"Schulschwänzen nicht mit Drohungen lösbar"

Interview | Katrin Burgstaller
2. Juli 2012, 16:29
  •  "Ich finde diesen Vorschlag überraschend und verstehe nicht, warum Gabi Burgstaller meint, das könnte die Lösung sein."
    foto: apa/fohringer

    "Ich finde diesen Vorschlag überraschend und verstehe nicht, warum Gabi Burgstaller meint, das könnte die Lösung sein."

SPÖ-Abgeordnete Sonja Ablinger kritisiert Gabi Burgstallers "überraschenden" Vorschlag, den Eltern von Schulschwänzern die Familienbeihilfe zu sperren

"Man muss sich strukturell anschauen, woher der Schulfrust kommt", sagt Sonja Ablinger, Nationalratsabgeordnete der SPÖ. Sie kritisiert die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) scharf für ihren Vorschlag, den Eltern von Schulschwänzern mit dem Entzug der Familienbeihilfe zu drohen. Warum die Eltern oft überfordert sind und auch die Lehrer unterstützt werden müssen, sagt Ablinger im Interview mit derStandard.at.

derStandard.at: Gabi Burgstaller will auf Eltern von Schulschwänzern Druck ausüben, indem die Familienbeihilfe ausgesetzt wird, bis die Kinder wieder regelmäßig in die Schule gehen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Ablinger: Nichts. Wenn Eltern die Schulverweigerung ihrer Kinder mit einer Zahlung abstellen könnten, täten es viele. Die Probleme sind tiefer. Wenn man diesen Familien auch noch die Kinderbeihilfe wegnimmt, spannt sich die Situation nur noch weiter an. Die Ursachen sind nicht mit Drohungen lösbar. 

derStandard.at: Was ist das eigentliche Problem an der Schulverweigerung?

Ablinger: Über Jahre hat sich bei den Kindern und Jugendlichen oft ein extremer Schulfrust mit permanentem Schulversagen aufgebaut. Viele sehen in der Schule nur den Beweis, dass sie es ohnehin nicht schaffen. Der Problemberg wird so groß, dass die Wirklichkeit ausgeblendet wird. Die Verweigerung ist ihre Strategie, mit diesem riesigen Problemberg umzugehen.

Man muss sich strukturell anschauen, woher dieser Schulfrust kommt. Oft hat man als LehrerIn nicht die Zeit, adäquat zu reagieren. Oft hängt das Problem mit Lernschwierigkeiten, strukturellem Analphabetismus, psychischen Problemen, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Anm.), Legasthenie, Seh- und Hörschwierigkeiten oder der Pubertät zusammen, wo sich Jugendliche oft alleine gelassen fühlen. Auch Mobbing und Gewalt spielen eine Rolle. Wenn die Eltern keine Beihilfe mehr bekommen, kommt das Kind vielleicht für ein paar Wochen wieder in die Schule. Das Problem ist aber nicht gelöst. 

derStandard.at: Haben die Lehrer nicht genug Zeit, genauer hinzuschauen?

Ablinger: Ich bin überzeugt, dass intensive Schulsozialarbeit hilft. Sie sollte einen engen Austausch zwischen Schülern, Lehrern und Eltern ermöglichen. Keine Mutter, kein Vater und kein Kind will das Schulversagen. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist sinnvoller als Strafzahlungen. 

derStandard.at: Ist in unserer herkömmlichen Schulstruktur kein Platz für Kinder, die nicht mitkommen?

Ablinger: Oft ist der Unterricht so aufgebaut, dass alle Kinder mithalten müssen. Für Kinder, die das nicht können, fehlt der pädagogische Platz. Der Frontalunterricht fördert, dass Kinder körperlich anwesend sind, aber geistig nicht. Nach Jahren stellt sich dann heraus, dass es an vielem fehlt. 

derStandard.at: Es ist klar, dass die Lehrer keine Wunder vollbringen können und Eltern die größte Verantwortung haben. Aber kann es auch sein, dass manche Lehrer nicht motiviert sind, diese Probleme aufzufangen?

Ablinger: Lehrer können nicht alle Probleme lösen. Aber manchmal ist sonst niemand da. Dann müssen sie reagieren. Sie haben eine gewisse Verantwortung, in manchen Phasen verbringen Kinder mehr Zeit mit den Lehrern als mit den Eltern. Aber ich denke, dass Lehrer Unterstützung brauchen.

Viele sind überfordert - etwa beim Thema häusliche Gewalt. Und wer überfordert ist, schaut oft lieber weg. Für Lehrer gibt es keine Supervision, was oft nötig wäre.

derStandard.at: Das ist alles nichts Neues. Auch die Unterrichtsministerin hat längst erkannt, dass es mehr psychosoziale Unterstützung in den Schulen bräuchte. Warum ist das nicht machbar?

