Showdown in Kiew

  • Mit diesen elf Italienern wird nicht gut Kirschen essen sein: Giorgio Chiellini, Mario Balotelli, Andrea Barzagli, Leonardo Bonucci, Federico Balzaretti, Gianluigi Buffon (oben, von links), Claudio Marchisio, Antonio Cassano, Riccardo Montolivo, Andrea Pirlo, Daniele De Rossi (unten, von links).
    foto: dapd/ghirda

    Mit diesen elf Italienern wird nicht gut Kirschen essen sein: Giorgio Chiellini, Mario Balotelli, Andrea Barzagli, Leonardo Bonucci, Federico Balzaretti, Gianluigi Buffon (oben, von links), Claudio Marchisio, Antonio Cassano, Riccardo Montolivo, Andrea Pirlo, Daniele De Rossi (unten, von links).

  • Mit diesen Spaniern wird nicht gut Kirschen essen sein: Iker Casillas, Alvaro Arbeloa, Xabi Alonso, Sergio Ramos, Sergio Busquets, Gerard Pique (oben, von links), David Silva, Andres Iniesta, Xavi Hernandez, Cesc Fabregas, Jordi Alba (unten, von links).
    foto:epa/yuri kochetkov

    Mit diesen Spaniern wird nicht gut Kirschen essen sein: Iker Casillas, Alvaro Arbeloa, Xabi Alonso, Sergio Ramos, Sergio Busquets, Gerard Pique (oben, von links), David Silva, Andres Iniesta, Xavi Hernandez, Cesc Fabregas, Jordi Alba (unten, von links).

Eine spannende, ja gute Europameisterschaft endet am Sonntag zwischen einem dynamischen Italien, das die Sklavin Roms ins große Finale mitnehmen will, und einem müde wirkenden Titelverteidiger Spanien

Kiew/Wien - Dass die Italiener gerne martialisch sind, ist ja hinlänglich bekannt. Nach dem Einsatz der Zwillingsflak Balotelli titelte die "Gazzetta dello sport": "I panzer siamo noi!" Die Panzer - an sich ja der Spitzname der Deutschen - seien jetzt "wir".

Finalgegner Spanien, auch kein Kind diesbezüglicher Traurigkeit, könnte davon ein Lied singen. Dummerweise gibt es keinen Text, und falls die rote Furie am Sonntag in Kiew (20.45, auch ORF 1) verlieren sollte, wird König Juan Carlos wohl mit eiserner Faust dreinfahren in die Dichterstuben.

Denn während Andres Iniesta, Sergio Ramos, Xavi Hernandez und höchstwahrscheinlich wieder kein echter Stürmer Maulaffen feilzuhalten haben, schmettern sich nebenan die blauen Heldentenöre die Seele aus dem Leib: "Dov'è la Vittoria? Le porga la chioma / Che schiava di Roma iddio la creo." Viktoria, die Siegesgöttin, wurde als eine Sklavin Roms geboren. "Eh", sagte angeblich Joachim Löw noch am Donnerstagabend.

Aufgepäppelt

Und Cesare Prandelli, der Trainer, der Italiens Team nach der sieglosen Vorrunden-Blamage des Titelverteidigers bei der WM 2010 wieder aufgepäppelt hat, widerspricht dem deutschen Coach nicht. Im Gegenteil: " Das Halbfinale war nur der Anfang eines Traumes", sagt der Lombarde.

Ja, ja, betonte er pflichtschuldig - und der Voodoopriesterin folgend, die ihn inständig gewarnt hat vorm Verschreien - , natürlich seien die Spanier - ich bitte dich: Titelverteidiger, regierende Weltmeister - Favoriten. Aber, ganz abgesehen vom verdienten 1:1 in der Vorrunde: "Wir werden die Herausforderung annehmen, Spanien einen großen Kampf bieten." Auf Hymnisch: "L'Italia chiamò! Stringiamci a coorte, siam pronti alla morte!" Nun ja: im übertragenen Sinn. Die Todesbereitschaft ist im Fußball eine bloß symbolische Wendung. Dass, weil Italien ruft, man die Reihen schließen sollte, allerdings nicht.

