"Am Dienstag nach einem durchtanzten Wochenende"

2. Juli 2012, 10:26
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Ferien ist Partyzeit, synthetische Drogen sind nicht selten im Spiel. Wim van den Brink erforscht die Langzeitfolgen

STANDARD: Wie gefährlich sind synthetische Rauschmittel wie Amphetamine oder MDMA tatsächlich?

Wim Van den Brink: Das ist unterschiedlich, denn sie sind ziemlich verschieden in ihren Wirkungsweisen. Amphetamine könnten deshalb langfristig andere Auswirkungen haben als MDMA. Die Gefahr ist abhängig von Menge und Dauer der Einnahme - wie bei allen Stoffen. Sogar Wasser ist toxisch, wenn man nur genug davon trinkt. Bei Ecstasy-Konsumenten sehen wir aber regelmäßig kognitive Funktionsstörungen. In unserer NeXT-Studie haben wir Nichtbenutzer und Benutzer über Jahre beobachten und verglichen, darunter auch Personen, die vor Studienbeginn noch nie diese Drogen genommen hatten.

STANDARD: Was ist das Ergebnis?

Van den Brink: Menschen, die Ecstasy nehmen, haben Gedächtnisstörungen. Das bemerken sie selbst oft nicht. Es scheint sogar so zu sein, dass die Regeneration des Gedächtnisvermögens nach einem vollständigen Konsumstopp bis zu einem Jahr dauern kann. Wir wissen noch nicht, ob die Folgen vollständig wieder verschwinden. Personen mit einer vorangegangenen, mittelschweren Gehirnerschütterung zeigen etwa dieselben Symptome wie Ecstasy-Konsumenten, die nur zwei, drei Pillen geschluckt haben. Das ist zwar nicht viel, aber man sieht doch lang anhaltende Effekte.

STANDARD: Im Rahmen Ihrer Untersuchungen haben Sie bei Personen mit geringem MDMA-Konsum sogar langfristige Veränderungen in der Durchblutung des Gehirns festgestellt. Wie kommt es dazu?

Van den Brink: Was bei der Einnahme von MDMA passiert, ist ein Eingriff in den Serotonin-Haushalt. Infolgedessen kommt es zur Beeinflussung der Blutzufuhr durch Verengung der Gefäße. Wenn diese Wirkung durch dauerhaften Serotonin-Mangel langfristig eintritt, könnte es aufgrund von Sauerstoff-Defiziten zu Schäden kommen.

STANDARD: Und was passiert beim Gebrauch von Amphetaminen?

Van den Brink: Das ist eine ganz andere Geschichte. Sie greifen in den Dopamin-Stoffwechsel ein, wirken sehr euphorisierend und haben ein starkes Suchtpotenzial. Bei Ecstasy sehen wir dagegen ganz wenig Anzeichen für eine Abhängigkeit. Aber eben die Probleme mit dem Lang- und dem Kurzzeitgedächtnis, die werden von fast allen bislang vorliegenden Studien bestätigt. Solche Störungen sind vor allem bei jungen Menschen nicht wünschenswert.

STANDARD: Serotonin und Dopamin sind für die Psyche von großer Bedeutung. Können durch Ecstasy und Amphetamine seelische Störungen entstehen?

Van den Brink: Auch hier muss differenziert werden. MDMA führt kurzfristig zu einer Erhöhung der Serotonin-Freisetzung, was in seltenen Fällen akute psychotische Symptome auslösen kann. Später kann es aber zu einem Serotonin-Defizit mit vorübergehenden Depressionen kommen. Man bezeichnet sie als "Midweek-Blues", der sehr oft am Dienstag nach einem durchtanzten Wochenende eintritt. Bei Einnahme von Amphetaminen werden erhöhte Mengen Dopamin freigesetzt, hier gibt es eine deutlich erhöhte Gefahr für psychotische Effekte. Das macht den Konsum für prädisponierte Personen riskant. Manchmal können solche psychotischen Zustände auch länger anhalten. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 2.7.2012)

WIM VAN DEN BRINK, Mediziner und Epidemiologe, lehrt als Professor für Psychiatrie und Sucht an der Universität Amsterdam und ist zudem Direktor des Amsterdamer Instituts für Suchtforschung (AIAR).

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