen wir nicht an!".

Eine Stunde nach Abfahrt wussten wir den Grund für diese Umstände: Die Straße von Gongshan nach Dulongjiang ist eine Bergpiste, die die Regierung seit Jahren vergeblich fertigstellen will, denn extreme Temperaturen und alles blockierender Schnee für einige Monate des Jahres machen die Arbeit zu einer Sisyphus-Aufgabe. Die Wanderarbeiter an der Straße müssen die bemitleidenswertesten in ganz China sein - bei lausigen Temperaturen schuften sie seit Jahren vor sich hin, nur um von jedem vorbeikommenden Auto wütend angehupt zu werden, wenn sie es wagen, die Straße zu blockieren. Sie leben das ganze Jahr über in Wellblechhütten.

Ein verblüffend chinesischer Ort

Doch in Kongdang sind wir erst einmal verblüfft, wie wenig es sich von jeder anderen chinesischen Stadt unterscheidet. Der Ort ist geteilt in zwei Hälften: Die östliche Seite der Hauptstraße ist die Seite für die traditionellen Holzhäuser; die westliche Hälfte zieren die gleichen hässlichen Bauten wie in jeder anderen chinesischen Stadt, nur diesmal in besonders unpassendem Pink. An jeder Ecke werden von den dort lebenden Han-Chinesen die besten Punkte empfohlen, wo man die Hauptattraktion der Gegend sehen kann. "Die tätowierten Frauen leben dort oben in den neuen Regierungshäusern. Dort kann man sie fotografieren", erzählt mir eine junge Lehrerin gleich vertrauensvoll, die aus Lijiang hierher versetzt wurde. Doch ich bin nicht gekommen, um Gesichter zu fotografieren, wie fast alle anderen Touristen hier, die ihre großen Spiegelreflexkameras regelmäßig in die Gesichter der Frauen halten, die selbst kaum wissen, was eine Kamera überhaupt ist. 

Wenn man den offiziellen Karten vertraut, gibt es von Kongdang keine Straße, die weiterführt - doch am Dulong-Fluss liegen in regelmäßigen Abständen Ortschaften, die man auf mehr oder weniger befestigten Straßen erreichen kann. Asphaltiert sind sie nicht, aber die Einwohner nennen sie "Bundesstraße". Sie endet im Norden in der Ortschaft Dizhendang, dem letzten Außenposten der chinesischen Zivilisation, der letzten Bastion der Han-chinesischen Wanderarbeiter, die fleißig entlang dem Weg die Natur abholzen, Straßen auswälzen und weitere Standardhäuser bauen. Danach beginnt die "Wildnis". Keine Straße mehr, keine Betonhäuser, kaum Mandarin. Nur Natur und Menschen, die permanent trinken.

Keine Exotik, aber Fertignudeln

Doch auch hier fanden wir wenig Exotik in dem Sinne. Sicher, es gibt Dörfer aus Holzhäusern auf Stelzen und viele Hunde. Aber wir wurden das Gefühl nicht los, dass wir einfach zu spät gekommen waren. Die Zeit, als die Dorfbewohner noch in traditionellen Kleidern regelmäßig schamanistische Rituale durchführten, scheint bereits lange vorbei zu sein. Jetzt herrscht auch hier immer mehr die chinesische Standardkultur vor. Die Regierung lässt immer mehr alte Häuser abreißen und wirbt für die Standard-Regierungshäuser, die viel komfortabler und moderner seien als die alten Holzhütten. Die sporadischen Geschäfte verkaufen Fertignudeln und Sonnenblumenkerne, jedes Haus hat einen Fernsehanschluss, der ausschließlich für chinesische Seifenopern genutzt wird. Der Strom kommt von selbst gebastelten Generatoren.

Kaum noch Leute sitzen vor dem Webrahmen, um die traditionellen Baumwollstoffe zu weben, die Männer spielen den ganzen Tag Billard und betrinken sich dabei. Dagegen erzählt uns eine reichlich angetrunkene 20-jährige Mutter zweier Kinder, dass sie hier endlich weg will, in eine große Stadt, in der sie eine Schule besuchen kann. Doch ihr Ehemann will nicht, und mit zwei Kindern hat sie keine Wahl, als in ihrem Geburtsdorf zu bleiben. (An Yan, daStandard.at, 3.7.2012)

  • Werbung in Kongdang ...
    foto: an yan

    Werbung in Kongdang ...

  • ... für die neuen Regierungshäuser (mit obligatorischem Billardtisch).
    foto: an yan

    ... für die neuen Regierungshäuser (mit obligatorischem Billardtisch).

  • Kongdang ist eine geteilte Stadt. Links die traditionelle Hälfte, rechts die chinesische Neuinterpretation.
    foto: an yan

    Kongdang ist eine geteilte Stadt. Links die traditionelle Hälfte, rechts die chinesische Neuinterpretation.

  • Selbst im kleinsten, abgelegensten Dorf gibt es einen Billardtisch.
    foto: an yan

    Selbst im kleinsten, abgelegensten Dorf gibt es einen Billardtisch.

  • So sieht kein exotisches Paradies aus - überall wird gebaut.
    foto: an yan

    So sieht kein exotisches Paradies aus - überall wird gebaut.

  • Eine Familie der Dulong-Minderheit. Die alte Dame in Pink ist eine der wenigen Dutzend, die noch die traditionelle Gesichtstätowierung haben.
    foto: an yan

    Eine Familie der Dulong-Minderheit. Die alte Dame in Pink ist eine der wenigen Dutzend, die noch die traditionelle Gesichtstätowierung haben.

  • Eines der letzten noch nicht sanierten Dörfer der Region, Mudang.
    foto: an yan

    Eines der letzten noch nicht sanierten Dörfer der Region, Mudang.

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