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Die Umkehrung des Herr-Knecht-Verhältnisses im Hause Scheitermann: Nicolaus Hagg (li.) und Toni Slama im Kampf um soziales Ansehen und schnöde Moneten.
Reichenau/Rax - In Johann Nestroys Miniaturposse Frühere Verhältnisse, dem letzten vollendeten Werk des Meisters, drückt einen reichen Holzhändler die Höllenangst vor sozialer Deklassierung. Scheitermann (Nicolaus Hagg) trägt zwar eine Goldweste am Leib. Sein prächtiges, seidenknisterndes Weib (Ulrike Beimpold) steht jedoch himmelhoch über ihm.
Sie ist als Professorentochter die Ehe mit ihm deshalb eingegangen, weil er sich als "Realitätenvermittler" ausgab. Nun ist es aber kein Leichtes, Realitäten zu vermitteln. In der Wirklichkeit, über die sich Nestroy so gallig-bitter auslässt, wechseln die Menschen unaufhörlich die sozialen Masken. Der Markt regiert sie mit eiserner Hand. Er nötigt sie zu jener "Flexibilität", die Nestroy 1861/62 nur dem Namen nach nicht kannte, ihrem Wesen nach aber bis auf den Grund durchschaute.
Im Großen Saal des Theaters Reichenau hat Regisseurin Maria Happel die Früheren Verhältnisse tatsächlich beim schmückenden Eigenschaftswort genommen. Auf einem erhöhten Podest vor einem himmelblauen Prospekt bezieht ein Streichquintett zaghaft Posten (Bühne: Peter Loidolt). Die Musiker glänzen fortan nicht nur als wunderbare Couplet-Begleiter, sie untermalen das Schleichen und Wispern im Hause Scheitermann mit kratzenden Geräuschen: Die Türen quietschen in den Angeln. Die Verhältnisse sind nicht nur verlogen, sie zeugen von Desperation. Früher war eben alles anders.
Scheitermann sieht sich der verkniffenen Missbilligung durch seine Gemahlin ausgesetzt. Sie wünscht standesgemäß bedient zu werden. Er pflegt das weibliche Personal erotisch zu molestieren. Wie Beimpold und Hagg einander umschleichen, voller Begierde, in die sich stumme Wut mischt: Das ist Treppensteigen als Kunst, Treten und Getretenwerden auf der sozialen Stufenleiter.
Schlichen und Lügen
Jede Geste in dieser wohlgelungenen Aufführung enthält bereits einen Kommentar. Ein bissiges Vorführen der Schlichen und Lügen, deren sich jene Menschen bedienen, die, durch Ehe- oder Liebesbande aneinandergekettet, sich eigentlich am nächsten stehen. Peppi Amsel (Maria Happel), die neue Köchin, gibt ihr berühmtes Auftrittslied (" Theater! O Theater, du / Der Kunst geweihter Tempel!...") als Reminiszenz an ihr Bühnenleben, dessen Unleidlichkeit sie einst durch regen Flattersinn auszugleichen trachtete.
Der neue Knecht Muffl (Toni Slama) war früher Scheitermanns Prinzipal: ein unmanierlich dreinblickender Virtuose nörgeliger Redensarten. Vor allem in seinem Auftrittsmonolog eilt Slama die fein gezwirbelten Nestroy-Sätze wie ein Seiltänzer entlang. Ein unkorrekt ausgedrücktes Dasein als "lichter Neger" anvisierend, gebraucht er sein Wissen über Scheitermanns Vorleben gegen diesen als soziales Druckmittel.
Alle haben (fast) alle in der Hand. Männer und Frauen bilden sofort Verschwörerpaare, die bei jedem verdächtigen Geräusch zusammenzucken. Den Guldenschein, den sich Muffl herausverhandelt, klebt er seinem Spender auf die Stirn: Geld ist das universelle Zeichen einer Gesellschaft, die nur durch stetige Verwandlung sich selbst treu bleibt.
So warten die Zusatzstrophen der Couplets mit Einsichten auf, die von einem schmerzlichen Bewusstsein zeugen: "Wie hat sich das Mannsein verdraht ...", klagt Hagg als Scheitermann. Von Hagg stammen die heiteren Aktualisierungen. Beimpold mischt in die Prosa ihrer Ehe ein verzweifeltes Lied: "Denn schließlich schuf mich die Natur / als Professorstochter nur ...". Dazu ringt sie ihrer imposanten, turmhohen Erscheinung eine Ballettfigur von vollendeter Grazie ab. Der Hitze von Reichenau ist ein wunderbarer, heftig akklamierter Nestroy entsprungen: Theaterkunst aus brühwarmen Verhältnissen. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 2.7.2012)
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