Lebendig begraben

  • Aber jedes Umsetzen dient einer Verbesserung.
    foto: apa/roland schlager

    Aber jedes Umsetzen dient einer Verbesserung.

Was man beim Garteln so alles erlebt - Heute erfahren wir, was unser Gärtner seinem Handy so zumutet

Das Magistrat hält mich am buddeln. Es möchte, dass nach erfolgtem Hausbau die Ersatzpflanzungen für die darob gefällten Bäume nicht genau dort gesetzt werden, wo vormals ein Baum stand, sondern gut zweieinhalb Meter weiter hereinversetzt.

Es ist dem Magistrat wichtig, dass die Bewohner auf zweieinhalb Meter Tiefe ihres Gartens verzichten. Was, wenn kein Baum gefällt worden wäre? Statt in Linie mit dem Altbestand stehen nun die neu gepflanzten Bäume wie ein Keil in den Garten hinein, dahinter gedeiht maximal Efeu. Ist eh wurscht, sieht man ja doch nicht hin. In der gesetzlichen Bestimmung zur Ersatzpflanzung ist dem Magistrat sehr viel Daumen-mal-Pi eingeräumt, es geht da um Stammumfänge auf gewisser Höhe vom Boden aus und recht viel Ermessenssache.

Damit kann aus einem gefällten Baum ein Garten von sechs Ersatzpflanzungen gerechtfertigt werden. Ich bin ja ganz gut weggekommen, muss auf einer Breite von vier Metern bloß zwei Ersatzbäume setzen. Anders geht es dem Nachbarn. Nicht dass er nicht eh schon drei riesige Eschen und Kastanien an der Grundstücksgrenze stehen hat, nein, er muss zusätzlich sieben weitere Bäume im genannten Abstand zum Zaun pflanzen. Und das Ganze auf einem Grundstück von ungefähr hundert Quadratmetern.

Bestimmung ist Bestimmung

Der Clou: Damit er das schafft, muss er unter die fette, ausgewachsene Kastanie eine Buche setzen. Na die wird im Schatten und in komplett durchgewurzeltem Erdreich sicher verdammt gut gedeihen. Aber Bestimmung ist Bestimmung. In geschätzten zehn Jahren wird von dem Garten eh nichts mehr übrig sein, da werden die Bäume jene Höhe und Schirmbreite erreicht haben, dass sie eine für Licht undurchdringliche Barriere geschafft haben werden, und sie werden einander auch bereits den notwendigen Raum wegnehmen. Der Garten wird ob der Dichte der Äste unbetretbar sein. Bravo, höre ich dann den Sachverständigen rufen, bravo!

Ich habe einen Ersatzbaum vom alten Hofgarten mitgebracht, ein japanisches Ahorn. Mittlerweile habe ich es aus Ungeschick und behördlichem Eifer bereits dreimal versetzt. Beim letzten Mal Versetzen (weg vom Zaun!) trug ich schicken Jeansstoff am Oberkörper, in Jackenform genäht und mit offenen Brusttaschen versehen. Dort steckte mein altes Mobiltelefon für den Fall, dass mich der Bundespräsident dringend sprechen möchte, man weiß ja nie.

Ich grub ein neues Loch, teilte dabei schlangengroße Regenwürmer entzwei, hob das Ahorn aus seinem alten Standplatz und drückte es in das neue, schön vom Zaun weggerückte Platzerl. Die ausgehobene Erde wurde in den Spalt zwischen Wurzeln und Pflanzloch gedrückt, wie immer Kopf-unten-Popsch-oben. Kräftig wässern und gut ist. Das Loch in der Erde, das das Ahorn am alten Standort hinterlassen hat, wurde mit einer gewaltigen Hosta gefüllt, "the same procedure as before, James". Kopf runter, stopfen, drücken, schwitzen ... ich hasse umsetzen.

Trauer und Ärger

Aber jedes Umsetzen dient einer Verbesserung, und nach getaner Arbeit kann man bei einem Liter Genever ruhen und die neuen Impressionen wirken lassen. Noch schnell La Gattin anrufen und die Veränderung im Garten kundtun.

Doch wo ist das ... ich werde doch nicht ... kein Handy in den offenen Brusttaschen der Jeansjacke jedenfalls. Nicht in der Wohnung, nicht in irgendwelchen Kleidungsstücken, sondern einfach weg. Trauer (Daten) und Ärger (Kosten) wurden aber von einem leisen, jammervollen Klingeln unterbrochen, das dumpf aus dem Eck des Ahorns drang.

Ich hatte das Handy lebendig begraben, unter dem Ahorn, im Schatten unzähliger anderer Bäume. Als begnadeter Romantiker wollte ich schon ein Kreuz aufstellen und es dabei belassen, habe es mir dann anders überlegt und das iPhone aus den Krallen der Ahornwurzeln befreit. Was man beim Garteln so alles erlebt. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 29.6.2012)

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