Ablinger: Das ist eine Geldfrage. Zurzeit ist es offensichtlich nicht angesagt, da mehr Geld zu investieren.

derStandard.at: Wenn Burgstaller sagt, sie hätte gerne ein Mittel, mit dem sie auf die Eltern mehr Druck ausüben kann, dann unterstellt sie den Eltern, dass diese sich nur dann kümmern, wenn es Geldstrafen gibt. Können Sie dieses Bild aus Ihrer Lehrerlaufbahn bestätigen?

Ablinger: Diesen Eindruck habe ich eben nicht. Die Eltern sind oft überfordert. Sie versuchen selbst, auf ihre Kinder Druck auszuüben, aber das hilft nichts. Viele Eltern probieren alles, was in ihrer Macht steht. Viele sind verzweifelt und hilflos. Ihnen zu unterstellen, sie agierten nur dann, wenn auf sie Druck ausgeübt wird, ist fern von der Realität. 

derStandard.at: Könnte Burgstallers Vorstoß auch Bundesparteilinie werden?

Ablinger: Nein. 

derStandard.at: Sind sie enttäuscht, dass von einer Sozialdemokratin zu so einem komplexen Problem ein derart populistischer Vorschlag kommt?

Ablinger: Ich finde diesen Vorschlag überraschend und verstehe nicht, warum Gabi Burgstaller meint, das könnte die Lösung sein. Meiner Meinung nach ist das ein Ablenkungsmanöver von dem, was man eigentlich tun müsste: die Schülersozialarbeit intensivieren, den Unterricht spannender machen und die Lehrer unterstützen. Darüber hinaus ist der Schulabsentismus kein Massenphänomen. Mir macht die Angst der Jugend um ihre Zukunft viel mehr Sorgen. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 2.7.2012)

Sonja Ablinger (46) ist Hauptschullehrerin und Nationalratsabgeordnete der SPÖ. In der Hauptschule Haid in Oberösterreich bildet sie Kinder zu Streitschlichtern aus.

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Sog löst

Drohungen sind DRUCKmittel. DRUCK komprimiert Mensch wie Problem. Das ist das exakte Gegenteil von Lösung. In der Ich-kann-Schule gilt daher das SOG-Prionzip.
SOG LÖST und kann noch viel mehr: aufrichten, wachsen machen, die Kräfte punktgenau lenken.
Der Bauer wusste immer, dass man mit Druck nicht lenken kann; deshalb spannt er die Pferde nicht hinter sondern VOR den Wagen. Der Lehrer könnte vom Bauern lernen, wie und worum es geht. Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe

aus der ferne betrachtet

hielt ich die burgstaller einmal für die hoffnung der sozialdemokratie

seit einiger zeit meldet sie sich zu wort ....

bitte lieber gott, lass hirn regnen ...
(augenverdreh)
mea culpa, da bin ich schwer daneben gelegen!
ich will sie nicht beleidigen, aber spontan fällt mir immer öfter das wort urschl ein.

Maßnahmenkatalog des Ministeriums:

Erste folge: Reden wir darüber.
Zweite: ich mõchte, dass du weißt, dass ich von deinem verhalten sehr enttäuscht bin.
Dritte: wie fühlst du dich dabei, wenn du mich anlügst? Glaubst du, es macht dich zu einem besseren menschen?
Vierte: ich möchte dir sagen, dass ich beim nächsten mal mit deinem erziehungsberechtigten sprechen muss.

Usw...

die probleme mit der schule

also auch das schulschwänzen beginnen in der familie. da reden nicht hilft, muss man eben drastische schritte setzen. vielleicht checken dann so manche eltern, dass sie es sind die erziehen müssen

Ich finde Frau Burgstallers Idee sehr gut

Schulschwänzen nicht mit Drohungen lösen - sondern mit Konsequenzen!

Sperre

Ich habe das Gefühl, damit wäre das Problem sehr wohl lösbar: "Sperre der Familienbeihilfe" ist eine Sprache, die garantiert Alle verstehen - Bildungsniveau hin, Deutschkenntnisse her!

Aber wie üblich wird man vor Massnahmen, die die Gefahr in sich bergen, wirkungsvoll zu sein, aus Angst vor der eigenen Courage zurückschrecken.

Fau Abliner hat recht: Man muss sich strukturell anschauen, woher der Schulfrust kommt

Leider sucht sie an der falschen Stelle. Lernschwierigkeiten, ADHS, Legasthenie, Seh- und Hörschwächen, Hormone, Mobbing, Gewalt - Symptome, gegen die man "was tun kann", ohne das System gründsätzlich zu reformieren.

Dabei wäre ein Umdenken dringend nötig. Es ist eine Sache zu sagen, dass der Staat eine Verantwortung für den Bildungszugang seiner Bürger hat, aber warum muss er die Schulen selbst betreiben? Wäre es nicht viel besser, das Geld in Form eine Bildungsschecks den Eltern zu geben, die dann damit eine Schule aussuchen können?

