"Das kann man wahrscheinlich keinem Kind erklären"

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  • "In Österreich gibt es praktisch nur mehr für Professoren permanente 
Stellen": Iva Brezinová.
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    "In Österreich gibt es praktisch nur mehr für Professoren permanente Stellen": Iva Brezinová.

Als Kind drohte Iva Brezinová die Abschiebung - Im Juni promovierte sie sub auspiciis

STANDARD: Was hat Sie ausgerechnet in das Studium theoretische Physik gezogen?

Iva Brezinová: Was mich schon immer fasziniert hat, war die Möglichkeit, mithilfe der Mathematik die Natur zu verstehen und sogar vorherzusagen. Zwar gibt es zum Beispiel in der Quantenmechanik eine gewisse Unvorhersagbarkeit, was damit zu tun hat, dass die Objekte unscharf sind. Allerdings ist auch das berechenbar. Die dazugehörige Theorie - die Quantenmechanik - ist eine probabilistische Theorie.

STANDARD: Bundespräsident Heinz Fischer meinte in seiner Rede, eine Geschichte wie die Ihre habe er bei solchen Anlässen noch nie gehört. Wie sind Sie nach Österreich gekommen?

Brezinová: Meine Eltern sind im Frühling 1989 mit mir und meiner älteren Schwester aus der damaligen Tschechoslowakei geflohen. Die ungarische Grenze war damals schon etwas passierbarer. Wir haben dann in Österreich auch für die USA Asyl beantragt, weil Österreich nur ein Transitland war. Unsere erste Station war wie für alle Flüchtlinge Traiskirchen. Danach sind wir in eine Unterkunft in Spital am Semmering gekommen.

STANDARD: Sie sind dort auch in die Schule gekommen?

Brezinová: Ja, ich war damals sechs Jahre alt. Im Herbst begann mein erstes Schuljahr. Ich hatte dort großes Glück mit meiner Volksschullehrerin. Ich wünsche jedem Kind, das aus dem Ausland nach Österreich kommt, so gute Volksschullehrer wie ich sie hatte. Deutsch habe ich ja nicht gekonnt. Da ist Unterstützung sehr wichtig, damit man trotzdem eingebunden wird und sich nicht ausgeschlossen fühlt.

STANDARD: Sie haben Deutsch nur durchs Zuhören gelernt?

Brezinová: Ja, ich habe Deutsch in der Schule gelernt, durchs Zuhören und Mitmachen. Als Kind schnappt man eine neue Sprache ja sehr schnell auf.

STANDARD: Der Asylantrag wurde aber abgelehnt?

Brezinová: Ja, sowohl der in Österreich als auch der in den USA. Es war aber möglich, über eine Arbeitsbewilligung auch eine Aufenthaltsbewilligung für die ganze Familie zu bekommen. Über den Arbeitgeber meines Vaters haben wir das dann geschafft.

STANDARD: Das Asylrecht wurde in den vergangenen Jahren immer wieder verschärft. Nach heutigem Recht würde Ihre Familie vermutlich ohne Kompromiss abgeschoben werden. Wie geht es Ihnen damit?

Brezinová: Eine Aufenthaltsbewilligung zu bekommen so wie wir damals würde heute wahrscheinlich nicht mehr funktionieren. Wir durften bleiben, weil das Verfahren mit den USA noch lief. Kurz danach hat mein Vater eine Arbeitsbewilligung bekommen. Dafür musste sich der Arbeitgeber aber einsetzen und am Arbeitsamt eine Arbeitserlaubnis ausverhandeln.

STANDARD: Verfolgen Sie die politische Debatte um das Asylrecht?

Brezinová: Die Vorstellung, dass Familien in Schubhaft genommen werden können, ist für mich schon eine sehr arge. Es sollte nicht möglich sein, Familien, die zehn Jahre hier leben, abzuschieben. Da wäre eine menschenfreundlichere Gesetzgebung wünschenswert. Für Kinder ist das ja unbegreiflich, wenn sie hier aufwachsen und dann ein endgültiger Abschiebebescheid kommt. Das kann man wahrscheinlich keinem kleinen Kind erklären.

STANDARD: Sie haben Physik studiert - ein Studium, das immer noch von Männern dominiert wird. War es schwierig, als Frau so weit zu kommen?

Brezinová: Das Verhältnis 1:5 wie bei meiner Promotion spiegelt recht gut den Anteil der Frauen an der TU Wien wider. Aber ich hab mich als Frau an der TU nie benachteiligt gefühlt. Man müsste eher fragen, warum sich weniger Frauen als Männer für ein technisches Studium entscheiden, also die Zeit vor dem Studium unter die Lupe nehmen. Da stellt sich natürlich die Frage nach den gesellschaftlichen Zwängen, die Mädchen und Buben in bestimmte Richtungen treiben, und diese Zwänge müssten beseitigt werden. Ich finde aber dieses gesellschaftliches Phänomen zu komplex, als dass ich eine pauschale Antwort geben könnte.

STANDARD: Die TU hat keine sogenannte gläserne Decke?

Brezinová: Ich kann nur von den Erfahrungen sprechen, die ich bis jetzt im Studium gemacht habe, und da ist mir noch keine gläserne Decke begegnet. Der Frauenanteil an der TU spiegelt wider, wie Menschen vor der Studienwahl geprägt worden sind - von ihrer Umgebung, von Eltern und Freunden -, aber im Studium stellen sich solche Fragen nicht mehr.

STANDARD: Ein Professor sprach auf der Promotion von einem "institutionellen Braindrain". Österreich befördere seine Spitzentalente ins Ausland, da es im Land kaum langfristige Perspektiven für Grundlagenforschung gäbe. Stimmen Sie ihm zu?

Brezinová: In Österreich gibt es praktisch nur mehr für Professoren permanente Stellen. Im Bereich des Mittelbaus, der Assistenten, ist die Situation tatsächlich schwierig. Aber das ist in vielen anderen Ländern ähnlich. Ich glaube nicht, dass es z. B. an der ETH Zürich wesentlich besser ist. Sicher hat die ETH mehr Geldmittel, weshalb sich dort Wissenschafter sehr viel leichter teure Geräte leisten können. Mehr Stellen im Mittelbau wird es dort aber auch nicht geben.

STANDARD: Was wünschen Sie sich für die Forschung in Österreich?

Brezinová: Neben mehr Stellen würde ich mir wünschen, dass Qualität nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre für eine Karriere in der Wissenschaft eine Rolle spielt. Publikationen sind natürlich wichtig. Aber die Lehre ist ebenso essenziell und sollte honoriert werden. Auch die Forderung nach Mobilität sehe ich kritisch. Es ist sicher gut und interessant, ins Ausland zu gehen. Aber es sollte kein Grund sein, Menschen, für die das nicht so leicht ist, von vornherein auszuschließen. (Therese Fuchs, DER STANDARD, 3.7.2012)

Iva Brezinova (29) ist Assistentin am Institut für theoretische Physik der TU Wien. In ihrer Dissertation befasste sie sich mit Bose-Einstein-Kondensaten, die durch Abkühlung von Gasen knapp über dem absoluten Nullpunkt entstehen.

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