Unerwarteter Reformschub aus Deutschland

Blog2. Juli 2012, 10:47
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Die Dynamik in Sachen Kirchenreform ist derzeit in Deutschland zu Hause. Im Mai publizierten Geistliche der Diözese Freiburg einen Aufruf, in dem sie festhielten, dass sie in Sachen wiederverheiratete Geschiedene neue Wege gehen. "Uns ist bewusst, dass wir damit oft gegen derzeit geltende kirchliche rechtliche Vorschriften der römisch-katholischen Kirche handeln", heißt es lapidar in dem Manifest.

Als im Juni bereits 177 Priester und Diakone unterschrieben hatten, gab es zunächst den üblichen Reflex des Machtapparates: Der Generalvikar forderte dringend, dass die Unterschriften wieder zurückgenommen werden. Was seither geschah: Zwei zogen ihre Unterschrift tatsächlich zurück. Doch die Zahl der Unterstützer stieg im Juni auf 208.

Das ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Der kleine Aufstand spielt nicht irgendwo im Abseits, sondern im Gebiet eines der wichtigsten deutschen Kirchenmänner. Der Erzbischof von Freiburg ist nämlich derzeit auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Besonders beeindruckend ist die Zahl. Die Diözese verfügt derzeit über 888 Priester und 241 Diakone. Damit haben 18,3 Prozent der diözesanen Kleriker ihren Verstoß gegen das aktuelle Kirchenrecht bekundet.

Das ist nicht der erste Appell in dieser Diözese. Im Vorjahr schloss man sich einem Memorandum vom Theologieprofessorinnen und -professoren an, das unter anderem für Ämter für Frauen und die Akzeptanz homosexueller Partnerschaften votierte. Dafür unterschrieben mittlerweile sogar 26,5 Prozent der Kleriker. Mit vollem Namen! Das ist in einer Institution, die immer noch reich an Unterdrückungsmechanismen ist und aktuell den Gehorsam als wichtigste Tugend propagiert, keine Selbstverständlichkeit.

Der Freiburger Oberhirte hat nunmehr mit "seinen" Geistlichen das Gespräch gesucht. Im Ziel, dass es Reformen geben soll, scheint man übereinzustimmen. Immerhin war Robert Zollitsch auch jener Bischof, der im Vorfeld des Deutschland-Besuches des Papstes auf Änderungen in der Kommunionspraxis für wiederverheiratete Geschiedene gedrängt hat. Beim deutschsprachigen Papst ist er bislang freilich mit diesem Thema abgeblitzt. Für Herbst wurden nun weitere Gespräche mit den reformfreudigen Klerikern angekündigt.

In dieser Frage hat nun auch erstmals ein deutschsprachiger Kardinal aufhorchen lassen. Der erst kürzlich mit dem roten Birett ausgezeichnete Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki hat in einem "Zeit"- Interview den Weg der Ostkirche als Möglichkeit aufgewiesen, auch zweite Eheschließungen zu tolerieren. Zudem weicht er in Sachen homosexuelle Lebensgemeinschaften von der bisher recht strengen römischen Linie ab. Wenn man die kirchliche Lehre, Homosexuelle nicht in ungerechter Weise zurückzusetzen, ernst nehme, "darf ich in homosexuellen Beziehungen nicht ausschließlich den Verstoß gegen das natürliche Gesetz sehen", sagte Woelki. Nach Carlo Maria Martini ist der an Lebensjahren jüngste Purpurträger der Weltkirche damit der zweite Kardinal, der die bisherige ablehnende Haltung der katholischen Kirche zu eingetragenen Partnerschaften relativiert.

Von den Vorgängen in Deutschland kann die österreichische Amtskirche mit Kardinal Christoph Schönborn an der Spitze einiges lernen:

  • Es ist damit erwiesen, dass es nichts mit einer angeblichen persönlichen Profilierungssucht von Helmut Schüller zu tun hat (wie Schönborns Mitarbeiter gerne ausstreuen), wenn diese Themen immer wieder auf den Tisch kommen. Es ist dies schlicht die Erkenntnis von Menschen, die (im Unterschied zum Papst und vielen Kardinälen) jahrzehntelang im pfarrlichen Seelsorgedienst gestanden sind. Man wird daher diese "kirchliche Lebenserfahrung" nicht auf Dauer ignorieren können.
  • Dass Schönborn die letzten Gespräche mit der Pfarrerinitiative geführt hat, liegt schon wieder fast ein Jahr zurück. Vielleicht sollte er anstelle von Ferndiagnosen und Ferndrohungen auch wieder einmal den Dialog suchen.
  • Schönborn hat nach seiner mutigen Entscheidung in der Causa "Stützenhofen" unter dem Druck Roms wieder den Rückwärtsgang in Sachen homosexuelle Partnerschaften eingelegt. (Ein paar Schritte voraus und dann gleich mehrere zurück, das ist leider ein Charakteristikum seiner Amtsführung). Vielleicht kann er bei der weiteren Behandlung dieses Themas bei seinem Berliner Amtsbruder wieder eine Portion Mut ausfassen.

PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (Eolfgang Bergmann, derStandard.at, 2.7.2012)

Autor

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

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    Bei den deutschen Erzbischöfen Woelki (Berlin, im Bild links) und Zollitsch (Freiburg) kann ihr Wiener Kollege noch einiges lernen.

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