Schmied zu Schulschwänzern: "Strafe erst das letzte Mittel"

Chat

Bildungsministerin wünscht sich SPÖ-Alleinregierung, um Gesamtschule durchzusetzen - Für "flexible Modelle" bei Lehrerdienstrecht

ModeratorIn: Wir begrüßen Bildungsministerin Claudia Schmied im Chat und bitten die UserInnen um Fragen.

Claudia Schmied: Herzlich willkommen von meiner Seite aus dem klimatisierten derStandard.at-Büro. Ich freue mich auf Ihre Fragen und Anregungen.

studentin99: Gabi Burgstaller hat gestern gefordert den Eltern von Schulschwänzern die Familienbeihilfe zu streichen. Was fangen Sie mit dieser Forderung an?

Claudia Schmied: Wir haben eine Einigung auf Regierungsebene erzielt. Jetzt geht es darum, diese Einigung, über die ich mich sehr freue, umzusetzen. Das Wichtigste ist, den Ursachen von Schulpflichtverletzungen auf den Grund zu gehen und Schüler und Schülerinnen für die Schule zu gewinnen. Strafe ist erst das letzte Mittel.

hey hey my my: Wie steht es nach der Einführung der Neuen Mittelschule mit einer österreichweiten Einführung von Ganztagsschulen?

Claudia Schmied: Vorwärts! Das ist mein erklärtes politisches Ziel. Schritt für Schritt kommen wir diesem näher. Über die Neue Mittelschule zur Ganztagsschule zur gemeinsamen ganztägigen Schule. Mit Gemeindebund und Städtebund sind wir gerade dabei, die Ganztagsplätze in ganz Österreich auszuweiten. Über 7.000 Plätze mehr wird es im nächsten Schuljahr geben. Die Richtung stimmt. Es ist noch viel Arbeit vor uns.

timurinamanu: Guten Mittag, der Beruf Lehrer ist leider in Österreich weniger attraktiv. Dies liegt sicher auch an den Einstiegsgehältern, die unter dem EU-Durchschnitt sind. Dafür kriegen Lehrer, die seit 30 Jahren arbeiten fast das doppelte. Wäre es denkbar ein

Claudia Schmied: Das neue Dienst- und Besoldungsrecht für LehrerInnen ist ein wichtiges Regierungsprojekt. Entscheidend ist, dass auch Finanzministerin Maria Fekter an Bord ist. Höhere Einstiegsgehälter, mehr Zeit in den Schulen, Bezahlung nach Funktion und Leistung, mehr Verantwortung und Gehalt für DirektorInnen - sind wichtige Eckpunkte. Gleichzeitig brauchen die Schulen Unterstützungspersonal. Das Gesamtpaket wird derzeit mit der Gewerkschaft verhandelt. Wir sind entschlossen, für eine neue Generation von Lehrerinnen und Lehrern attraktive Bedingungen anzubieten. Jetzt geht es darum, abschlussorientiert mit der Gewerkschaft die Gespräche zu führen. Unser Wille ist da!

superstring: Sehr geehrte Frau Ministerin! Schaut man sich die Pisa Ergebnisse an dann schneiden die Gymnasien am besten ab; wieso wird dann so vehement von Ihnen versucht die Unterstufe des Gymnasiums in der NMS aufgehen zu lassen und wer garantiert dann dass

Claudia Schmied: Es gibt keine flächendeckende Überprüfung von "PISA-Fragestellungen". Erste Ergebnisse der Neuen Mittelschule in Österreich zeigen, dass mehr Schüler und Schülerinnen in höhere Bildungsstufen kommen. Das ist für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Österreichs ein zentrales wirtschaftspolitisches und gesellschaftspolitisches Ziel. Auch gibt es zahlreiche internationale Studien dazu. Verpflichtendes Kindergartenjahr, gezielte Deutschförderung, kleinere Klassen, Bildungsstandards sind Maßnahmen, damit die gemeinsame Schule bis 14 gut gelingen kann. Dann erfolgt die Berufs- und Bildungsentscheidung unter Berücksichtigung der Talente und Neigungen der Kinder. Mit 9,5 Jahren orientiert sich diese Entscheidung vorrangig an der Einkommenssituation der Eltern. Mit eine Erklärung, warum Bildung in Österreich nach wie vor "vererbt" wird. Lassen wir doch den jungen Menschen mehr Zeit für eine eigenverantwortliche und selbstbestimmte Entwicklung.

