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Reymer Klüver und Christian Wernicke: "Amerikas letzte Chance. Warum sich die Weltmacht neu erfinden muss". Euro19,- / 350 Seiten. Berlin Verlag, Berlin 2012
Reymer Klüver fuhr 1984 mit dem Auto quer durch Amerika, drei Monate lang, auf den Spuren Jack Kerouacs, des Beatniks, der trampend die ungeheuren Weiten seines Landes durchmaß. Christian Wernicke verbrachte 1986 sieben Monate als Austauschstudent an der Penn State in Pennsylvania, der Universität in der Mitte von Nirgendwo, wie er sie nennt. Seit sieben Jahren berichten Klüver und Wernicke für die Süddeutsche Zeitung aus den Vereinigten Staaten.
Was sie auf Reisen erlebten, haben sie unter einem Titel zusammengefasst, der klingt, als halte die Titanic geradewegs auf den Eisberg zu, wobei diesmal noch offen ist, ob sie ihm ausweichen kann. Amerikas letzte Chance - allzu dramatisch für ein Buch, dessen einfühlsame Reportagen und kluge Analysen ein wohltuend differenziertes Bild zeichnen.
Dies ist kein Insiderwerk aus Washington, und genau darin besteht seine Stärke. Die Autoren erwecken erst gar nicht den Eindruck, als wüssten sie aus dem politischen Innenleben des Weißen Hauses zu plaudern. Auslandskorrespondenten sind keine Bob Woodwards. Wenn es um Journalisten aus dem Rest der Welt geht, schottet sich die Regierung von Barack Obamas genauso ab wie vorher die Regierung George W. Bushs. Amerikanische Nabelschau kennt nun einmal keine Parteien.
Klüver und Wernicke aber waren viel in der Provinz unterwegs, sie liefern Momentaufnahmen aus einem Land, das an sich selbst zweifelt, mindestens so gründlich wie nach dem Desaster des Vietnamkrieges. Sie glauben, dass sie ein neues amerikanisches Lebensgefühl eingefangen haben, "das Gefühl kollektiver Verunsicherung und Bedrückung". Und sie fügen hinzu, dass sich Amerika bisher noch in jeder Krise neu erfinden konnte, ausgestattet mit einer Gabe zur Selbstkorrektur, wie sie im Erbgut dieser Republik zu liegen scheint. Im Widersprüchlichen liegt das Faszinierende, das ist der rote Faden ihrer Geschichten.
Verrostete Ikone
Da ist die SS United States, ein Ozeandampfer, der selbst die berühmte Titanic in den Schatten stellte. Heute liegt das Schiff im Hafen von Philadelphia, kaum mehr als ein schwimmender Haufen Schrott. Irgendwo in Asien sollte die SS United States ausrangiert werden, bevor ein rühriger Bürgerverein drei Millionen Dollar hinblätterte, um sie zu retten. Die verrostete Ikone soll umgerüstet werden zu einem modernen Hotel- und Kongresszentrum. Ein Sinnbild für den ersehnten Neustart, zugleich eine Metapher für eine Art von Freiwilligengeist, um den man die Amerikaner noch immer beneiden kann.
Oder North Canton, Tristesse pur in Ohio. Dort hat die Firma Hoover einst ihre Staubsauger produziert. Nun stellt ein Unternehmen namens EdenPure in der alten Fabrikhalle Elektroöfen, Luftfilter und - ja - auch wieder Staubsauger her.
In China stiegen die Lohnkosten, der Transport zum US-Kunden wurde teurer, Ohio rechnet sich plötzlich wieder. "Die Vereinigten Staaten als Billigproduzent - ist das die Zukunft?", fragen die Autoren.
In bewegenden Geschichten schildern sie die Scheinheiligkeit, mit der das Land seine Soldaten zu dröhnenden Fanfarenklängen in ferne Kriege schickt und sie im Stich lässt, wenn sie als Krüppel oder seelische Wracks zurückkehren. Sie besuchen Wohnviertel, in denen Demokraten oder Republikaner am liebsten nur noch unter ihresgleichen leben, ein kleiner Balkan im Alltag, der die politischen Gräben im Kongress nur vertieft.
Sie skizzieren das eine Amerika, das sich überhaupt nur noch bei Fox News informiert, dem Haussender der Rechten, und das andere, das nur noch MSBNC einschaltet, den Lieblingskanal der Linken. Zwei grundverschiedene Medienplaneten sind es, mit denen man es hier zu tun hat.
Der Hoffnungsträger Barack Obama war angetreten, um Brücken über die Schluchten zu bauen. Es schien, als habe die Nation im Jahr 2008 allein durch die Wahl eines Afroamerikaners bewiesen, dass sie zu innerer Reform in der Lage war, schreiben die Reporter. Wirklich zufriedengestellt, fügen sie knapp vier Jahre später hinzu, habe Obama niemanden. "Die Linken im Lande nicht, für die er nicht genug Reformeifer bewies. Die Rechten nicht, denen die ganze Richtung nicht passte. Und die in der Mitte zweifeln, weil die politische Selbstblockade in Washington seit Obamas Wahl nicht wie versprochen ab-, sondern nur noch zugenommen hat."
Das Amerika, das sie Mitte der Achtziger kennenlernten, ziehen Klüver und Wernicke Bilanz, es existiert so nicht mehr. Der Sinn für Großzügigkeit, ein schier grenzenloser Optimismus, ein selbstverständliches patriotisches Gefühl für Zusammenhalt jenseits der Parteien - es seien nicht die herausragenden Merkmale, mit denen sich die US-Gesellschaft im Wahljahr 2012 beschreiben lasse. (Frank Herrman, Album, DER STANDARD, 30.6./1.7.2012)
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