Bettler-Debatte II: Wie man wirklich widerliche Praktiken an Kindern bekämpft

Leserkommentar3. Juli 2012, 01:27
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Eine Replik auf den Leserkommentar "Chronik einer angekündigten Kriminalität"

Bezüglich des derStandard.at-Leserkommentars "Chronik einer angekündigten Kriminalität" von Kerstin Kellermann muss ich gleich mehrere Sachen richtigstellen.

Falsche Tatsachen

Die Recherche der freien Journalistin und ständigen Reporterin des "Augustins" kann so gut nicht sein, wenn ein Drittel des hier Geschriebenen überhaupt nicht stimmt und alles weitere völlig falsch dargestellt wird.

Kerstin Kellermann schreibt in diesem Kommentar: "Es bleibt ein Rätsel, wie es in Wien scheinbar ein einzelner Mann - mit sehr guten Kontakten zur Polizei und zu Journalisten, aber quasi im Alleingang - schaffen konnte, die öffentliche Meinung über BettlerInnen so stark zu beeinflussen."

Völlig schleierhaft ist mir, woher ich die Macht besitzen sollte, als einzelner Mann die gesamte öffentliche Meinung zum Kippen zu bringen ....

Ist es nicht vielmehr so, dass es die ständige Präsenz der bettelnden Personen an vielen Plätzen der Stadt, die Zeitungsverkäufer vor Einkaufsmärkten, die Blumenverkäufer in Fußgängerzonen oder das plötzliche Verschwinden der Geldbörse in der Einkaufsstraße zum Nachdenken anregt?

Leider ist die Anzahl der Betroffenen sehr hoch, hierzu habe ich eine Mappe mit Bildern, keine mit 30 Bildern - wie Frau Kellermann schreibt -, sondern mit ca. 2.000 Fällen im Zeitraum von neun Jahren (!) , so dass sich die öffentliche Meinung wohl eher mittels "Schneeball-Effekts" weiterverbreitet und es nicht "die guten Kontakte zur Polizei oder Journalisten" sind, die die Stimmung zum Kippen bringen, wie Frau Kellermann argumentiert.

Amtsärztliche Untersuchungen

Zur Aussage von Kerstin Kellermann, dass ich Kinder einem Amtsarzt vorführe, um sie dann abschieben zu können: Es ist völlig aus der Luft gegriffen und entbehrt jeder Grundlage, denn weder ich noch ein Mitarbeiter der Drehscheibe haben je ein Kind einem Amtsarzt vorgeführt. Ärztliche Hilfestellung bekommen wir sofort, wenn es sich um zugefügte Verletzungen oder schwere Traumata handelt.

Ärmste der Armen

Fakt ist, dass ich als Leiter und Initiator der Drehscheibe (einer Einrichtung der Jugendwohlfahrt Wien) zu keinem Zeitpunkt für ein generelles Bettelverbot eingetreten bin, sondern das Betteln von Kindern und das Betteln mit Kindern verwerflich und nicht akzeptabel finde und daher strikt verurteile.

Wenn traurige Kinderaugen "mehr bringen"

Es werden bewusst Kinder eingesetzt, die mit traurigen Blicken Passanten oder Kaffeehausbesucher um Geld anbetteln, denn traurige Kinderaugen bringen einfach mehr. Die versteckte Gewalt hinter dieser Bettelei bekommen die wenigsten zu Gesicht, auch fällt den wenigsten dabei der Begriff Kinderarbeit ein. Kleinkinder müssen bei jedem Wetter ruhig neben der Mutter, Tante oder einem Erwachsenen stundenlang ausharren und können sich nicht dagegen wehren. Schulpflichtige Kinder werden so der Schulbildung entzogen und bleiben das weitere Leben ungebildet und somit williges Werkzeug für gebildete Erwachsene.

Woher diese Personen auch immer kommen, es gibt auch in diesen Ländern eine Schulpflicht. Mir ist dabei vollkommen bewusst, dass ich dabei von einer Volksgruppe spreche, die überall Anfeindungen und Diskriminierungen ausgesetzt sind. Das hierarchische System innerhalb dieser Volksgruppe erlaubt es, dass Roma Roma ausbeuten können. Das zu verstehen fällt mir schwer. Wenn aber Kinder dabei eine Schlüsselrolle spielen, bin ich aufgerufen, diesen Missstand anzuprangern. Dass dies alles aber nicht nur die Volksgruppe der Roma betrifft, sondern wirklich internationale Dimensionen hat und europaweit passiert, ist vielfach dokumentiert, siehe auch die Links am Ende des Artikels.

Aus der Burschenarbeit kommend

Noch kurz zu dem Vorwurf, dass ich aus der Burschenarbeit komme: Als Sozialpädagoge habe ich nun 37 Jahre Berufserfahrung, davon 14 Jahre mit Mädchen und Burschen. Ich finde es anmaßend, wenn mir jemand, der auf diesem Gebiet keinerlei Berufserfahrung hat, ebendiese abspricht. Ich habe erreicht, dass in einigen osteuropäischen Ländern Betreuungseinrichtungen geschaffen werden. Habe mit Ministern gestritten, verhandelt und erreicht, dass diese sich dieses Problems annehmen, und vor allem, dass sie dies alles mit eigenen Finanzmitteln errichten müssen.

Das Hilfsprojekt, das Kellermann angesprochen hat, besteht nur aus einem freiwilligen Einsatz; einem "Know-how-Transfer". Jetzt schule ich vor Ort Mitarbeiter von ca. 60 Krisenzentren in Bulgarien, Rumänien und Bosnien, lade sie nach Österreich ein, um hier zu lernen. Zusätzlich fahre ich vier- bis fünfmal im Jahr in diese Länder und kontrolliere, ob und wie alles umgesetzt wird. Denn nur so ist es möglich, dass Kinder, die in Wien missbraucht wurden, rückgeführt werden. Es ist nicht zielführend, diese Kinder in Wiener Einrichtungen unterzubringen, denn dies würde einer Entwurzelung aus dem Elternhaus gleichkommen.

Dass ich bei dieser Vorgehensweise nicht so falsch liegen kann, zeigt mir die internationale Aufmerksamkeit, die dazu führte, dass ich 2011 unter anderem von der Internationalen Humanisten-Liga den "Golden Charter Award" überreicht bekam, der nur alle fünf Jahre an sechs Personen oder Institutionen auf der Welt vergeben wird. Auszeichnungen habe ich auch aus Frankreich, Ungarn, Bulgarien und auch aus Österreich bekommen.

Abschließend kann ich nur sagen, dass wir alle aufgefordert sind, Menschen- und Kinderhandel mit allen Mitteln zu bekämpfen. Ich möchte mich auf diesem Weg auch bei allen JournalistInnen bedanken, die dieses Thema aufgreifen und so mithelfen, Menschen- und Kinderhandel zum Erliegen zu bringen. (Leserkommentar, Norbert Ceipek, derStandard.at, 3.7.2012)

Norbert Ceipek ist seit 1977 als Sozialpädagoge in der Krisenarbeit tätig und hat 2002 den Verein Drehscheibe etabliert.

Links

Kinder-Bettlerbanden in England
Zunahme der Bettlerbanden in Europa
Bettlerstrich in Thailand
Kinderhandel in China
Terres des hommes - Hilfe für Kinder in Not

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