Der Preis des Games-Kommerz: "Neue Spiele" werden seltenes Risiko

  •  "Die großen Franchises werden größer und größer. Egal ob 'Fifa', 'Call 
of Duty' oder 'Assassin's Creed', diese Titel wachsen immer weiter und 
es wird schwerer und schwerer mit einem neuen Franchise Fuß zu fassen."
    foto: paul sakuma/ap

    "Die großen Franchises werden größer und größer. Egal ob 'Fifa', 'Call of Duty' oder 'Assassin's Creed', diese Titel wachsen immer weiter und es wird schwerer und schwerer mit einem neuen Franchise Fuß zu fassen."

Blockbuster entziehen das Budget für Innovationen und frische Ideen

Vergangene Woche wird Branchenleuten noch länger in Erinnerung bleiben. Sega, einer der traditionsreichsten Videospielhersteller unserer Zeit, gab den Teil-Rückzug aus Europa bekannt und wird bis Ende des Jahres weltweit massive Einsparungen durchführen. So traurig es für die zahlreichen Angestellten ist, die dadurch ihren Job verlieren, so deutlich macht Segas strategische Neuausrichtung, wie unbarmherzig der Games-Markt geworden ist.

Gut ist nicht mehr gut genug

In Zukunft wird sich der Konzern im Wesentlichen nur noch auf die vier aussichtsreichsten Marken seines einst vielschichtigen Portfolios konzentrieren: "Aliens", "Sonic", "Total War" und "Football Manager". Für die Mittelklasse, die "guten Spiele" mit Durchschnittswertungen von 7/10 oder 8/10 und Experimente, ist kein Platz mehr in Zeiten, in denen die Produktionsstandards kinoreifes Niveau erreicht haben und die Blockbuster-Serien das Kapital der Konsumenten jedes Jahr aufs Neue an sich binden.

Es ist ein einfaches Rechenspiel: Eine Großproduktion kostet heute 20 bis 25 Millionen US-Dollar. Von jedem Spiel, das um 60 Dollar verkauft wird, bleibt in etwa ein Profit von 20 Prozent oder 12 Dollar übrig. Um die Ausgaben also wieder einzuspielen, muss der Herausgeber wenigstens zwei Millionen Kopien verkaufen, sonst ist es ein Verlustgeschäft.

Daher geben sich die Studios immer seltener risikobereit. Sega beispielsweise, stellt keine neuen Franchises in Aussicht. "Die großen Franchises werden größer und größer. Egal ob 'Fifa', 'Call of Duty' oder 'Assassin's Creed', diese Titel wachsen immer weiter und es wird schwerer und schwerer mit einem neuen Franchise Fuß zu fassen.", hält Sega Europe COO Jurgen Post fest.

Konzentrierung des Kapitals

Eine ganz ähnliche Ausrichtung legt der schwer angeschlagene Konzern THQ an den Tag. Nach verlustreichen Geschäftsquartalen in Serie wird man sich ausschließlich auf wenige Werke für die Kernspielerschaft fokussieren - dazu zählt etwa "Saint's Row". Casual-Experimente wie "uDraw" und teure Lizenz-Games wie "UFC" will man sich nicht mehr leisten. Das Niveau ist mittlerweile zu hoch, um sich Fehltritte zu erlauben.

Die erfolgreichen Studios weisen hier den Weg. Der umsatzstärkste Videospielkonzern Activision-Blizzard fokussiert sich auf eine Hand voll lukrativer Franchises und schweift maximal in Film-Lizenzspiele ab. Portfolio-Gigant Electronic Arts pflegt mit Nachdruck seine bereits bekannten Marken. Microsoft hat bis auf "Halo", "Gears of War" und "Forza Motorsport" die meisten seiner Serien abgetreten und Nintendo weiß besser als alle anderen, dass sich die eigenen Konsolen ohne "Super Mario", "Zelda" und "Pokemon" nur schwer verkaufen würden.     

Seltene Innovation

Gänzlich neue Ideen werden nur angepackt, wenn von den Designern bis zu den Vermarktern alle fest vom Erfolg überzeugt sind oder das Studio eine Ausnahmestellung bei seinen Fans geniest. Dann können auch Projekte wie "Heavy Rain", "Portal" oder "L.A. Noire" zu Millionen-Sellern werden. Der Rest der Innovationen muss sich mit Indie-Produktionen oder Download-Vertriebsmodellen begnügen.

Doch, was hilft es, sich zu beschweren? Gar nichts. Wer sich über die Überkommerzialisierung des Videospielmarktes beschwert, kann nur eines machen: Den Euro sprechen lassen.

(Jetzt neu: GameStandard Soundtrack Vol. 1)

Was sonst noch passiert ist diese Woche

Zum Abschluss noch ein kurzes Update zu den aktuellen Entwicklungen im GameStandard. Vielen Dank für die zahlreichen Rückmeldungen zum Start unserer Portrait-Serie "Virtuelle Welten, echte Helden". Weil es offenbar nicht bei allen LeserInnen so angekommen ist, wie im Artikel und in der Unterüberschrift beschrieben: Die Ansichtssache wird laufend um neue Game-Ikonen erweitert. "Link" und "Master Chief" sind bereits in Lauerstellung. 

Der GameStandard Soundtrack entwickelt sich indes prächtig. All jene, deren Vorschläge sich in Ausgabe 1 nicht wiederfinden, sei verraten: Vol. 2 und Vol. 3 sind bereits in der Pipeline. Bis dahin verweise ich nochmals auf unser ofenfrisches Gewinnspiel zu "Fifa 12", "Die Sims 3" und "Star Wars: The Old Republic". Ich wünsche Ihnen ein frohes EM-Finale am Sonntag und, falls Sie nicht schauen, nicht. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 30.6.2012)

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