Eine Megäre namens Fernando

2. Juli 2012, 18:04
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Das Furiose hat auch ein kindliches Antlitz. Spanien erscheiberlt sich seinen Rekord nicht zuletzt dadurch, dass einer wie El Nino ohne Murren sein Reservistendasein ertrug. Ein Fest mit Kindern war des Schützenkönigs Lohn

Kiew - Die Frage ist endgültig beantwortet. Die aus Schottland stammende, zentraleuropäische Ballesterei - kurz, scharf und fünf Zentimeter unter der Erd' - lässt sich auch effizient interpretieren. Spanien zeigte in einem tatsächlich magischen Finale, wie das geht. Gegner Italien verneigte sich beinahe neidlos. Denn was Andres Iniesta (nicht nur für die Uefa der beste Turnierspieler), Sergio Ramos, Cesc Fabregas und all die anderen da ins Kiewer Stadion gezaubert haben, war geradezu ein Hochamt des Kickens.

Spanien ist - auch in dieser Zeitung - durchaus gescholten worden. Bei allem Schelten freilich war stets die uralte wienerische Redewendung vom Sterben in der Schönheit im Hinterkopf. Und genau der ist Spanien auf eindrucksvolle Weise entgegengetreten. Es lässt sich schön spielen, ohne das Toreschießen zu vernachlässigen. 4:0! Gegen Italien! Das mache einer einmal!

Von diesem Europameister - erfolgreicher Titelverteidiger, Weltmeister und also insgesamt Rekordhalter - braucht und kann man keinen besonders hervorheben. Es war ein Erfolg des Kollektivs, ohne den das Tiki-taka klarerweise nicht funktionieren kann. Aber man darf doch - wenn man Niederländer ist, wäre das sogar anzuraten - auf den Umstand verweisen, dass Halbgötter wie Fernando Torres oder Fabregas auf der Bank saßen, ohne Unmut ins Team zu bringen.

Ganz oben stand - unsichtbar für den interessierten Beobachter - das Ziel. An Don Vicente del Bosque wurde herumgemäkelt wegen der Stürmerlosigkeit. Fabregas - ein Bankldrucker bei Barcelona! - belehrte Koffer wie zum Beispiel den siebeng'scheiten Autor dieser Zeilen eines weit Besseren.

Die rote Furie - die nennt sich nicht Alekte, Megäre und/oder Teisiphone, sondern eben Torres, Fabregas und/oder Iniesta - hat ihre Herrschaft einzementiert. Italien so vorzuführen ist selbst dann außergewöhnlich bemerkenswert, wenn man der Squadra Azzurra und Coach Cesare Prandelli die Hinwendung zum Offensiven unterstellt, wie man es angesichts dieser EM tun darf.

Dass die Spanier dann auch noch wissen, wie man feiert, hat dem Abend die Krone aufgesetzt. Nicht Torres, Fabregas, Iniesta standen im Mittelpunkt. Sondern deren Kinder. Und wahrscheinlich ist das überhaupt - so es denn eines wäre - das iberische Erfolgsgeheimnis (im Fußball). Dass Barca, Real, Valencia vor Jahren schon begonnen haben, mit ihren Kindern zu wuchern. Falls den hinter so einem Wucher liegenden Sinn auch Banker oder gar Politiker begreifen könnten, wäre viel schon gewonnen. Falsch: alles! (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 2.7.2012)

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    El Nino mit La Nina beim Feiern. Edelreservist Fernando Torres kam ins Spiel, traf und wurde noch Schützenkönig der EM. Für seine Kinder, Nora (3) und Leo (1), ist er noch nur Papa.

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