RolandGiersig: Wären nicht verpflichtende Info-Abende für die Eltern wichtig, in denen ihnen erklärt wird, wie sie mit ihren Kindern lernen sollten und wie sie ihre Kinder in der Schule unterstützen können? Aus Erzählungen von LehrerInnen weiß ich, dass manche Elt

Claudia Schmied: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. In der Neuen Mittelschule haben wir Eltern-Schüler-Lehrer-Ggespräche regelmäßig verpflichtend vorgesehen. Es wäre fein, wenn diese Ihre Anregung auch von der Schulpartnerschaft an den Schulstandorten aktiv aufgegriffen wird.

Apiko: Im Standard Interview vom 17. Juni bejahen Sie die Frage, ob JunglehrerInnen zukünftig länger in der Klasse stehen sollen. Sie rechtfertigen dies mit einer scheinbaren Erhöhung der Gehälter. Laut Ausführungen der Tageszeitung „Österreich“,die Teile

Claudia Schmied: Diese Berechnung ist schlichtweg falsch.

Linkslinker Österreichfeind und Kulturbereicherer: Können Sie sich eine Minderheitsregierung vorstellen, um die Gesamtschule durchzubringen?

Claudia Schmied: Ich will die Mehrheit für die gemeinsame Schule erreichen. Da gefällt mir Alleinregierung schon besser.

defnordic: Sollte das Thema politische Bildung eine höhere Bedeutung bekommen, um auch im Hinblick auf zukünftige, direktdemokratischere Strukturen eine höhere Kompetenz der Bürger zu gewährleisten?

Claudia Schmied: Ja! Wir intensivieren die Angebote der Pädagogischen Hochschulen vor allem im Bereich der Lehrerfortbildung, auch sind die Angebote der Donauuniversität Krems beispielgebend. Engagierte, kritische, aufgeschlossene LehrerInnen finden ein breites Angebot. Auch möchte ich die Schulpartnerschaft an den Schulen stärken. Das ist gelebte Mitbestimmung und Mitgestaltung. Es muss sich einfach "auszahlen", sich persönlich zu engagieren. Feedbackgespräche zwischen LehrerInnen und SchülerInnen auch über die Gestaltung des Unterrichts rege ich an. Es geht um die Bedingungen der Möglichkeit zur Selbstverantwortung!

Niko Alm: Liebe Fr. Schmied, eine Frage zum geplanten Ethikunterricht: Wenn die gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften selbst die Lehrinhalte des jeweiligen Religionsunterrichts bestimmen dürfen, warum sind diese KuR dann überhaupt bei der

Claudia Schmied: Ich sehe den Ethikunterricht als Ergänzung zum Religionsunterricht und nicht als Ersatzprogramm. Bis zum Jahresende wird ein Optionenbericht seitens des Ministeriums dazu ausgearbeitet, der dann eingehend diskutiert werden muss.

breed: Einer der Neuerungen soll u.a. ein verpflichtendes Masterstudium innerhalb der ersten Jahre als Lehrer sein. Wie soll ein neuer Lehrer, der besonders nach dem Berufseinstieg ein höhreren Vorbereitungsaufwand hat und ganztägig in der Schule unterrich

Claudia Schmied: Das Masterstudium wird so konzipiert sein, dass es in der Berufseinstiegsphase gut zu bewältigen sein wird. Es wird hier auch Phasen der sehr praxisrelevanten Arbeit (angewandtes wissenschaftliches Arbeiten) geben und eine fachkundige und persönliche Betreuung an der Schule durch MentorInnen, die derzeit an den Pädagogischen Hochschulen ausgebildet werden. Wir werden auf die Arbeitsbelastung besonders Rücksicht nehmen!

dmayr: LehrerInnen sollen länger in der Schule sein, und Vor- und Nachbereitungen in der Schule erledigen. Ich kenne viele Lehrerzimmer, ein Arbeitsplatz ist winzig. Haben Sie vor, Lehrerzimmer auszubauen und jedem Lehrer / jeder Lehrerin einen geeigneten

Claudia Schmied: Ich will eine entsprechende Kernarbeitszeit an der Schule, Unterricht, Schulentwicklung, Teambesprechungen, Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche... Dafür braucht es entsprechende räumliche Gegebenheiten, ich denke aber, dass es individuell auch weiter möglich sein muss, Vor- und Nachbereitung auch außerhalb der Schule zu erledigen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie sehr ich mich für derart flexible Modelle noch in meiner Zeit in der Bank eingesetzt habe. Stufenweise wird auch die Infrastruktur am Schulstandort verbessert werden.

