Noch etwa ein Jahr Stillstand in Libyen

2. Juli 2012, 15:19
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Die österreichischen Firmen haben sich seit Frühjahr 2011 aus dem Land zurückgezogen, der Schaden wird mit 200 Millionen Euro beziffert

Wien - Die Schäden der österreichischen Firmen in Libyen durch den Bürgerkrieg schätzt der österreichische Wirtschaftsdelegierte David Bachmann - ohne Produktionsausfälle - auf rund 200 Millionen Euro. Zwar habe Österreich ein Investitionsschutzabkommen mit dem afrikanischen Land, kein Unternehmen hätte es aber bisher in Anspruch genommen. Großprojekte stünden in Libyen seit dem Frühjahr 2011 still. Die Durststrecke, von der auch heimische Firmen betroffen seien, dürfte noch rund ein Jahr dauern - bis das Land eine neue Verfassung und eine dauernde Regierung bekomme, so Bachmann am Montag.

Das offene Auftragsvolumen der Austro-Unternehmen, die Aufträge vom Gaddafi-Regime erhalten hatten, bezifferte Bachmann mit 2 Milliarden Euro. Hintergrund für die Durststrecke bei der Großaufträgen ist, dass in Libyen heuer am 7. Juli erste Wahlen stattfinden werden. Bei diesen sollen eine Nationalversammlung und eine weitere Übergangsregierung gewählt werden, mit dem primären Ziel eine Verfassung auszuarbeiten. Bachmann rechnet mit einer Regierungsbildung bis zum Herbst. Erst danach sollen dann Parlamentswahlen stattfinden. Bis dahin traue sich die Übergangsregierung aufgrund fehlender Legitimität nicht die Großprojekte fortzufahren, schilderte Bachmann.

Importabhängiges Land

Das afrikanische Land sei sehr stark importabhängig - bis auf Öl, Stahl und Zement brauche Libyen "alles", berichtete Bachmann. Rund 1.000 bis 1.200 österreichische Unternehmen würden regelmäßig dorthin exportieren. Im ersten Quartal 2012 seien die Exporte im Vergleich zum 1. Quartal 2011 bzw. 2010 um rund 20 Prozent gefallen, was nach Ansicht Bachmanns in Anbetracht der Verfassung des Landes nicht besonders hoch sei.

Die österreichischen Exporte in das Erdöl-Mekka beliefen sich im Vorjahr, als der Bürgerkrieg noch tobte, auf 27 Mio. Euro. Allerdings wurde vorwiegend in den ersten drei Monaten 2011 exportiert. Im bisherigen Rekordjahr 2010 der österreichischen Exportwirtschaft wurden Waren im Wert von 125 Mio. Euro nach Libyen verkauft. Von den ursprünglich 25 österreichischen Firmen mit Niederlassungen in Libyen seien zwei - die OMV und der Zementhersteller Asamer - wieder zurückgekehrt. Die OMV hatte vor der Krise rund ein Zehntel ihre Produktion - also 33.000 Fass pro Tag - gefördert, derzeit fördere man zwischen 85 und 90 Prozent des Vorkrisenniveaus, hieß es aus der OMV.

Privatsektor boomt bescheiden

In Libyen gibt es zwischen dem öffentlichen und privaten Sektor derzeit eine starke Diskrepanz, schilderte Bachmann weiter. Immer mehr Libyer seien darauf aus, Geschäfte zu machen, was in der über 40-jährigen Diktatur unter dem dem getöten Muammar al-Gaddafi kaum der Fall gewesen sei. Der Privatsektor boome auf bescheidenem Niveau, betonte Bachmann.

Die öffentliche Versorgung etwa mit Strom habe Libyen relativ gut in den Griff bekommen. Obwohl das Land gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf das reichste Land Afrikas sei, sei davon wenig zu sehen. 90 Prozent der Staatseinnahmen kommen aus dem Öl-Export, der wieder fast das Vorkrisenniveau erreicht habe. Pro Tag werden rund 1,5 Millionen Barrel gefördert, vor der Krise waren es rund 1,6 Millionen Fass. Für heuer werden 55 Mrd. US-Dollar (rund 44 Mrd. Euro) an Staatseinnahmen aus dem Öl-Sektor erwartete, im Vorjahr waren es aufgrund des Bürgerkriegs lediglich 16 Mrd. US-Dollar. 2010 waren es noch 60 Mrd. US-Dollar.

Nach einem starken BIP-Rückgang 2011 von 40 Prozent wird für heuer in Libyen ein BIP-Plus von 25 Prozent erwartet. Die Rückkehr internationaler Firmen stünde bei vielen Parteien als ein wichtiger Punkt im Wahlprogramm, betonte Bachmann. Der Unmut der Bevölkerung konnte bisher durch Transferzahlungen in Zaum gehalten werden. So kostet etwa ein Liter Benzin in Libyen 8 Eurocent. Die Sicherheitslage im Land sei sehr angespannt, Schießereien stünden auf der Tagesordnung, da die Bevölkerung noch immer nicht entwaffnet wurde.

Stabile Entwicklung

Libyen könne aber mit einer stabilen künftigen Entwicklung rechnen, weil einerseits das Land hohe Staatseinnahmen habe und andererseits ethnisch relativ homogen sei. Darüber hinaus zähle das Land mit 6 Millionen Einwohnern bei weitem nicht zu den bevölkerungsstärksten Ländern Afrikas. Im Februar wurde das Budget mit einem Volumen von umgerechnet 40 Mrd. Euro verabschiedet, seien 20 Mrd. Euro seien für Infrastruktur vorgesehen, so Bachmann. Die Vermögensreserven Libyens werden auf rund 200 Mrd. Euro geschätzt - dazu komme bestätigte Ölreserven von rund 46 Mrd. Barrel.

Als zukünftige Hoffnungsmärkte sieht Libyen neben dem dominierenden Öl-Sektor unter anderem den Tourismus und die Landwirtschaft. Denn obwohl Libyen ein Wüstenstaat sei, verfüge das Land über große Wasservorräte, betonte Bachmann. (APA, 2.7.2012)

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