"Kapitalismus-Symbol spielen, wie soll das gehen?"

29. Juni 2012, 18:07
29 Postings

Bei den Filmfestspielen in Cannes überraschte Regisseur David Cronenberg mit "Cosmopolis", einer Krisenparabel, in der Teenidol Robert Pattinson spielt. Ein Gespräch mit dem Regisseur

Wien/Cannes - "Man kann zu einem Darsteller nicht sagen: Du sollst ein Kapitalismus-Symbol spielen. Wie soll das gehen?" David Cronenberg wirkte schon wenige Stunden nach der Weltpremiere von Cosmopolis in Cannes ein wenig angestrengt von all den Journalisten, die in seinem neuen Film ausschließlich einen perfekt getimten Kommentar zum Stand des globalen Kapitalismus sehen wollen. "Vor dem Dreh habe ich zu Rob gesagt: Du spielst einen Mann, der gerade geheiratet hat, der aber seine Frau nicht versteht. Die Figuren müssen reale Menschen sein."

Pattinson ist in so gut wie jeder Einstellung von Cosmopolis zu sehen. Er spielt den milliardenschweren Finanzjongleur Eric Packer. Auf dem Weg durch Manhattan in seiner Stretchlimo führt er Gespräche (oder hat Sex) mit seiner Galeristin, seiner Frau, seinem Arzt, seinem Computerfachmann, seinem Sicherheitsbeauftragten. Themen sind: Kunst, Kapitalismus und die Form seiner Prostata. Seine Gäste können einfach zusteigen, alle Straßen New Yorks scheinen verstopft oder gesperrt - ein Albtraum für Packers Security, die ein Attentat befürchtet.

Prophetische Kräfte

Don DeLillos gleichnamiger Roman erschien 2003 - also fünf Jahre vor dem Bankrott von Lehman Brothers und der folgenden großen Banken- und Wirtschaftskrise. Es spricht für die prophetische Kraft des Buches, dass Cronenberg in seinem Skript kaum etwas an die Gegenwart anpassen musste. " Die einzige Änderung, die ich in der Hinsicht vorgenommen habe, war, den Yen durch den Yuan zu ersetzen, als Währung, mit der Packer spekuliert. Seit der Veröffentlichung des Buches ist Japan als Macht zusammengebrochen, während jeder weiß, dass China die Zukunft gehören wird. Noch ist der Yuan nicht frei handelbar, es gibt allerdings Vorhersagen, dass er schon 2015 den Dollar als Weltwährung ablösen wird."

Auch die Dialoge hat Cronenberg wörtlich übernommen, was dazu führt, dass sein Film nie leugnet, eine Literaturadaption zu sein. Dabei: Als gleichzeitig "real und surreal" sieht der Regisseur die Sprache in seinem Film. Wer das Frühwerk des 69-jährigen Cronenberg kennt, wird verwundert sein, wie sehr Cosmopolis um Dialogsequenzen herumgebaut ist.

Aber schon sein letzter Film Eine dunkle Begierde lebte in erster Linie von den Gesprächen zwischen den Protagonisten Sigmund Freud, Carl Jung und Sabina Spielrein. Da in Cosmopolis der Schauplatz so gut wie nie wechselt, fällt die Dialoglastigkeit noch stärker auf. Cronenberg selber sieht das weniger als eine Änderung seines Stils, eher als eine Folge der besseren Produktionsbedingungen: "In allen meinen Filmen sind die Dialoge außerordentlich wichtig. Da meine frühen Werke billige Horrorfilme waren, standen allerdings in der Außenwahrnehmung mehr die Spezialeffekte im Vordergrund."

Er hatte damals auch nicht "so viel Zeit, um mit den Schauspielern zu arbeiten. Die Produzenten sagten einfach: ,Du hast 15 Minuten, diese drei Seiten Dialog zu drehen. Wie du das machst, ist egal, aber du hast nur 15 Minuten.' Für mich besteht Kino nicht in erster Linie aus Bildern. Kino besteht aus vielen Elementen."

Dem Bild des exzentrischen Horrorfilmstilisten, das die Presse von ihm zeichnet, will Cronenberg offensichtlich nicht entsprechen - zumindest nicht heute. Wenn er über seine Arbeitsweise spricht, wirkt David Cronenberg eher wie ein Regiehandwerker aus der goldenen Ära des Hollywood-Studiosystems.

"Ich mag es nicht, mit einem übergeordneten visuellen Konzept an einen Film heranzugehen, das ich dann dem Material aufzwinge. Etwa eine Szene wie auf einem Gemälde von Rembrandt auszuleuchten, weil der Film zur Zeit Rembrandts spielt."

Mit seinem langjährigen Kameramann Peter Suschitzky teilt er eine Arbeitsweise, die weniger auf Planung als auf Erfahrung aufbaut: "Erst wenn wir die erste Einstellung drehen, wissen wir genau, was wir machen werden."

Das Bild als Karikatur

Zum Beispiel: "Welches Objektiv benutzen wir? Okay, lass uns zuerst eine Nahaufnahme von Rob machen. Benutze ich eine traditionelle 50-mm-Linse, und gehe ich relativ weit weg? Oder gehe ich näher ran mit einem 18-mm-Weitwinkel? Das verzerrt aber das Gesicht - Terry Gilliam benutzt übrigens sogar 14-mm-Objektive -, dadurch wird das Bild zur Karikatur. Das mag ich nicht. Also gehen wir weiter zurück, was bei einem Dreh in einem Auto schwierig ist. So ,erfühlt' man sich nach und nach einen Weg."

Die Stretchlimo, mit der sich Packer im Schneckentempo durch Manhattan auf dem Weg zu seinem Friseur bewegt, wirkt wie eine Art Sarg oder Bunker, in dem sein superreicher Protagonist sich vor der Außenwelt schützt. Gibt es hier Parallelen zwischen Eric Packer und Vampir Edward Cullen aus den Twilight-Filmen - der Rolle, die Robert Pattinson Weltruhm bescherte. Entsteigt er in Cosmopolis wie ein moderner Blutsauger der internationalen Finanzströme seinem Autosarg?

Der Ruhm macht Filme

David Cronenberg verschließt sich auch hier allen Spekulationen und gibt sich pragmatisch: "Solche Assoziationen zwischen verschiedenen Rollen muss ich ignorieren. Paul Giamatti, der ebenfalls eine wichtige Rolle in Cosmopolis spielt, hat in vielen Filmen mitgemacht. Wenn jemand Sideways liebt, wird er ihn als die Figur sehen, die er darin spielt. Macht mir das Sorgen? Das darf es nicht. Die Vergangenheit von Robert ist nur insofern wichtig, als sein Ruhm uns ja doch ermöglicht hat, den Film zu finanzieren - Ende der Geschichte. Sobald wir mit dem Drehen angefangen hatten, waren meine anderen Filme und seine anderen Filme verschwunden." (Sven von Reden, DER STANDARD, 30.6./1.7.2012)

Ab 6. Juli im Kino

  • Der milliardenschwere Finanzjongleur Eric Packer (Robert Pattinson), der 
in seiner Stretchlimousine durch Manhattan flitzt und dabei über Kunst 
und Kapitalismus plaudert.
    foto: enhorn

    Der milliardenschwere Finanzjongleur Eric Packer (Robert Pattinson), der in seiner Stretchlimousine durch Manhattan flitzt und dabei über Kunst und Kapitalismus plaudert.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Filmregisseur David Cronenberg. 

Share if you care.