fake name: wieviel stunden mehr soll man in der schule sein verglichen zu jetzt? immerhin hat man als junglehrer einen ziemlichen vorbereitungsaufwand... weil man einfach (leider!) sich erst alles selber erarbeiten muss und die uni leider keine gute vorbereitu

Claudia Schmied: Zunächst ist es natürlich wichtig, dass Sie gut auf Ihren Beruf in der Schule vorbereitet werden, sowohl fachlich als auch schulpraktisch. Die Pädagogischen Hochschulen arbeiten mit größtem Engagement und Hochdruck daran, dass ihre Studierenden bestens auf die Schule und die Profession "Lehrer" vorbereitet sind. Die gemeinsame PädagogInnenausbildung ist mein politisches Ziel. Die Arbeitszeit an der Schule wird derzeit verhandelt.

Asathor456: Was halten Sie von der Überlegung Schulen, ähnlich wie in skandinavischen Ländern, die vollständige Autonomie über ihre FInanzen zu überlassen? DAmit gemeint sind die eigenständige Einstellung von Lehrpersonal etc. aber auch die Bestellung don Direk

Claudia Schmied: Ich halte sehr viel von klaren Regelungen. Schulen brauchen eindeutig mehr Freiraum. Schulen brauchen Entscheidungsspielräume, um in die Selbstverantwortung und damit in die Eigenmotivation zu kommen. Ich bin daher für klare Verantwortung der DirektorInnen für ihre LehrerInnen, für Schwerpunktsetzungen und Unterrichtsgestaltung mit dem Lehrerteam am Standort, Feedbackprozesse entlang der regelmäßig extern getesteten Bildungsstandards und Direktorenbestellungen auf fünf Jahre auf Basis von objektivierten Besetzungsverfahren, an denen die Schulpartner, Experten und die Schulaufsicht mitwirken.

Linkslinker Österreichfeind und Kulturbereicherer: Was ist aus dem flächendeckenden zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr geworden? Man hört nur mehr recht wenig. Was halten Sie davon? Die Idee ist ja gut und würde Chancengleichheit fördern.

Claudia Schmied: Das Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen ist in den einzelnen Bundesländern und Gemeinden recht weit entwickelt, aber durchaus unterschiedlich. Alleine die gesellschaftliche Entwicklung spricht für einen engagierten Ausbau des Angebotes für alle Kinder in Österreich. Mittlerweile zählen Kindergärten und ganztägige Schulen zu wichtigen Standortfaktoren der Gemeinden. Ich freue mich, dass zunächst ein verpflichtendes Kindergartenjahr gelungen ist, was mit beträchtlichen Zusatzfinanzierungen des Bundes verbunden war.

Schreck: Die Situation an den Unis ist auf allen Ebenen beängstigend schlecht. Die Forschung wird genauso totgespart wir die Lehre. Kritischen Instituten werden gleich ganze Studiengänge (gegen den Willer am Institut) weggenommen. Die soziale Situation unter

Claudia Schmied: Betreffend Studiengebühren vertrete ich die klare Linie der SPÖ dagegen. Die derzeitige Rechtssituation ist mehr als unbefriedigend. Eine Reparatur des Gesetzes war mit Minister Töchterle leider nicht möglich, sodass nun die Entscheidung des Höchstgerichtes abzuwarten ist. Eine denkbar schlechte Situation für die Universitäten und die Studierenden, die eingehobenen Studiengebühren müssen jetzt wohl auch einer Rückstellung zugeführt werden, da die gerichtliche Entscheidung abzuwarten ist und für die Universitäten eine risikobehaftete Situation entstanden ist. Generell würde ich mir eine engagierte Hochschulpolitik seitens der Politik wünschen.

stretfordender: Was sagen Sie zur Befürchtung, dass eine flächendeckende Einführung der NMS zu einem Run auf Privatschulen führen würde?

Claudia Schmied: Interessant ist, dass viele Privatschulen zu den ersten NMS-Schulstandorten gezählt haben. Die neue Lern- und Lehrkultur wird die Menschen überzeugen. Es ist so wichtig, dass Schule gut gelingt, Freude macht und unter Berücksichtigung der persönlichen Interessen der SchülerInnen und mit harter Arbeit zum Erfolg führt. Ich setze auf eine Kultur des Gelingens, auf Freude am Erfolg und Leistungsorientierung.

