"Schulschwänzen nicht mit Drohungen lösbar"

Interview |
  •  "Ich finde diesen Vorschlag überraschend und verstehe nicht, warum Gabi Burgstaller meint, das könnte die Lösung sein."
    foto: apa/fohringer

    "Ich finde diesen Vorschlag überraschend und verstehe nicht, warum Gabi Burgstaller meint, das könnte die Lösung sein."

SPÖ-Abgeordnete Sonja Ablinger kritisiert Gabi Burgstallers "überraschenden" Vorschlag, den Eltern von Schulschwänzern die Familienbeihilfe zu sperren

"Man muss sich strukturell anschauen, woher der Schulfrust kommt", sagt Sonja Ablinger, Nationalratsabgeordnete der SPÖ. Sie kritisiert die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) scharf für ihren Vorschlag, den Eltern von Schulschwänzern mit dem Entzug der Familienbeihilfe zu drohen. Warum die Eltern oft überfordert sind und auch die Lehrer unterstützt werden müssen, sagt Ablinger im Interview mit derStandard.at.

derStandard.at: Gabi Burgstaller will auf Eltern von Schulschwänzern Druck ausüben, indem die Familienbeihilfe ausgesetzt wird, bis die Kinder wieder regelmäßig in die Schule gehen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Ablinger: Nichts. Wenn Eltern die Schulverweigerung ihrer Kinder mit einer Zahlung abstellen könnten, täten es viele. Die Probleme sind tiefer. Wenn man diesen Familien auch noch die Kinderbeihilfe wegnimmt, spannt sich die Situation nur noch weiter an. Die Ursachen sind nicht mit Drohungen lösbar. 

derStandard.at: Was ist das eigentliche Problem an der Schulverweigerung?

Ablinger: Über Jahre hat sich bei den Kindern und Jugendlichen oft ein extremer Schulfrust mit permanentem Schulversagen aufgebaut. Viele sehen in der Schule nur den Beweis, dass sie es ohnehin nicht schaffen. Der Problemberg wird so groß, dass die Wirklichkeit ausgeblendet wird. Die Verweigerung ist ihre Strategie, mit diesem riesigen Problemberg umzugehen.

Man muss sich strukturell anschauen, woher dieser Schulfrust kommt. Oft hat man als LehrerIn nicht die Zeit, adäquat zu reagieren. Oft hängt das Problem mit Lernschwierigkeiten, strukturellem Analphabetismus, psychischen Problemen, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Anm.), Legasthenie, Seh- und Hörschwierigkeiten oder der Pubertät zusammen, wo sich Jugendliche oft alleine gelassen fühlen. Auch Mobbing und Gewalt spielen eine Rolle. Wenn die Eltern keine Beihilfe mehr bekommen, kommt das Kind vielleicht für ein paar Wochen wieder in die Schule. Das Problem ist aber nicht gelöst. 

derStandard.at: Haben die Lehrer nicht genug Zeit, genauer hinzuschauen?

Ablinger: Ich bin überzeugt, dass intensive Schulsozialarbeit hilft. Sie sollte einen engen Austausch zwischen Schülern, Lehrern und Eltern ermöglichen. Keine Mutter, kein Vater und kein Kind will das Schulversagen. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist sinnvoller als Strafzahlungen. 

derStandard.at: Ist in unserer herkömmlichen Schulstruktur kein Platz für Kinder, die nicht mitkommen?

Ablinger: Oft ist der Unterricht so aufgebaut, dass alle Kinder mithalten müssen. Für Kinder, die das nicht können, fehlt der pädagogische Platz. Der Frontalunterricht fördert, dass Kinder körperlich anwesend sind, aber geistig nicht. Nach Jahren stellt sich dann heraus, dass es an vielem fehlt. 

derStandard.at: Es ist klar, dass die Lehrer keine Wunder vollbringen können und Eltern die größte Verantwortung haben. Aber kann es auch sein, dass manche Lehrer nicht motiviert sind, diese Probleme aufzufangen?

Ablinger: Lehrer können nicht alle Probleme lösen. Aber manchmal ist sonst niemand da. Dann müssen sie reagieren. Sie haben eine gewisse Verantwortung, in manchen Phasen verbringen Kinder mehr Zeit mit den Lehrern als mit den Eltern. Aber ich denke, dass Lehrer Unterstützung brauchen.

Viele sind überfordert - etwa beim Thema häusliche Gewalt. Und wer überfordert ist, schaut oft lieber weg. Für Lehrer gibt es keine Supervision, was oft nötig wäre.

derStandard.at: Das ist alles nichts Neues. Auch die Unterrichtsministerin hat längst erkannt, dass es mehr psychosoziale Unterstützung in den Schulen bräuchte. Warum ist das nicht machbar?

Ablinger: Das ist eine Geldfrage. Zurzeit ist es offensichtlich nicht angesagt, da mehr Geld zu investieren.

derStandard.at: Wenn Burgstaller sagt, sie hätte gerne ein Mittel, mit dem sie auf die Eltern mehr Druck ausüben kann, dann unterstellt sie den Eltern, dass diese sich nur dann kümmern, wenn es Geldstrafen gibt. Können Sie dieses Bild aus Ihrer Lehrerlaufbahn bestätigen?

Ablinger: Diesen Eindruck habe ich eben nicht. Die Eltern sind oft überfordert. Sie versuchen selbst, auf ihre Kinder Druck auszuüben, aber das hilft nichts. Viele Eltern probieren alles, was in ihrer Macht steht. Viele sind verzweifelt und hilflos. Ihnen zu unterstellen, sie agierten nur dann, wenn auf sie Druck ausgeübt wird, ist fern von der Realität. 

derStandard.at: Könnte Burgstallers Vorstoß auch Bundesparteilinie werden?

Ablinger: Nein. 

derStandard.at: Sind sie enttäuscht, dass von einer Sozialdemokratin zu so einem komplexen Problem ein derart populistischer Vorschlag kommt?

Ablinger: Ich finde diesen Vorschlag überraschend und verstehe nicht, warum Gabi Burgstaller meint, das könnte die Lösung sein. Meiner Meinung nach ist das ein Ablenkungsmanöver von dem, was man eigentlich tun müsste: die Schülersozialarbeit intensivieren, den Unterricht spannender machen und die Lehrer unterstützen. Darüber hinaus ist der Schulabsentismus kein Massenphänomen. Mir macht die Angst der Jugend um ihre Zukunft viel mehr Sorgen. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 2.7.2012)

Sonja Ablinger (46) ist Hauptschullehrerin und Nationalratsabgeordnete der SPÖ. In der Hauptschule Haid in Oberösterreich bildet sie Kinder zu Streitschlichtern aus.

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