Profiteure der Krise

29. Juni 2012, 17:40
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Der Kunstmarkt ein Paralleluniversum? In London wechselte jetzt Kunst im Wert von 320 Millionen den Besitzer

Bisweilen beschleicht einen das Gefühl, der Kunstmarkt sei ein Paralleluniversum, in dem Negativszenarien einfach nicht existieren. Etwa wenn, wie diese Woche in London, innert dreier Tage Kunstwerke für fast 320 Millionen Euro den Besitzer wechseln. Als ob eine Branche beschlossen hätte, die Wirtschaftskrise, diesen Stimmungskiller, zu ignorieren. Natürlich ist dem nicht so. Das bemerken derzeit vor allem jene Protagonisten, die mit einer Güteklasse handeln, die an internationalen Kriterien bemessen in die D-Liga oder darunter fallen. Dort rasseln die Verkaufsquoten erbarmungslos in den Keller, während sie bei der Elite stabil bleibt.

Wie das? Ganz einfach: Seit jeher spülen Krisen auch Unmengen an Kapital in den Kunstmarkt, womit die A-Absolventen gegenwärtig zu den Profiteuren der Baisse avancieren. Beispielhaft dafür stehen die aktuell in London im Zuge der "Contemporary & Post War"-Auktionen verzeichneten Bilanzen ganz allgemein und einzelne Zuschläge im Speziellen. Yves Klein etwa, für den Christie's erst im Mai in New York einen Weltrekord notieren durfte (FC1, 36,48 Mio. Dollar), dessen Le Rose du bleu (RE 22) jetzt mit einer Garantie ausgestattet worden war und selbst diese noch übertraf: Mit 23,56 Millionen Pfund (36,77 Mio. Dollar) setzte sich ein anonymer Telefonbieter durch.

Um Francis Bacons Studie zu einem Selbstporträt matchten sich mit William Acquavella und Christophe van de Weghe wieder um zwei New Yorker Galeristen. Der Hammer fiel zugunsten Letzteren, der 21,54 Millionen Pfund bewilligte; im Auftrag eines Klienten, der in der Finanzbranche tätig sei und sehr viel Zeit in seinem Privatjet verbringe, so Weghe.

Am Ende des Abends freute sich Christie's jedenfalls über ein Rekordergebnis dieser Sparte in Europa: 60 Zuschläge summierten sich auf fast 133 Millionen (165,9 Mio. Euro), während Sotheby's tags davor mit 69 Besitzerwechseln "nur" rund 70 Millionen (86,7 Mio. Euro) eingespielt hatte. Dort war der höchste Wert etwas unter den Erwartungen geblieben: Jean-Michel Basquiats mit einer Ga rantie ausgestatteter Warrior soll demnach für 5,58 Millionen Pfund in einer Privatsammlung eine neue Heimat gefunden haben. Thaddaeus Ropac fischte sich wiederum Joseph Beuys' Tisch mit Aggregat (601.250 Pfund) aus dem Angebot, zeitgerecht zu der für seine Niederlassung in Paris im Oktober anberaumten Beuys-Show. Insofern habe es sich für ihn schon gelohnt, wie er im Gespräch mit lokalen Medien eingestand, diesen eher langweiligen Abend durchzusitzen. (kron, Album, 30.6./1.7.2012)

  • Ein anonymer Telefonbieter setzte sich bei umgerechnet 29,42 Millionen Euro gegen den Schweizer Handel durch. Ein neuer Auktionsrekordwert für den französischen Künstler Yves Klein.
    foto: christies´s

    Ein anonymer Telefonbieter setzte sich bei umgerechnet 29,42 Millionen Euro gegen den Schweizer Handel durch. Ein neuer Auktionsrekordwert für den französischen Künstler Yves Klein.

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