Mein Vorzimmer ist die kleinste Kunsthalle der Welt

2. Juli 2012, 09:17
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Susanne Widl, Inhaberin des Wiener Café Korb, wohnt in der City und hat in ihrer Wohnung im ersten Stock immer viel zu tun

Die Kaffeesiederin Susanne Widl wohnt in der Wiener Innenstadt, einen Katzensprung von ihrem Café Korb entfernt. Michael Hausenblas hat sie besucht.

"Aufgewachsen bin ich in einer großbürgerlichen Familie, in einer 250 Quadratmeter großen Wohnung in der Wiener Rathausstraße. Später habe ich in New York, Rom, London und verschiedenen anderen Städten gelebt, wo ich hauptsächlich als Model gearbeitet habe. 1972 bin ich dann für zwei Jahre mit dem Künstler Peter Weibel in eine kleine Waschküche gezogen. Der Weibel lebt jetzt schon längere Zeit in Karlsruhe und ist nur ab und zu in Wien. Und dann gab es noch die Wohnung im fünften Bezirk.

Hier in der Singerstraße wohne ich seit 1985, auf gut 170 Quadratmetern. Ich kann mich noch erinnern, dass ich zu spät zum Besichtigungstermin mit dem Makler gekommen bin, weil ich in meinem Café, dem Café Korb, so viel zu tun hatte. Es hat trotzdem geklappt. 5000 Schilling wollten sie für die Wohnung pro Monat - und das ohne Ablöse. Dazu gab es auch noch diesen Parkettboden und die Zentralheizung.

Das ist ein typisches Jahrhundertwendehaus, und die Wohnung liegt im ersten Stock. Es wäre zwar schöner, wenn sie weiter oben läge, aber man kann nicht alles haben. Wenn nicht dauernd unter einem Mordswirbel wieder irgendein Dachboden ausgebaut würde, wäre es auch schön ruhig. Im Sommer ist es angenehm kühl. Und den ersten Bezirk, den hab ich sowieso sehr gern.

Obwohl das Café so nahe liegt, komme ich manchmal für zwei Tage nicht hin, weil es hier so viel zu tun gibt. Das glaubt man gar nicht! Die ganze Post, die Aufarbeitung der Archive. Heute zum Beispiel hab ich ein Foto von mir und Peter Falk gefunden. Ich habe mit ihm in einem Film gespielt, in dem auch Burt Lancaster mitwirkte. Die Regie führte Sydney Pollack. Und dann ist hier meine gesamte Kunstsammlung mit Unmengen von Büchern, Katalogen, Zeitschriften, Filmen etc.

Möbel kauf ich mir eigentlich keine. Ganz leer war die Wohnung am schönsten. Was hier ist, kam über viele Jahre zusammen und stammt aus meinen Bleiben von früher - außer dem großen Glastisch und den durchsichtigen Sesseln von Philippe Starck. Die hatte ich schon vor allen anderen.

Ich bin schon eher ein Wohnmensch - im Gegensatz zum Weibel. Essen, trinken, am Computer arbeiten, Zeitung lesen, telefonieren, all das ist mir wichtig. Früher hatte ich mehr Besuch, ich hab immer wieder Brunches für Künstler gegeben, die von elf Uhr vormittags bis um fünf in der Früh hier saßen. Ich war ja deren Muse.

Der wichtigste Ort in der Wohnung ist der Vorraum - das Antechamber. Es ist sozusagen mein Porträt, und es zeigt in aller Kürze mein Leben. Da sind die Kunstwerke und Fotos meiner Freunde zu sehen. Es ist das Innere meines Gehirns, ein Archiv, das sich immer wieder verändert - und ich bin die Kuratorin. Und es ist die kleinste Kunsthalle der Welt.

Ich werde sicher hierbleiben, ich fühle mich hier wohl. Außerdem gehört mir auch noch ein Haus mit über 3000 Quadratmetern Grund. Es befindet sich im Süden von Wien, in der Nähe von Wiener Neustadt. Leider komm ich viel zu wenig raus, weil ich oft Entscheidungen im Café treffen muss. Das macht ja sonst keiner. Dabei ist es da draußen ein richtiges Paradies, mit Pool und Bambus und viel Lavendel.

Meine Heimat ist natürlich das Korb, das für mich in Sachen Erhaltung und Umbau immer ein Lebenskampf war. Da steckt all meine Kraft drin. Selbstverständlich ist ein Café ein zweites Wohnzimmer. Es ist geheizt, man wird betreut, es gibt Zeitungen, also alles wie zu Hause. Dass das gerade in Wien so gut funktioniert, ist reine Mentalitätssache. Man wird wichtig behandelt, die Kellner sagen 'Herr Professor' und 'Herr Hofrat' - und das, obwohl diese Titel oft gar nicht stimmen. Das ist noch immer so, auch in Zeiten von WLAN im Café." (Michael Hausenblas, DER STANDARD, 30.6./1.7.2012)

Susanne Widl wurde in Wien geboren. Sie wäre lieber Ärztin geworden oder hätte lieber das Max-Reinhardt-Seminar absolviert, doch auf Wunsch ihres Vaters besuchte sie eine Hauswirtschaftsschule. Danach arbeitete sie als Schauspielerin, Journalistin, Performancekünstlerin und modelte außerdem in New York, London, Rom und anderen Städten.

Schon als junges Mädchen kochte Widl im familieneigenen Café Korb in der Wiener Innenstadt Kaffee. 2000 hat sie das traditionsreiche Lokal, in dem sie 1972 ihren Lebenspartner, den Künstler Peter Weibel, kennengelernt hatte, übernommen.

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cafekorb.at

  • Susanne Widl im Vorzimmer ihrer Wiener Altbauwohnung, das sie als 
Spiegelbild und Archiv ihres Lebens bezeichnet.
    foto: lisi specht

    Susanne Widl im Vorzimmer ihrer Wiener Altbauwohnung, das sie als Spiegelbild und Archiv ihres Lebens bezeichnet.

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