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Prada.

Jil Sander.
Ob der Laufsteg die Looks vorgibt, die derzeit auf den Straßen von Mailand zu sehen sind, oder es doch die Straße ist, die den Designern den Weg aufzeigt, das ist schwer zu sagen. Sicher ist jedenfalls, dass Laufsteg und Straße selten so eng beieinanderlagen wie bei den Mailänder Männermodeschauen für kommendes Frühjahr.
Ob 7/8-Hosen oder knapp bis oberhalb des Knies reichende Shorts, ob Brogues mit Kreppsohle oder aufwändig konstruierte Sandalen, ob Shirts mit Kunstdrucken oder in den schönsten Farben blitzende Blousons: Die Mailänder Herrenwelt trägt bereits jetzt, was nächstes Frühjahr in den Geschäften liegen wird.
Oder anders ausgedrückt: Der farben- und musterfrohe Kurzbeinlook, der sich lange angekündigt hat und mittlerweile in voller Blüte ist, wird uns noch länger erhalten bleiben. Mit dem Unterschied, dass er nach einem zuletzt etwas formelleren Einschlag jetzt sportlicher daherkommt. So waren auf den Mailänder Laufstegen nach den Zweiteiler-Exzessen der vergangenen Saisonen diesmal kaum Anzüge zu sehen.
Thomas Mauer arbeitet sich am Pullover ab
Paradigmatisch etwa Tomas Maier, der Designer von Bottega Veneta: Er arbeitete sich am Pullover ab. Dieses Kleidungsstück, das es in unterschiedlichen Kulturen in den verschiedensten Ausführungen gibt - vom Seemannspulli bis zu Kurtas oder Tunikas - interpretierte er in luxuriöser Art und Weise neu. Männlich die Silhouetten: Fransen verleihen der Kollektion einen Hauch von Wild West. Weiblich dagegen die eingesetzten Materialien: Viele von ihnen, ob Seidenchiffon, Organza oder Crêpe de Chine, kommen aus der Frauenmode. Aber selbst vor Maiers tollen Blumendruck-Anzügen, die wie verblasst wirken, muss sich kein Mann fürchten.
Die Zeiten, als die Designer Männer auf Teufel komm raus verkleiden wollten, sind glücklicherweise vorbei. Selbst wenn es jemand versucht wie Donatella Versace, dann ist das eher ein augenzwinkerndes Zitat. Versace schwelgt in einem 80er-Jahre-Revival, wohl angestachelt von einer jüngeren Club-Generation, die dieses Jahrzehnt für sich entdeckt hat. Wohin der martialische Gladiatoren-Look, die vielen Goldknöpfe und grobschlächtigen wattierten Westen aber führen sollen, das wüsste man doch ganz gerne.
Bei Calvin Klein, wo Designer Italo Zucchelli ebenfalls dem Labelgründer Reverenz erwies, ist das offensichtlicher: Hier werden die neuesten Technomaterialien eingesetzt, um einen zwar auf den 80er-Jahre-Schnitten gründenden, aber durch und durch technoiden Look zu propagieren.
Nicht wirklich neue Wege
Wirklich neue Wege schlägt in dieser Saison in Mailand aber kaum jemand ein. Manche blicken sogar recht weit zurück wie etwa Gucci, wo die gesamte, intensiv mit Farben spielende Kollektion rund um den bald seinen 60. Geburtstag feiernden Gucci-Loafer aufgebaut scheint, oder gleich in die Ferne wie etwa Etro. Hier verliert man sich in einen Traum von Maharadschas und Bollywood. Gelungen dagegen die Hommage von Dolce & Gabbana an Sizilien: Fast scheint es als ob die männlichen Bewohner eines ganzen Dorfes in weiten Streifenhemden und hoch sitzenden Bundfaltenshorts über den Laufsteg laufen.
Ein Hauch von Zukunft ist wieder einmal in der Kollektion von Miuccia Prada zu finden, die in ihrer formalen Eintönigkeit zwischen den ganz auf Leichtig- und Sportlichkeit setzenden Mailänder Kollektionen einen interessanten Akzent setzt. Prada schickt Männer und Frauen auf den Laufsteg, und zwar in immer gleichen Hosen-Top-Kombination mit breiten Streifen an den Hoseninnenbeinen und an Krägen. Die Variation kommt durch das Spiel mit Leuchtfarben, die an Courrèges und Cardin erinnern, die bekanntlich auch schon die Armee der Zukunft einkleiden wollten. Jene von Nordkorea könnte mit einem Farbenspiel à la Prada sicher auch aufgepeppt werden.
Burberry & Zegna
Auf Signalfarben setzen auch andere Modehäuser: Am hervorstechendsten Ferragamo, wo Curaçao-Blau mit Grell-Orange und Sonnenblumengelb gemischt wird, oder Burberry, wo man gewitzt mit Metallicfarben in einer mit edwardianischen Akzenten versetzten Garderobe spielt. Gedeckter dagegen Ermenegildo Zegna mit einer formal strengen, aber durch den Einsatz von viel Seide leicht und fließend daherkommenden Kollektion.
Und Jil Sander? Die erste Show der Labelgründerin zu dem in den vergangenen sechs Jahren von Raf Simons verantworteten Marke war in Mailand wie eine Verheißung erwartet worden. Der Paukenschlag blieb aber aus: Die 68-Jährige zeigte, dass sie das modische Formenvokabular noch immer aus dem Effeff beherrscht, schlug aber keinen komplett anderen Weg ein als ihr Vorgänger.
Taillierte Gehröcke kombinierte sie zu weiten, bis über die Knie reichenden Shorts, boxige Caban- Jacken wechselten sich mit, von den Künstlern Blinky Palermo und Robert Mangold inspirierten Drucken auf Doppelreihern und weit geschnitten Shirts ab. Die Anhänger von früher jubelten, Simons-Jünger nickten. In Mailand muss sich derzeit wirklich niemand komplett neu orientieren. (Stephan Hilpold, DER STANDARD, 30.6.2012)
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