Die Erneuerung des europäischen Traums

Kommentar der anderen |
  • Anne-Marie Slaughter
    foto: standard/cremer

    Anne-Marie Slaughter

Von der Macht einer positiv besetzten Idee - und der Unmöglichkeit, ohne eine solche Erfolg zu haben

Die Eurokrise und das kürzliche Thronjubiläum von Königin Elizabeth haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Tatsächlich jedoch vermitteln sie uns gemeinsam eine wichtige Lehre: die von der Macht einer positiv besetzten Idee - und der Unmöglichkeit, ohne eine solche Erfolg zu haben.

In seinem Kommentar zur Boots- und Reiterparade im Rahmen der Jubiläumsfeiern sprach der Historiker Simon Schama über "kleine Boote und große Ideen". Die größte Idee war, dass die britische Monarchie dazu diene, die Vergangenheit des Landes auf eine Weise mit seiner Zukunft zu verknüpfen, die die Kleinlichkeit und Hässlichkeit der Tagespolitik überwindet.

Zyniker mögen dies als die alte Brot-und-Spiele-Routine bezeichnen. Doch der wahre Sinn besteht darin, die Öffentlichkeit aufzurichten, nicht, sie abzulenken. Gerade Griechenland braucht jetzt eine Möglichkeit, seine Vergangenheit mit seiner Zukunft zu verbinden, nur dass eben kein Monarch zur Verfügung steht. Und als Wiege der ersten Demokratie der Welt braucht Griechenland andere Symbole der nationalen Erneuerung als Zepter und Hermelin. Es ist Homer, durch den praktisch alle westlichen Leser der mediterranen Welt erstmals begegnen. Griechenland sollte einmal mehr zur tragenden Säule einer derartigen Welt werden und seine aktuelle Krise nutzen, um sich eine neue Zukunft zu schaffen.

Diese Vision ist plausibler, als man meinen möchte. Die Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer sind so groß, um die gesamte Welt ein Jahr lang zu versorgen. Weitere Gasvorkommen und auch große Ölvorkommen liegen vor der Küste Griechenlands in der Ägäis und im Ionischen Meer - sie würden ausreichen, um die Finanzlage Griechenlands und der gesamten Region völlig zu verändern. Israel und Zypern planen gemeinsame Explorationsmaßnahmen, Israel und Griechenland diskutieren eine Pipeline, die Türkei und der Libanon suchen nach neuen Vorkommen, und Ägypten plant, Explorationslizenzen zu vergeben.

Aber wie immer schafft die Politik Probleme. Zwischen allen beteiligten Ländern gibt es maritime Streitigkeiten und politische Unstimmigkeiten. Die Türken arbeiten mit Nordzypern zusammen, dessen Unabhängigkeit nur sie allein anerkennen, und lassen regelmäßig ein drohendes Poltern über die gemeinsamen Bohrungen Israels und der griechisch-zypriotischen Regierung der Republik Zypern vernehmen. Die griechischen Zyprioten nehmen die EU regelmäßig in Bezug auf ihre Beziehungen zur Türkei in Geiselhaft, und Gleiches gilt für Griechenland. Die Türken weigern sich, zypriotische Schiffe ihre Häfen anlaufen zu lassen und reden nicht mehr mit den Israelis, seit auf einem Schiff, das Israels Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen suchte, neun türkische Staatsbürger getötet wurden. Der Libanon und Israel unterhalten keine diplomatischen Beziehungen.

Kurz gefasst: Die Reichtümer, Arbeitsplätze und Entwicklung, die allen Ländern der Region bei einer verantwortlichen Ausbeutung dieser Energiequellen zufließen würden, könnten durchaus dadurch blockiert werden, dass jedes Einzelne von ihnen darauf beharrt, das, was es als seinen fairen Anteil ansieht, zu bekommen und seinen Feinden den Zugang zu verweigern.

Die Vision einer mediterranen Energiegemeinschaft scheint dazu verurteilt, ein Wunschtraum zu bleiben. Dabei steht im Juli der 60. Geburtstag der Ratifizierung des Pariser Vertrages an, der zwischen Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) begründete - nur sechs Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Während der 70 Jahre zuvor hatten Deutschland und Frankreich einander in drei verheerenden Kriegen bekämpft, von denen die letzten beiden Europas Volkswirtschaften ruinierten und seine Bevölkerung dezimierten.

Hass und Misstrauen zwischen diesen Ländern waren nicht weniger bitter und tief verwurzelt als jene, unter denen das östliche Mittelmeer zu leiden hat. Trotzdem verkündete der französische Außenminister Robert Schuman mit Unterstützung seines Beraters Jean Monnet bereits 1950 einen Plan für die EGKS - nur fünf Jahre nach dem Abzug deutscher Truppen aus Paris. Sein Ziel war es, einen weiteren Krieg "nicht nur undenkbar, sondern substanziell unmöglich zu machen." Schuman schlug eine französisch-deutsche Kohle- und Stahlproduktion unter einer gemeinsamen Hohen Behörde vor, verhinderte so, dass beide Seiten kriegswichtige Rohstoffe gegeneinander einsetzten, und trieb damit eine gemeinsame Industriewirtschaft voran. Die EGKS entwickelte sich zum Kern der jetzigen Europäischen Union.

