Die deutschen Tränen tropfen routiniert

  • Auch sie hat sich ans Weinen längst gewöhnt. Bis 2014 ist jetzt Tränenpause.
    foto:michael sohn/ap/dapd

    Auch sie hat sich ans Weinen längst gewöhnt. Bis 2014 ist jetzt Tränenpause.

Schon wieder gehen die Deutschen leer aus. Ein bisserl weinen und dann weitermachen, lautet die Devise - auch für Bundestrainer Joachim Löw. Immerhin: Der fußballbegeisterten Kanzlerin Angela Merkel bleibt ein finales Dilemma im Stadion von Kiew erspart.

Fassungslose Gesichter. Fans, denen Tränen über das Gesicht rinnen - was nichts Gutes für die schwarz-rot-goldene Bemalung ihrer Backen bedeutet. Auch am Tag nach der deutschen Niederlage werden im Fernsehen immer wieder diese Bilder gesendet.

"Schade isses", "traurig bin ich", allerorts auf den verlassenen Fanmeilen ist der Tenor ähnlich. Und viele fügen ein trotzig-kämpferisches "dann halt 2014" an. Gemeint ist natürlich die Weltmeisterschaft in Brasilien, da soll es dann endlich was werden mit dem deutschen Titel.

Doch bei allem Frust über das Ausscheiden der deutschen Elf: Es hat sich beim Trauern eine gewisse Routine eingespielt. Immer noch warten die Fans auf den ersten Titel seit der EM 1996. 2006, bei der WM im eigenen Land, schaffte die Mannschaft nur den dritten Platz. Und dennoch war der Gold wert. Denn es war jenes Sommermärchen, bei dem die Deutschen nicht nur ihre Liebe zur jungen, hungrigen Nationalmannschaft entdeckten, sondern auch die Lust am Public Viewing und am gemeinsamen Mitfiebern.

Den EURO-Titel 2008 sahen viele schon in der Tasche, bevor in Österreich und der Schweiz noch das erste Spiel angepfiffen worden war. Und dann: Wieder nichts - die Spanier kickten die Deutschen im Finale in Wien hinaus. Also sollte es eben 2010 in Südafrika bei der WM endlich klappen. Das Ergebnis ist bekannt: Die Deutschen wurden Dritter.

Wie sehr man sich jetzt bei der EURO 2012 den Pokal erhofft hatte, zeigte sich diese Woche im ZDF-Morgenmagazin. Da wurde schon gemutmaßt, dass die große Feier zu Ehren der deutschen Nationalmannschaft entweder in Berlin oder in Frankfurt stattfinden werde, wenn die Jungs von Trainer Joachim Löw dann als Sieger nach Hause kehren. Aber dann kam Mario Balotelli.

Löws Gold-Händchen

"Finito Finale, oh nein, oh nein, das kann nicht sein", klagte die "Bild-Zeitung" tags darauf auf Seite eins. Und sie fragt: "Jogi, wo war dein Gold-Händchen?" Doch die bei "Bild" in größeren Mengen vorhandenen Kübel voller Häme wurden weder über die Mannschaft noch über den Trainer ausgeschüttet. "Das war's, schade", heißt es zahm im Blattinneren.

Denn natürlich weiß auch die "Bild-Zeitung": Jogis Jungs sind nicht schlecht in Form. 15 Pflichtspiele in Folge hat das Team gewonnen. Wer den EURO-Titel 2012 vor dem Turnier in greifbarer Nähe sah, war kein hoffnungsloser Naivling.

"Es passte alles so schön ins Bild. Das DFB-Team, ein Ensemble von Richtigmachern", lobte die "Berliner Zeitung" auch nach dem Ausscheiden der Deutschen und befand, dass die Mannschaft "unbedingt titelverdächtig" gewesen wäre. Der Berliner "Tagesspiegel" seufzte bloß: "Und wieder Italien. Gutes Turnier, schlechtes Ende."

Doch es gibt auch kritische Stimmen gegenüber Bundestrainer Jogi Löw. " Wir haben uns mit unserer Aufstellung selbst geschlagen. Das war ein Eigentor von Löw", sagt Bernard Dietz, Kapitän der deutschen Europameister-Elf 1980.

Klasse-Job

Löw selbst landete am Freitag mit der Mannschaft in Frankfurt. Er übernahm die Verantwortung für das Aus, ließ aber keinen Zweifel daran, dass er das Team in die WM 2014 führen will. An einen Rücktritt könne man denken, "wenn man in der Vorrunde ausgeschieden" ist, erklärte er. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach beeilte sich zu versichern: "Jogi, du hast einen Klasse-Job gemacht. Wir sind unheimlich froh, dich als Bundestrainer zu haben."

Bei der fußballbegeisterten Kanzlerin Angela Merkel dürfte sich in die Enttäuschung auch Erleichterung mischen. Vor dem Turnier hatte es im Kanzleramt geheißen, Merkel werde nicht zu Spielen in der Ukraine reisen, sollte sich die Lage für die inhaftierte Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko nicht verbessern.

Doch dann wurde der Wunsch, doch bei einem etwaigen Finale dabei zu sein, immer größer. Dieses Problem hat sich nun ja erledigt. Es wird nicht Merkel sein, die am Sonntag im Stadion von Kiew neben dem ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch sitzt. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD 30.06.2012)

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