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Christian Goeschel: "Selbstmord im Dritten Reich". Aus dem Englischen von Klaus Binder. Euro 21,90 / 338 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2011
Zum Selbstmord vertraten die Nazis eine ganz klare Position: "Das Leben des Einzelnen gehört dem Volke", schrieb Hitlers Kanzleileiter Martin Bormann im Mai 1944: "Er kann daher seinem Leben nicht willkürlich ein Ende bereiten. Tut er es doch, vergisst er damit seine Pflicht gegenüber seinem Volke. Das gilt besonders jetzt im Kriege." Trotzdem endete das "Dritte Reich" bekanntlich in einer "Orgie von Selbstmorden" (Goeschel). Von Adolf Hitler und Eva Braun bis hinab zum einfachen Parteimitglied nahmen sich Tausende von Nazis 1945 das Leben. Auch Bormann: Als man sein Skelett im Dezember im Jahr 1972 in der Nähe des Lehrter Bahnhofs fand, entdeckte man zwischen den Zähnen Glassplitterchen einer Giftampulle.
Selbstmord im Dritten Reich - das ist ein vielschichtiges Thema voller Widersprüche. Der in London lehrende Historiker Christian Goeschel hat ihm eine Studie gewidmet, die nicht nur vorzüglich lesbar ist, sondern in ihrer multiperspektivischen Herangehensweise auch beispielhaft.
Goeschel untersucht auf drei Ebenen: auf der der zeitgenössischen medizinischen oder kulturellen Debatten, auf der von Statistik und gesellschaftlichen Veränderungen und auf der des Individuums. Für letztere Ebene erweist sich eine von dem legendären Berliner Kriminalisten Ernst Gennat (1880-1939) angelegte Sammlung von Abschiedsbriefen, von der Forschung bisher ignoriert, als ergiebige Quelle, korrigiert der Blick auf Einzelschicksale doch beliebte zeitgenössische Erklärungsmuster.
Gesellschaftlicher Indikator
Grundsätzlich war Selbstmord für die NS-Führung ein Problem der verhassten Weimarer Republik, das es im "Dritten Reich" nicht mehr geben sollte. Die hohen, auch in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierten Selbstmordraten in den 1920er-Jahren wurden von den Nazis instrumentalisiert, indem man sie auf die Arbeitslosigkeit infolge des Versailler Vertrags zurückführte. Nach 1933 ließ sich Hitler von Goebbels regelmäßig über die Suizidzahlen informieren, die er als Indikator für die gesellschaftliche Entwicklung betrachtete. Bemerkenswerterweise änderte sich aber rein statistisch gesehen wenig, die Rate blieb hoch (verglichen etwa mit der Zeit vor 1914), weshalb die Nazis die Zahlen nicht mehr veröffentlichen ließen.
Für Goeschel bezeugt Bella K.s Freitod, dass es auch in der NS-Zeit wie zu allen Zeiten Selbstmorde aus privaten oder ökonomischen Gründen gab. Es gab aber auch, auf den ersten Blick überraschend, gerade nach der "Machtergreifung" Suizide in den Reihen der Nazis: Goeschel schildert Fälle von SA-Männern, die sich - frustriert von der Entmachtung der SA im Sommer 1934 - das Leben nahmen, um ihre "Ehre" zu retten.
Hinzu kamen freilich Suizide als Folge des NS-Terrors wie der Selbstmord des Stuttgarter Geschäftsmanns und Turnvereinsmitglieds Fritz Rosenfelder im Sommer 1933, den der Stürmer zynisch als positiven Beitrag zur Lösung der "Judenfrage" begrüßte. Besonders in der Anfangszeit des Regimes zeigte sich die für das "Dritte Reich" typische "unscharfe Trennung von Mord und Selbstmord", so Goeschel. Für den Umgang mit Regimegegnern wurde etwa der Spruch "von der Gestapo geselbstmordet" zum geflügelten Wort; Erich Mühsams Tod 1934 im KZ Oranienburg ist dafür ein berühmtes Beispiel.
Für die späteren Jahre ist der Zusammenhang zwischen den Eskalationsstufen des Holocausts und den Selbstmordzahlen deutscher Juden unverkennbar: Bereits infolge der "Reichskristallnacht" 1938 nahmen sich Hunderte das Leben (viele erinnerten in ihren Abschiedsbriefen an ihre Leistungen fürs Vaterland etwa im Ersten Weltkrieg). Einigen stellten die Nazis noch "Bitte nachmachen"-Schilder ins Schaufenster.
Nach 1941 führten die Deportationen zu drei- bis viertausend Selbstmorden von Juden, im Herbst 1942 wurden drei Viertel aller Suizide in Berlin von der jüdischen Minderheit begangen. Doch wäre es nicht angemessener, auch hier von Mord zu sprechen?
Für Goeschel erlaubt es aber der Blick aufs Individuum, den Suizid als - womöglich einzig noch möglichen - "Akt der Selbstbehauptung" im totalitären nationalsozialistischen System zu verstehen. "Deutsche Juden, die Selbstmord begingen, waren nicht einfach passive Opfer, für sie war Selbstmord die letzte Möglichkeit, Würde und Selbstbestimmung zu wahren." Dass die Nazis in dieser Zeit längst dazu übergegangen waren, jüdische Suizidversuche, selbst noch in den Vernichtungslagern, streng zu bestrafen, betrachteten sich die Nazis doch als alleinige Herren über Leben und Tod, spricht für dieses Urteil. (Oliver Pfohlman, Album, DER STANDARD, 30.6./1.7.2012)
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Für "Selbstmord im Dritten Reich" ausreichend recherchiert?
Selbstzerstörung des NS ist wohl anders begründet. Nehmen wir mal an, Hitler hätte nach dem Ergebnis von Stalingrad 1943 kapituliert - mit Sicherheit keine weitere Einäscherung deutscher Städte. Literatur: "Als wir den II. Weltkrieg ausgruben ..." Auch die Droge Pervetin nützte am Ende nichts. "Es zittern die morschen Knochen?" Und sie marschierten zwischen Ruinen, u. zwar im Stechschritt ...
auseinandersetzt, den überkommt das kalte Grauen über diese Zeit. Da gibt es aber bei uns noch immer Menschen die dieser Zeit heute noch huldigen und ihr Glück und ihre Erfüllung in Parteien wie FPÖ/BZÖ finden!
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