Heute ist die EU angeschlagen, doch könnten einige wenige Schritte der europäischen Staats- und Regierungschefs die Tür zu einer ähnlich kühnen Diplomatie aufstoßen, die die Volkswirtschaften der EU und des Mittelmeerraums wiederherstellen und die Energiepolitik Europas und Asiens verwandeln könnte. Wenn das Europäische Parlament und der Europäische Rat Schritte ergriffen, um den direkten Handel der EU mit Nordzypern zum Gegenstand qualifizierter Mehrheitsentscheidungen statt eines Konsenses, wäre die EU in der Lage, den Handel mit Nordzypern aufzunehmen, und die Türkei könnte beginnen, mit Zypern insgesamt Handel zu treiben. Diese Schritte wiederum könnten zu einer türkisch-zypriotisch-griechischen Energiepartnerschaft führen, die positive Anreize für eine türkisch-israelische Aussöhnung bietet.

Es dauerte zwei Jahre, bis sich der Schuman-Plan herauskristallisierte, und ein Jahrzehnt, um ihn umzusetzen. Doch er bot eine Vision. Die europäischen Führungen werden diese Krise nicht bewältigen, indem sie ihre Bürger mit düsteren Austeritätsforderungen bearbeiten. Sie müssen konkrete Schritte ergreifen, um eine Vision einer erneuerten EU zu schaffen, die mit echten Vorteilen verbunden ist. Die EU hat keine Königin Elisabeth. Was sie braucht, sind ein neuer Schuman und Monnet. (Anne-Marie Slaughter, DER STANDARD, 30.6./1.7.2012)

Autorin

Anne-Marie Slaughter war Leiterin des Planungsstabes im US-Außenministerium (2009-2011). Sie ist Professorin für Politik und internationale Angelegenheiten an der Universität Princeton. © Project Syndicate, 2012 Aus dem Englischen von Jan Doolan

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9 Postings
Führt dieser Traum zum größten Reinfall in der Geschichte Europas?

Führen Rot-Schwarz mit Hilfe der Grünen Österreich in die Pleite?

http://www.wienerzeitung.at/wzo/meinu... ndern.html

http://regionaut.meinbezirk.at/schoenkir... 10608.html

Gute Idee

aber wer will sowas? Nur bad news is good news, und die Politiker wollen ja in den Medien aufscheinen. Zuerst muss so lange Krieg geführt werden bis sogar die Frusties das nicht mehr wollen. Erst dann sind konstruktive Schritte möglich.

Homer Simpson

Die Analyse ist richtig, ist aber keine echte nachhaltige Lösung

Es gibt nur zwei Szenarien für Europa: a) Die totale Zerschlagung der Nationalstaaten und Bildung eines Staatenbundes mit zentraler Verwaltung und Einheitswährung oder b) eigenständige Länder oder Kleingruppen solcher, mit ihren ebensolchen Volkswirtschaften und Währungen.

Dass in der EU, in Brüssel aber auch in den einzelnen Mitgliedsländern niemand einen Plan für die EU, geschweige denn Hirn und Eier hat, ihn durchzusetzen, war mir seit der EU-Beitrittsabstimmung hier klar.

Alles deutet derzeit auf Szenario b) hin, zwar mit schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen für uns alle, die aber - und das ist die "gute" Nachricht - nach ca. fünf bitteren Jahren überwunden sein werden.

Sich das einzugestehen, wäre ein echter Plan für Europa.

plan B ist von der struktur her zu altmodisch. mir sind keine ideen untergekommen, die das mildern. statt dessen sitzen da die leut wie strache am drücker.
ich unterstütze nur einen teil von deren forderungen, und das wie ist eine ganz andere frage. so nicht.

nennen wirs doch CEU. konsolidierte europäische union.
es ist das gegenteil von dem was sich abspielt!
grösste innenpolitische und finanzielle autarkie, genau wie bei den USA. trotz dollar haben die bundesstaaten grossen spielraum.
aber: gewisse grenzen der aussenpolitischen handlungsfreiheit, eine pflicht zur absprache, besonders bei aktionen die mit NATO und krieg zu tun haben. das heisst, nicht die EU sondern die NATO muss sich unterordnen.
bis jetzt fährt d NATO schlitten mit uns.

die katz ist aus dem sack

über das ölthema herrschte absolute offizielle totenstille!

doch jetzt wird auch der masse die griechenverschuldung allmählich wie eine "hitmen" geschichte vorkommen.

"verkaufts halt ein paar inseln..." - OOPS !!

die welt auf amerikanisch. erdgasvorkommen für ein jahr - das ich nicht lache. der grieche, der die queen braucht, um sich moralisch aufzurichten.

irgendwie klingt das ja auch ein wenig bedrohlich, was mme. slaughter da so von sich gibt. die welt auf amerikanisch - einfach, glatt, disneyland. da denk ich mir doch: gut, dass es momentan ein wenig anders läuft.

und ob man schlechterdings slaughters schlüsse im happy island der beauty und des biests oder gar im land des dornröschen-schlosses (soll ja des erbauers sohn sich auch schon an den griechen versucht haben) auch so sieht - zumindest in goethes pudel gab es einen kern ...

Albtraum.

nomen est omen

"slaughter" war ja schon einre glühende verfechterin der libyen-intervention, die , wie man ja heute weiß, ein demokratisches, rechtstaatliches liyben geschaffen hat, in dem es weder ethnische säuberungen, noch massenhafte folter, noch menschenrechtsverletzungen en masse gibt. und das alles um den schlappen preis von 50.000 menschenleben.

ist doch sehr billig, dieser "erfolg". und wenn DIE was über die zukunft europas schreibt, dann hör ich genau hin, denn wer einmal so richtig gelegen ist, der liegt in zukunft noch richtigererer, da genügt ein blick in die zeitung um das anerkennen zu müssen.

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