Klaffende Schere in schwierigen Zeiten

Analyse2. Juli 2012, 17:22
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Die Schere zwischen der Erhaltung der Infrastrukturen und der Förderung "lebender Kunst" klafft immer weiter auseinander

Wien - Die Vorwörter von Kulturministerin Claudia Schmied zu den Kunst- und Kulturberichten zeugen nicht gerade von Esprit oder Selbstkritik. " In wirtschaftlich schwierigen Zeiten" gewinne, so Schmied im Vorwort 2009, der Staat "besondere Bedeutung als verlässlicher, stabiler und der Sache verpflichteter Partner." Im Jahr darauf stellte sie fest, dass es " in wirtschaftlich schwierigen Zeiten" gelungen sei, das Kunst- und Kulturbudget "konstant zu halten". Und nun, im Resümee 2011, heißt es, dass der Bund "den Künstlerinnen und Künstlern auch in schwierigen Zeiten ein zuverlässiger Partner" sei.

Das permanente Wiederholen des Stehsatzes macht einen langsam misstrauisch. In der Kunstsektion lagen die Gesamtausgaben bei 86,96 Millionen Euro; 85,28 Millionen wurden für Förderungen und Ankäufe, 1,68 Millionen für Gutachten, Mieten, Eigenpublikationen und Eigenveranstaltungen verwendet. Der gegenüber 2010 geringere Betrag - der Erfolg betrug damals 89,05 Millionen Euro - ergebe sich, so Schmied, " aus der Verschiebung des aufgelösten Republiksvertrags der Wiener Philharmoniker in die Basisabgeltung der Bundestheater".

In der Tat erhält die Staatsoper seit 2011 für ihr Orchester jene Summe, die zuvor die Musiker, eben die Philharmoniker, direkt bekamen. Inklusive dieser 2,29 Millionen Euro hätte das Kunstbudget deren 89,25 Millionen ausgemacht. Im Vergleich zu 2009 mit einem Erfolg von 92,78 Millionen bedeutet das aber eine Reduzierung um 3,53 Millionen. Angesichts der beträchtlichen Inflation in den vergangenen beiden Jahren kann also von einer "stabilen Situation" eher schwerlich die Rede sein.

Im Kulturbereich sah es 2011 ganz anders aus. Denn "trotz wirtschaftlich angespannter Zeiten" konnte das Kulturbudget nicht nur "auf dem Niveau der Vorjahre gehalten" werden: Durch die Auflösung von rückgestellten Infrastrukturmitteln für die Bundesmuseen gelang es sogar, mehr Mittel, insgesamt Euro 351,74 Millionen Euro, zur Verfügung zu stellen. 2010 waren es für die kulturellen Einrichtungen des Staates (u. a. Bundestheater, Bundesmuseen, Nationalbibliothek, Hofmusikkapelle, Bundesdenkmalamt) 330,15 Millionen Euro gewesen. Das bedeutet eine Steigerung von 6,4 Prozent gegenüber 2010.

Die aktuellen Zahlen stützen eine langgehegte Vermutung: Bei der Finanzierung klafft die Schere zwischen "toter" und "lebender Kunst" immer weiter auseinander. Die Ausgaben des Bundes fließen zunehmend in die Erhaltung von Strukturen und Großinstitutionen - und zu einem geringer werdenden Teil in Einzelprojekte bzw. in die freie Kulturszene. Das zeitgenössische Kunstschaffen hat es immer schwerer, sich gegenüber dem drückenden historischen Erbe, auf das natürlich fast jeder stolz ist, zu behaupten und durchzusetzen.

Die Liste der größten Fördernehmer und der Bezieher von Basisabgeltungen zeigt es eindrucksvoll: Am teuersten kommen den Staat die Bundestheater (Staats- und Volksoper sowie Burg- mit Akademietheater), auf den Plätzen folgen die Bundesmuseen samt der Nationalbibliothek. Schmied kann übrigens gar nicht anders, als ein "verlässlicher Partner" zu sein: Der Bund ist zur Erhaltung seiner kulturellen Einrichtungen verpflichtet.

2011 betrug das Gesamtbudget 438,70 Millionen Euro. Davon wurden 164,70 Millionen für die Bundesmuseen samt Nationalbibliothek aufgewendet, 145, 94 Millionen für die Bundestheater. Und 31,08 Millionen flossen in den Denkmalschutz. Für die eigentliche Kunstförderung stand nur ein Fünftel des Gesamtbudgets zur Verfügung, eben 85,28 Millionen Euro. Von diesem Betrag ist zudem der Großteil fix verplant:

Das Österreichische Filminstitut (ÖFI) erhielt, wie im Jahr davor, 16,57 Millionen Euro, das Theater in der Josefstadt 6,27 Millionen, die Salzburger Festspiele bekamen 5,24 Millionen, an das Volkstheater Wien gingen exakt fünf Millionen (Steigerung um 270.000 Euro) und an die Bregenzer Festspiele 2,28 Millionen. Die zehn am stärksten geförderten Institutionen erhielten zusammen 41,23 Millionen Euro - und damit fast die Hälfte des Förderungsbudgets. Für die Literatur, die bildende Kunst, die kleineren Festivals und Theatergruppen und so weiter bleibt der Rest: ein Zehntel.

Die Künstler und deren Interessenvertretungen fordern daher in regelmäßigen Abständen die Umverteilung der Steuergelder - von Wien in die Bundesländer, von der etablierten "Hochkultur" in die zeitgenössische Kunstproduktion, die das kulturelle Erbe der Zukunft sei. Allerdings ohne große Erfolge. Erst Ende Jänner 2012 erteilte Schmied einer solchen Forderung eine glatte Absage.

Disponibles Geld wäre durchaus vorhanden - man denke nur an den freien Eintritt bis 19 Jahre in die Bundesmuseen und die ÖNB. Schmied meint zwar, dass sich der Gratiseintritt "auch im zweiten Jahr bewährt" habe. Allerdings sollte man sich die Zahlen etwas genauer anschauen. Bekanntlich dürfen seit 1. Jänner 2010 alle Menschen bis 19 Jahren kostenlos ins Museum - also auch jene mit gutsituierten Eltern. Auf Basis der Eintritte von Kindern und Jugendlichen vor 2010 erhalten die Bundesmuseen als Ausgleich 3,1 Millionen Euro pro Jahr.

Die Maßnahme führte zu einer Steigerung der jungen Besucher von zuvor 742.984 auf 921.823. Doch schon 2011 kam es zu einem Rückgang um 6,9 Prozent auf deren 857.951. Schmied gab also im Vorjahr für 114.967 zusätzliche junge Besucher 3,1 Steuermillionen aus. Die Aktion kostete daher pro Person unfassbare 27 Euro.

Im Mumok betrug der U-19-Besucherrückgang herbe 42,5 Prozent. Und auch das Gesamtergebnis ist mit einem Minus von 37,6 Prozent nicht wesentlich besser. Das Mumok war aber nur drei Monate, sprich 25 Prozent des Jahres, wegen Umbauarbeiten geschlossen. Es kam jedoch, dem Mumok zum Trost, in allen Kunstmuseen des Bundes zu empfindlichen Besucherrückgängen (siehe Grafik) - bis auf eine Ausnahme: Während die Albertina ihren Sturzflug fortsetzt, konnte Belvedere-Chefin Agnes Husslein die Zahl der Besucher in ihrer Ära, seit 2007, auf nun 888.633 mehr als verdoppeln. Chapeau. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 3.7.2012)

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