Wettbewerb zwischen den Schulen würde mehr Vielfalt, höhere Qualität und schlussendlich auch niedrigere Kosten bringen, so wie es Wettbewerb immer tut. Sind die Schulen besser, kommen die Schüler auch.

und welche Schulen würden dann Ihrer Meinung nach jene sein, die im Wettbewerb am besten abschnitten

bzw. ein "top-ranking" hätten ?
Jede Wette:
die strengsten.
Weil:
schon jetzt geben die sogenannten Eliten (auch die SP-Eliten !) ihre Kinder in ausgesprochen strenge, auf Disziplin und Pflichterfüllung achtende Schulen, weil sie wissen, dass dies à la longue den Kindern später in der "freien Wildbahn des (Arbeits-)Lebens" am ehesten hilft.
So schaut's aus.

Möglich, aber zweifelhaft

"Streng" ist "lasch" überlegen, wenn es darum geht, jemanden dazu zu bringen etwas gegen seinen Willen zu tun. Unsere Schulen dämpfen eher die Lernmotivation und sind zu lasch, um trotzdem gute Ergebnisse zu erzielen.

Ich halte es aber für durchaus wahrscheinlich, dass sich Schulformen etablieren, die durch Freude am Lernen mehr (relevantes) Wissen vermitteln als strenge Schulen heutigen Formats. Wenn ein Schüler mal "wozu brauch ich das?" fragt, hat man eigentlich schon verloren.

Grundlegende Kulturtechniken und vermarktbare Fertigkeiten sollte jeder beherrschen, doch das nichteinmal das geht ohne Eigenmotivation des Schülers.
Bildung hingegen ist für Interessierte, und dieses Interesse wird durch strenge Methoden eher abgetötet.

in einem solchen wettbewerb gewinnen immer die privaten schulen

Das wäre auch meine Vermutung, aber eigentlich ist es mir egal. Mir geht es einerseits um bessere Schulen, d.h. auch mehr Vielfalt, um verschiedenen Lerntypen optimale Bedingungen zu bieten, andererseits auch um Kostenwahrheit und als folge sinkende Kosten.

Privatschulen sind i.d.R. besser, weil sie einem anderen Anreizsystem unterliegen: sie müssen Eltern und Schüler anlocken und dazu bringen, freiwillig diese Dienstleistung in Anspruch zu nehmen.
Heute werden öffentliche Schulen aus Steuern finanziert, müssen sich also überhaupt nicht darum kümmern Kunden anzulocken - und das merkt man.
Wenn man hingegen auch öffentliche Schule nur via Bildungsscheck finanziert und "unrentable" auflöst, kommt auch Schwung in diese.

Stimmt - sind aber - abgesehen von Montessori - auch die "strengeren".

Das Streichen der Familienbeihilfe ist aber nur die letztmögliche Handlung bei Schulschwänzern. Bis es dazu kommt sind nicht-monetäre Konfliktlösungen vorgesehen.
Aber eine Zeitung verkauft sich nun mal besser wenn die unspannenden Details nicht in der Überschrift sind.

Frau Burgstaller entwickelt sich immer mehr zur autoritären Furie, der die Bevölkerung wurscht ist (ähnlich wie Fr. Prammer und einige andere Damen der linken Reichshälfte). "So wird's gemacht", "da fahrt die Bundesbahn drüber", und wenn Einspruch auftaucht, wird halt gestraft.

die verpflichtung...

...kinder in die schule schicken zu müssen ist auch nicht verhandelbar...da fährt in der tat die bundesbahn drüber

Glaub ich nicht

Die Bundesbahn hat alle diesbezüglichen Strecken längst eingestellt.

Gute Worte

Mit guten Worten statt entschlossenem Handeln ist der von Eltern geduldeten Schulschwänzerei nicht beizukommen. Verfehlt die Beihilfe ihren Zweck ist sie zu streichen.

Die Beihilfe ist aber für manche Familien lebensnotwendig, um überhaupt über die Runden zu kommen, und die Streichung als Sanktionsmaßnahme nicht angebracht.

bildung ist für kinder...

...lebensnotwendig...das verhalten von eltern, die ihre kinder nicht hinschicken, ist nicht tolerierbar

als ob man in unseren schulen mehr lernt, als beim schwänzen :D

Das Schreiben und Lesen müssen Sie demgemäß in schulschwänzender Weise beim Wirtn um die Ecke gelernt haben. Nicht? Wo dann?

Prater-Spielhalle ? Computer-Spiele ? . . . .

Die Bürger - Vera...rglist...ung geht weiter:

Diese Schwänzerei-Debatte ist ein künstlich produzierter Aufreger, um abzulenken von:
- dem Rohrkrepierer namens Neue Mittelschule
- dem kläglichen Umfaller der Frau Ministerin bei der Einführung bzw. Verschiebung der NeuenReifeprüfung
- peinlichen Testergebnissen
- etc. ....

Es geht denen um sonst nichts

als um Kohle abzukassieren.
Gerede hin Gerede her, es geht ums Geld.

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