Daniel Zehetner: Es soll ja bald die Zentralmatura eingeführt werden. Wie wird sichergestellt, dass alle SchülerInnen dieselbe Startposition (unterschiedliche LehrerInnen mit unterschiedlichen Methoden) vorfinden? Wäre es nicht überlegenswert über Online-Angebote (z

Claudia Schmied: Die neue Matura soll vor allem zu mehr Fairness führen. Nicht mehr der Lehrer bzw. die Lehrerin gibt die schriftlichen Fragen vor, nein, sie kommen an einem Tag zur gleichen Uhrzeit an alle Maturierenden. Die vorwissenschaftliche Arbeit und die mündlichen Prüfungen werden an der Schule konzipiert. Das ist eine gute Mischung aus Standards und Berücksichtigung auch schulischer Schwerpunkte. Schon ab dem nächsten Schuljahr wird es z. B. eine Probematura geben und auch standardisierte Beispiele für Schularbeiten. Auf der Website des BIFIE gibt es jede Menge Information und Beispiele. Die Lehrer und Lehrerinnen werden von uns gezielt vorbereitet.

bernhard lahner: in technischen berufsfeldern wird versucht mit "girls days" usw. mädchen und frauen zur technik zu bewegen! gibt es solche überlegungen auch in pädagogischen berufen? persönlich finde ich es sehr bedenklich, dass die bezugspersonen bzw. mentorInnen

Claudia Schmied: Auch ich wünsche mir mehr Männer im Lehrberuf. Erfreulich ist, dass sich generell die Zahl der Studierenden an unseren erstklassigen Pädagogischen Hochschulen mehr als verdoppelt hat. Nicht allerdings die Zahl der männlichen Studierenden, da müssen wir noch Werbung machen und aktiv sein. Der Beruf des Lehrers hat einfach Zukunft. Es ist eine große, gesellschaftlich wichtige Aufgabe!

The Firemage: stichwort schulsozialarbeit: sozialarbeiterInnen werden schlechter bezahlt als die pädagogInnen und haben keine ferien. welche motivation ergibt sich für sozialarbeiterInnen aus dieser ungleichbehandlung, wenn man bedenkt, dass viele der aktuellen p

Claudia Schmied: Ich glaube, wir sollten nicht eine Berufsgruppe gegen die andere ausspielen. In einer arbeitsteilig organisierten Wirtschaft wird es immer auch unterschiedliche kollektivvertragliche Regelungen und Einkommenssituationen geben. Auch müssen wir uns von "Wer hat Schuld?"-Überlegungen verabschieden zugunsten einer Haltung "Wer leistet welchen Beitrag, welchen Beitrag leiste ich?". Bei einer Aufstockung der Schulsozialarbeit gilt es selbstverständlich auch die Anstellungsbedingungen zu regeln.

Pablena: In dem Gymnasium, in dem ich arbeite, werden nächstes Jahr vier 1. Klasse mit 2x 30 und 2x 25-26 Schülern eröffnet. Weshalb ist es nicht möglich, sich an die Höchstschülerzahlen pro Klasse zu halten?

Claudia Schmied: Die gesetzliche Höchstzahl sind 30 SchülerInnen. Ich nehme an, es wäre in Ihrem Gymnasium andernfalls zu einer Abweisung von SchülerInnen gekommen.

BobaFett: zum Thema KSVF-Novelle [Künstler_innenSozialVersicherungsFonds]: Wie erklären Sie, dass die dort bis vor einigen Wochen ruhenden Restgelder, ein paar Millionen Euro [28 sollen es sein], der Kunstsektion zugesprochen wurden, also ins laufende Budget

Claudia Schmied: Diese Mittel sind im KSV-Fonds und werden analog zu den gesetzlichen Bedingungen für die gewerbliche Künstlersozialversicherung als Subventionsleistung an die Künstler ausgezahlt. Die Kunstsektion darf darüber nicht verfügen.

ModeratorIn: Die Zeit ist leider schon um. Leider konnten wir nicht allen Fragen der UserInnen stellen. Wir bedanken uns bei Ministerin Schmied für ihr kommen.

Claudia Schmied: Ich bedanke mich sehr herzlich für Ihre anregenden Fragen. Die eine Stunde ist wie im Flug vergangen. Danke, einen schönen Sommer und genießen wir die sonnigen Tage!

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