Tatsächlich sollte - und wird - Spanien mit großer Vorsicht ins Finale gehen. Was die blauen Fratelli draufhaben, erlitten die so wackeren Deutschen bis zur bitteren Neige. Die Hoffnung der Iberer ist zugleich deren größter Schrecken: Mario Balotelli, ein Verrückter vor dem Herrn, der die Deutschen sehenswert erledigte. Nicht im Alleingang, wohl aber als Vollstrecker der überragenden Kreativabteilung, in der Andrea Pirlo der Chef und "il tedesco", der von einer deutschen Mutter geborene Riccardo Montolivio, der Art-Director ist.

Freilich ist dieser Balotelli, mit dem die Gazzetta ihre zurückhaltende Metapher illustrierte, etwas changierend, also einmal so, einmal so. Darauf kann Don Vicente del Bosque, dessen so wohltuende Gelassenheit mittlerweile ein wenig aufgesetzt anmutet, sich freilich nicht verlassen. Auch Balotelli könnte zweimal hintereinander so spielen.

Es wird wohl die spannendste Frage sein, die dieses Finale zu beantworten hat. Ist das spanische Tiki-taka nach seinem vierjährigem Höhenflug zum Tod - und damit zur Wiedergeburt als etwas anderes - verurteilt? Der FC Barcelona und Real Madrid waren jedenfalls vergangene Saison diesbezügliche Hinweise.

Die Sünde Onans

Hinweise darauf, dass diese uralte mitteleuropäische Fußballweisheit - kurz, scharf und fünf Zentimeter unter der Erd' - nur so lange gültig ist, wie der Gegner es zulässt. Die an und für sich schöne Spielweise neigt nämlich ein wenig zur Sünde Onans, zur Selbstgenügsamkeit.

Dass del Bosque krampfhaft auf der Suche ist, um die Seinen von sich abzubringen und deren Augenmerk auf die Anderen zu lenken, hat man durchs ganze Turnier fast schmerzlich gemerkt. Die Stürmerlosigkeit war ein Versuch. Mag sein, der Coach will den Gordischen Knoten der Ballschieberei am Wurfkreis durchschlagen. So, wie es bis jetzt ausgesehen hat, versucht er ihn aufzuknüpfen.

Italien dagegen, das ein altbackenes 3-5-2 spannend neu interpretiert, wirkte bis jetzt und vor allem zuletzt schwungvoll.

Spanien spielt unverdrossen flügellos. Durch die Mitte kann es keinen mehr überraschen. Das einzige Atout des Titelverteidigers ist die überragende Balltechnik, mit der er das Scheiberln bis zur Enervierungsgrenze treibt. Ramos drohte bereits: "Das Wichtigste ist, dass wir unserer eigenen Philosophie treu bleiben." Die hat man sich so lange vorgebetet, dass nun auch del Bosque nicht mehr zurück beten kann.

Freilich heißt das für den Ausgang des Finales überhaupt nichts. Fußball ist die Sport gewordene Imponderabilie. Fußball ist unwägbarer als andere Sportarten. Vor allem deshalb, weil es den Gegner gibt, mit dem in den allermeisten Fällen nicht wirklich gut Kirschen essen ist.

Beim Kirschen essen sind die Italiener, muss man gerade als Österreicher fast neidlos anerkennen, sowieso Weltmeister. Mit ihrem ersten WM-Titel 1934 beendeten sie endgültig den Erfolgslauf des Wiener Wunderteams. Da standen die Österreicher da und trällerten "Seid gesegnet ohne Ende, Heimaterde wunderhold!" Und die Fratelli schmetterten: "Già l'Aquila d' Austria le penne ha perdute." So war's dann auch. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD 30.06.2012)

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