"Man musste nehmen, was man bekam"

Rezension |
  • Arbeit ist das halbe Leben ...Erzählungen vom Wandel der Arbeitswelten seit 1945
Herausgegeben von Sabine Lichtenberger und Günter MüllerBöhlau Verlag 2012, 320 S., 24,90 Euro
    foto: buchcover böhlau verlag

    Arbeit ist das halbe Leben ...
    Erzählungen vom Wandel der Arbeitswelten seit 1945

    Herausgegeben von Sabine Lichtenberger und Günter Müller
    Böhlau Verlag 2012, 320 S., 24,90 Euro

Das Buch "Arbeit ist das halbe Leben ..." seziert Arbeitswelten und erzählt vom Wandel seit 1945

Am Anfang stand der Aufruf zum Einreichen, das Resultat ist ein Kaleidoskop der Arbeitswelt. Dazwischen wurden persönliche Berufserfahrungen gesichtet, sortiert, redigiert und in ein Buch gegossen. Damit sie nicht verloren gehen.

In "Arbeit ist das halbe Leben ..." erzählen 20 Personen, wie sich ihre Berufe im Laufe der Jahrzehnte gewandelt haben. Die Phalanx der Biografien reicht von der Metamorphose des einen Gewerbes bis zum Untergang des anderen. Initiiert wurde diese "Bestandsaufnahme historischer Arbeitswirklichkeiten", wie es in der Einleitung heißt, von der Arbeiterkammer, der Gewerkschaft und dem Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Uni Wien. Die Autoren sind alle zwischen 1923 und 1951 auf die Welt gekommen.

Lebensmittel beschaffen, Geld verdienen

Einer davon ist Erich Weinmüller, 1931 als einziges Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Gebeutelt von der Armut nach Kriegsende und um seine schwer kranken Eltern zu versorgen, entschloss er sich 1945 zu einer Lehre. Es sollte etwas mit Lebensmitteln zu tun haben, denn: "Wer an der Quelle sitzt, wird nicht verdursten", schreibt Weinmüller. Er heuerte in Wien bei Julius Meinl an. Als Kaufmannsgehilfe. In seiner ersten Filiale wurde er mit den Worten "Also merke dir, Laufschritt ist bei mir die langsamste Gangart!" empfangen.

"Erstens Lebensmittel beschaffen, zweitens Geld verdienen." Dieses Motto diktierte die Berufswahl und war prägend für Weinmüllers gesamte Erwerbstätigkeit. Meinl war nur ein Intermezzo. Viele Jahre und neun Berufe später ging er in Pension. Offensichtlich genießt er sie: "Heute führe ich den Haushalt, ich male, schreibe Kurzgeschichten, die ich den Bewohnern eines Altersheimes vorlese."

Keine Chance auf Hauptschule

Eine andere ist Aloisia Käferböck, geboren 1936 im Mühlviertel in Oberösterreich. Ihr Beruf war jener der Haushaltsgehilfin. Ausgesucht von der Mutter, "ich musste mich fügen". Vom eigentlichen Wunsch, Lehrerin oder Kindergärtnerin zu werden, musste sie sich schnell verabschieden. Ohne Schulabschluss keine Chance. "Ich wäre gerne in die Hauptschule gegangen, aber das war damals am Land fast unmöglich", schreibt sie. Bei sechs Geschwistern und einer Distanz von zehn Kilometern bis zur nächsten Schule. "Man war auch der Meinung, dass das für ein Mädchen nicht nötig wäre, da es ja bald heiraten und Kinder haben wird und damit sowieso zu Hause bleiben muss."

Ihren Job als Haushaltsgehilfin skizziert sie folgendermaßen: "Der Tag begann für mich um 6 Uhr. Da hieß es Ofen einheizen, Kaffee kochen, für alle Schuhe putzen." Ihr Lohn betrug 80 Schilling pro Monat. Nach zwei Monaten Arbeit konnte sie sich einen Mantel kaufen. Frei hatte sie nur sonntags, und das auch nur für einige Stunden. "Ich hatte immer Hunger, denn die Bauernbutter und das bessere Essen bekamen immer die Kinder der Chefleute", so Käferböck. Nach einem Jahr warf sie das Handtuch und wechselte in eine Bäckerei. Für vier Jahre. Bis zur Heirat, denn zu diesem Zeitpunkt endete ihre Erwerbstätigkeit, das Hausfrauendasein begann.

Geschichten wie diese gewähren schöne Einblicke in eine Arbeitswelt von gestern, die von ökonomischen und gesellschaftlichen Zwängen und nicht von individueller Freiheit bestimmt war. Um es mit Frau Käferböcks Worten zu sagen: "Man musste damals das nehmen, was man bekam, ob es nun auch das war, was man gerne wollte, oder nicht." (om, derStandard.at, 3.7.2012)

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