Und wieder einmal der Irrtum der Rohrspatzen

1. Juli 2012, 23:15
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Spannend, fair, geil. Die polnisch-ukrainische EM erwies sich als ein schönes Sommerfest. Die Euro war eine willkommene Ablenkung vom Euro. Unter der litten dann nur "schwäbische Hausfrauen"

Kiew - Was haben sie nicht geschimpft, die Rohrspatzen. Jetzt, nachdem auch das Finale der polnisch-ukrainischen Europameisterschaft Schnee von gestern ist, darf allerdings sehr positiv bilanziert werden. Während in Brüssel die Staats- und Regierungschefs sich an die Gurgel - nein, schlimmer noch: ans Börsel - gingen, zeigten die Kicker, die Fans und die Gastgeber, was ihnen der Kontinent und seine Zusammengehörigkeit wert ist. Und das darf Hoffnung machen.

Auch wenn der Eindruck natürlich noch hauptsächlich von der Frische lebt, weshalb er auch ein wenig verzerrt sein mag: Wahrscheinlich hat es noch nie ein großes Turnier gegeben, das so durchgängig als geil empfunden wurde.

Leidenschaft

Sportlich sowieso. Selbst die Partien mit griechischer Beteiligung waren sehenswert, weil auch die Griechen dem Fußball gaben, was des Fußballs ist: Leidenschaft und Engagement. Leidenschaft, Engagement und phasenweise Klasse zeigten auch die Gastgeber. Die Ukraine schied sogar unglücklich aus. Ein Unglück, das zu einem ballesterischen Technologieschub genutzt werden wird. Die Fehlsichtigkeit des Torrichters beim nicht gegebenen 1:1 gegen England wird die Einführung einer technischen Torkontrolle beschleunigen.

Nicht beschleunigen braucht man den Umgangston. Der hat sich zu einem fast mädchenpensionatshaften Zuvorkommen verfeinert. Bis zum Finale gab es in 30 Partien nur eine einzige rote Karte, und die in der Vorrunde für einen unvermeidlichen Torraub durch den polnischen Tormann Wojciech Szczesny an den Griechen. Auch diese Karte war keine für ein brutales Hineinsteigen.

Die Fairness der Kicker korrelierte nicht mit der Fadess der Partien, ganz im Gegenteil. Es war ein ausgesprochen ausgeglichenes Turnier: Kein Team konnte sich vorzeitig fürs Viertelfinale qualifizieren. Ab da waren die Matches sowieso hochspannend, nicht immer auf des Messers Schneide stehend, aber doch häufig.

Das allerdings korreliert schon mit der Organisation, von der die Rohrspatzen sich das Chaotischste erwartet hatten. Nicht - oder kaum was - von dem trat ein. Uefa-Päsident Michel Platini hymnisiert geradezu: " Es noch besser zu machen wäre Perfektion." Dass es dazu nicht kam, dafür haben eh die polnischen und russischen Kindsköpfe gesorgt, die einander zum peinlichen Watschentanz luden. Jedenfalls waren sowohl Polen (EU-Mitglied) als auch die Ukraine (nicht EU-Mitglied) würdige Gastgeber. Dass die Ukraine noch reichlich zu kehren hat vor ihrer Tür, ist deshalb nicht weniger offensichtlich. Aber das riesige Land hat sich gleichwohl als ein europäisches präsentiert.

Hunger

So wie Irland, die Insel vom anderen Ende des Kontinents. Das war wohl der bewegendste Moment des ganzen Turniers. Beim 0:4 in der Vorrunde gegen Spanien sangen 20.000 herzergreifend "The Fields of Athenry", eine Ballade vom Hungern und von der bitteren Not.

Das - und noch so manch anderes mehr - hat den alten IRA-Haudegen Martin McGuinness gerührt dazu animiert, der Queen die Hand zur Versöhnung zu reichen. So weit muss Fußball gehen. Aber nein: Natürlich hat die Entterrorisierung des Terrors mit Fußball nichts zu tun. Außer der Umstand, dass, hätte zum Beispiel der alte RAF-Baader versucht, seiner Gudrun Ensslin die Abseitsregel zu erklären statt des Marxismus-Leninismus, Deutschland ein ganzer Herbst erspart geblieben wäre.

Schwaben

Apropos Deutschland: gut, eifrig, wieder einmal gescheitert, wieder einmal an Italien. Auch schwäbische Hausfrauen können, wie man gesehen hat, Fußball spielen. Dummerweise war die schwäbischste aller "schwäbischen Hausfrauen" (so jene, welche die Stones auf "Goats Head Soup" "Angie" riefen, über ihr finanzpolitisches Weltbild) an dem Tag gerade anderswo dabei, ein Füllhorn des Wohlwollens über den Kontinent zu leeren. Beziehungsweise Maultaschen aufzuwarten. Statt, wie erwartet, Maulschellen. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 2.7. 2012)

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    Der Umgangston war fast mädchenpensionatshaft. Portugals Pepe (li.) und Spaniens Iker Casillas verabschieden sich nach dem Halbfinale. Bei Real Madrid sehen sie einander wieder.

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