Machtkampf Blatter - Platini um Tortechnologie

  •  Die Torlinientechnologie entzweit die mächtigsten Männer in der Fußballwelt: Platini (li.) und Blatter.
    foto: epa/szilard koszticsak

    Die Torlinientechnologie entzweit die mächtigsten Männer in der Fußballwelt: Platini (li.) und Blatter.

UEFA-Boss gegen Einführung technischer Hilfsmittel - FIFA-Chef wie Beckenbauer für revolutionären Schritt - Entscheidung am Donnerstag

Zürich - Der Streit über die geplante Einführung der Torlinientechnik entzweit die mächtigsten Männer im Welt-Fußball. Die zuletzt ohnehin abgekühlte Freundschaft zwischen Joseph Blatter und Michel Platini könnte in diesen Tagen einen endgültigen Bruch erleben. Ausnahmsweise ist nicht FIFA-Boss Blatter der konservative Bewahrer des Status quo. UEFA-Chef Platini hat mit seinem klaren Votum gegen jede Einführung technischer Hilfsmittel die Diskussion vor der entscheidenden Sitzung der Regelhüter des International Football Association Board (IFAB) am Donnerstag wieder entfacht.

"Ich bin gegen Technik im Fußball", lautet Platinis Mantra. "Das IFAB wird am 5. Juli darüber befinden - ich bin zuversichtlich, dass die Zeichen der Zeit erkannt werden", teilte Blatter - technisch ganz en vogue - per Kurznachrichtendienst Twitter seine konträre Haltung mit. Der Schweizer kann sich prominenter Unterstützer sicher sein. Auch in Deutschland sind Funktionärsgrößen wie Franz Beckenbauer oder Theo Zwanziger für den revolutionären Schritt, den Schiedsrichtern mit Technik zu helfen.

Ungewollte Unterstützung bekam Blatter - selbst bis zu den desaströsen Schiedsrichterfehlern bei der WM 2010 ein Gegner jeder Neuerung - von den EM-Referees. Die unglaubliche Fehleinschätzung des ungarischen Torrichters Istvan Vad beim "Torklau von Donezk" war das letzte Mosaik. "Nach dem Spiel am gestrigen Abend ist GLT keine Alternative mehr, sondern eine Notwendigkeit", meinte Blatter nach dem der Ukraine im EM-Gruppenspiel gegen England (0:1) verwehrten Treffer. Platinis Festhalten an den Tor-Assistenten wirkt hilflos antiquiert.

Am Donnerstag bedarf es sechs Ja-Stimmen der acht IFAB-Mitglieder, um die Regel-Revolution zu bewirken und künftig die Systeme Hawk-Eye oder GoalRef zur Torerkennung zuzulassen. Die FIFA hat vier Stimmen, die Verbände aus England, Schottland, Wales und Nordirland stellen traditionell die vier weiteren Mitglieder des vor 127 Jahren gegründeten Gremiums.

Möglich, aber nicht sonderlich praktikabel, wäre ein Kompromiss: Demnach könnten Kontinental- oder Landesverbände eigenständig entscheiden, ob und wenn ja wann das System eingeführt wird. Ein Bruch zwischen FIFA und UEFA und ein Durcheinander der Fußballregeln kann aber weder im Sinne von Blatter noch von Platini sein.

Unabhängig von allen Technikdebatten verbirgt sich im Disput der Spitzenfunktionäre eine andere Brisanz. Platini ist ein ernsthafter Nachfolge-Kandidat für den FIFA-Chefsessel. Blatter hat mehrfach betont, 2015 nach 17 Jahren aus dem Amt zu scheiden. Wie ernst es ihm damit wirklich ist, kann man schlussendlich aber erst in drei Jahren beurteilen. Der offensive Konfrontationskurs seines ehemaligen Zöglings Platini scheint Blatter zu provozieren. (APA, 2.7.2012)

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