Radikal deutsch-romantisch

Roland Groß
29. Juni 2012, 17:09
  • Anselm Kiefers Werk "Am Anfang" (Detail) stammt, wie alle anderen 38 
ausgestellten Werke, aus dem Privatbesitz der Familie Grothe.
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    foto: anselm kiefer, 2011, courtesy stiftung für kunst und kultur e. v., bonn

    Anselm Kiefers Werk "Am Anfang" (Detail) stammt, wie alle anderen 38 ausgestellten Werke, aus dem Privatbesitz der Familie Grothe.

"Am Anfang" heißt die Ausstellung mit 38 zentralen Werken Anselm Kiefers in der Bonner Bundeskunsthalle. Letztlich läutete die Schau aber das Ende von Robert Fleck als Intendant des Hauses ein

Ein Gast fehlte bisher noch in der Beletage deutscher Ausstellungsorte, der Bonner Bundeskunsthalle, die kürzlich in Anwesenheit von Architekt Gustav Peichl ihr 20-jähriges Jubiläum feiern konnte: Nun komplettiert Anselm Kiefer nach Gerhard Richter, Sigmar Polke und Georg Baselitz die Viererbande deutscher Kunst-(Markt-)Stars. Alle 38 gezeigten Werke stammen aus der Sammlung Hans Grothe, der das weltweit größte Kiefer-Konvolut besitzt.

Und genau das kostet nun den aus Österreich stammenden Intendanten der Bundeskunsthalle, Robert Fleck, letztlich den Job: Sein Vertrag wird nicht über 2013 hinaus verlängert. Fleck wurde unter anderem vorgeworfen, er habe dem Privatsammler Grothe mit der Ausstellung ein unkritisches Denkmal gesetzt, anstatt die Arbeiten in einen kunsthistorischen Kontext zu stellen: "Eine solche Ausstellung ist ein Kulturbruch", sagte die SPD-Kulturministerin von Nordrhein-Westfalen, Ute Schäfer.

Und doch ist Kiefers Zergrübeln, sein Leiden und Reiben an deutscher Geschichte, Mythologie und Befindlichkeit geradezu prädestiniert für die Ausstellungsbühne der Bundesrepublik, die mit rund 16,5 Millionen von der öffentlichen Hand subventioniert wird. Man darf ihn und seinen Lehrer Joseph Beuys fraglos als die wohl radikal deutsch-romantischen " Nationalkünstler" der zeitgenössischen Avantgarde bezeichnen.

Bewältigungsversuche treffen auf Überwältigung beim Betrachter, der Kiefers erdfarben verkarstete, riesenformatig entmenschte Bedeutungsorte voller pathetischer Leere betreten soll. Kiefer, heute in Paris lebend, arbeitete lange Jahre in einer Ziegelei im Odenwald und schuf im Grunde nur für diesen Entstehungsort seine Malereien, Blei- und Betonskulpturen - wie auch später in einer stillgelegten Seidenspinnerei in Südfrankreich. Seine Farbskalen verenden in der Regel bei einem hellen Ocker, aschfahle Erdtöne bilden die Palette für kosmische Labyrinthe, in denen in einem bisweilen alchemistisch anmutenden Verfahren Erde, Blei, Lack, Pflanzen, Kleidung oder Haare in dicke Schichten eingebunden werden. Hier scheint jemand in einer Art Genesis-Verfahren den Anfang von Gedächtnis ergründen zu wollen: Am Anfang lautet denn auch der Ausstellungstitel. Ein gleichlautendes Projekt betreute Kiefer als Gesamtkunstwerk 2009 in der Pariser Bastille-Oper.

Große Mutter Natur

Diese Alchemie untermauert auch ein zu mehr als 100 Quadratmeter zusammengefügtes, kosmisches Bildsystem, das sich auf den englischen Mystiker Robert Fludd (1574-1634) bezieht. Aristoteles' Lehre von der Veränderung der Materie soll hier - via Kabbala und Bibel - zur großen Mutter Natur führen, die Gott imitiert und jeder Pflanze auf Erden einen Himmels-Stern zuordnet.

Ob bleierne Düsenjäger, die materialgeschlachtete Märkische Heide, Bergmassive oder der Lyriker Paul Celan (Jakobs himmlisches Blut, Schwarze Flocken): für Kiefer allesamt Korrespondenten deutscher Geschichte.

Kiefers Blei-Container (Volkszählung , Leviathan) mit den 60 Millionen eingefügten Bundesbürger-Erbsen kannte man in Bonn allerdings jahrelang aus dem unmittelbar benachbarten Bonner Kunstmuseum, bevor der Immobilienunternehmer Hans Grothe seine hochkarätigen Leihgaben deutscher Gegenwartskunst abzog und etliches dem Kunstmarkt zuführte.

Solistischer Leihgeber

Walter Smerling, Direktor des Museums Küppersmühle und Wunschkurator Anselm Kiefers und Hans Grothes für die Bundeskunsthallen-Schau, ließ das Bonner Kunstmuseum 2000 auf einem Schuldenberg zurück, resultierend aus seiner Mitverantwortung bei der Millenniums-Schau Zeitwenden. Eine um weitere Leihgeber erweiterte Ausstellung hätte er abgelehnt, weil das weitaus zeitaufwändiger gewesen wäre, sagt Smerling.

All dies hat nun mehr als nur ein lokales "Geschmäckle": Wie viele praktische und finanzielle Vorteile diese Ausstellungsplanung auch immer gehabt haben mag, es war der Anfang vom Ende. Angesichts des solistischen Leihgebers, des Kurators und der Einbeziehung lokaler Wunden geriet die Kiefer-Schau zu einem Ausstellungsgemisch, das mit viel Krötenschlucken, Paralleldiskussionen - und letztlich der Nichtverlängerung von Flecks Vertrag verbunden ist. (Roland Groß aus Bonn, DER STANDARD, 30.6./1.7.2012)

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