Lehre: Positives Image trotz schlechterer Jobchancen

3. Juli 2012, 05:30
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Experte kritisiert beschönigendes Bild einer Jugendstudie des Wirtschaftsministeriums

Bei Österreichs Jugend hat die Lehre ein sehr positives Image. Das ist das Ergebnis des "Jugendmonitors", einer Studie des Instituts für Strategieanalysen im Auftrag des Wirtschaftsministeriums. Dieses Bild ist allerdings nicht gerechtfertigt. Unternehmer bemängeln seit Jahren die Qualität der Lehrlinge. Zudem sind Personen, die eine Lehre absolviert haben, häufiger arbeitslos als jene, die eine höhere Ausbildung haben.

Dennoch präsentierte Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) am Montag die Ergebnisse des Jugendmonitors, einer Umfrage unter 14- bis 24-Jährigen, die seit dem Jahr 2010 bereits siebenmal durchgeführt wurde. Mitterlehner freute sich angesichts der Ergebnisse darüber, dass die Jugend sich "von der Krisenstimmung nicht anstecken lässt". Das "positive Image der Lehre" wurde gefeiert. Sieht man sich die Ergebnisse aber genauer an, zeigt sich: Die Studie ist lückenhaft, und die Jugendlichen haben ein falsches Bild von ihren Jobchancen.

"PR-Instrument für Politik"

Der Vorstand des Instituts für Jugendkulturforschung, Bernhard Heinzlmaier, sieht in der Studie ein "PR-Instrument", das der Politik dienen soll. Das zeige sich etwa an der Frage nach dem Optimismus der Jugendlichen. Laut dem Jugendmonitor sehen 79 Prozent der Befragten ihrer Zukunft sehr oder eher zuversichtlich entgegen. Hier fehlt allerdings etwas Entscheidendes. 

Laut Heinzlmaier ist es bei solchen Studien üblich, die Jugendlichen einerseits nach ihrer persönlichen Zukunft und andererseits nach der Zukunft der Gesellschaft zu fragen. Die von seinem Institut durchgeführte Jugendwertestudie 2011 kam so auch auf wesentlich andere Zahlen als der Jugendmonitor. Zwar sagten auch hier 64 Prozent der Befragten, dass sie ihre persönliche Zukunft positiv sehen. Die Zukunft in der Gesellschaft sehen allerdings nur 22 Prozent positiv. Die Jugendlichen seien also nicht - wie im Jugendmonitor dargestellt - positiv eingestellt, sondern stünden der Gesellschaft mit "großem Pessimismus" gegenüber, dem sie sich "sehr kämpferisch" entgegenstellen würden. 

Jobchancen steigen mit Bildungsgrad

Die Ergebnisse des Jugendmonitors stellen zudem die Lehre in einem besonders guten Licht dar. So glauben 56 Prozent der Befragten, dass man mit einer "guten Lehrausbildung" die gleichen Jobchancen hat wie mit einer Matura. Diese Annahme ist, an der Realität gemessen, aber nur bedingt richtig. "Es kommt darauf an, welche Lehre und welche Matura man macht", sagt Sabine Putz. Sie ist stellvertretende Abteilungsleiterin für Arbeitsmarktforschung und Berufsinformation beim Arbeitsmarktservice (AMS). Es sei richtig, dass bei einer Matura an der AHS der Praxisbezug fehle. "Bei einer HTL oder HAK sind die Berufsaussichten aber sehr gut", so Putz. Auch beim Lehrberuf komme es auf die Wahl an, nicht alle Lehrberufe würden von den Unternehmen gleich stark nachgefragt.

Trotzdem gelte weiterhin: je höher die Bildung, desto höher die Berufschancen. Das zeigen auch die Zahlen des AMS. So lag im Mai 2012 der Anteil der Arbeitslosen mit Pflichtschulabschluss bei 47 Prozent. Der Anteil der Personen, deren höchste Ausbildung eine Lehre ist, lag bei 33 Prozent. Bei AHS-Absolventen betrug der Anteil nur 3,3 Prozent.

"Konkretheit des Lehrberufs"

Der Politologe Peter Filzmaier, Autor des Jugendmonitors, erklärt die Diskrepanz zwischen dem guten Image der Lehre bei den befragten Jugendlichen und den Arbeitsmarktchancen damit, dass dieser Wert "vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sehr hoch sein dürfte. Da wird die Konkretheit des Lehrberufes - die an und für sich auch als einengend gesehen werden könnte - wohl höher eingeschätzt", so Filzmaier. "Man weiß, wohl auch von den Eltern: Mit einer ordentlichen Ausbildung kommt man gut durch das Leben und kann noch weitere Ausbildungen anhängen", erklärt Wirtschaftsminister Mitterlehner das Ergebnis der Studie.

"Die Berufsschulen versagen"

Jugendkulturforscher Heinzlmaier sieht diese Analyse sehr kritisch. "Ich bin erschüttert, das ist grotesk", meint er. "Man versucht hier etwas zu beschönigen und die Wirklichkeit zu verdecken." Schließlich würden immer weniger Unternehmen Lehrlinge ausbilden - während gleichzeitig die Wirtschaftskammer darüber klagt, dass die Lehrlinge sehr schlecht ausgebildet seien. "Sie sind für die Unternehmen nicht geeignet", so Heinzlmaier. "Die Berufsschulen versagen." Auch die Gewerkschaftsjugend macht immer wieder darauf aufmerksam, wie wenige Unternehmen Lehrlinge ausbilden. Heute würden 60.000 Lehrstellen weniger angeboten als im Jahr 1980, erklärte die GPA-djp-Jugend in einer Aussendung am Montag.

Probleme schön reden

Ein weiteres Problem, das der Jugendmonitor ignoriert, ist das Image der Lehre in der Gesellschaft. "Die Mehrheit der jungen Menschen versucht, in eine höhere Ausbildung zu kommen", so Heinzlmaier. "Die Mittelschicht strömt in die Schulen. Die Lehre machen heute jene, die früher Hilfsarbeiter waren." Wer eine Lehre mache, habe heute einen Status, der in der Gesellschaft "weiter unten ist". Auch das sei ein Grund dafür, dass viele eine höhere Ausbildung machen wollen. Dass die befragten Jugendlichen im Jugendmonitor trotzdem ein gutes Bild von der Lehre haben, kann sich Heinzlmaier nur dadurch erklären, dass sie eine "falsche Vorstellung von der Lehre haben". Für ihn ist der aktuelle Jugendmonitor ein Versuch, "das Lehrlingsdesaster schönzureden". (Lisa Aigner, derStandard.at, 2.7.2012)

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    Die Jugendlichen haben laut der "Jugendmonitor"-Studie ein gutes Bild von der Lehre, das ist nicht immer gerechtfertigt.

  • Studienautor Peter Filzmaier und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner.
    foto: bmwfj/hopi-media

    Studienautor Peter Filzmaier und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner.

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