Licht ins Dunkel der Pflege

Irene Brickner
28. Juni 2012, 19:39

Volksanwaltschaft kontrolliert ab Juli alle Anhaltungsorte - auch Sonderschulen im Visier

Wien - Die Premiere werde wahrscheinlich noch in diesem Sommer, sicher aber im Herbst stattfinden, sagt Getrude Brinek. Dann würden am Eingangstor eines Pflege- oder Altersheims erstmals die Menschenrechtskontrollore von einer der sechs neuen Besuchskommissionen der Volksanwaltschaft anläuten - unangekündigt und mit Kompetenzen ausgestattet, im Fall krasser Missstände Sofortmaßnahmen einzuleiten.

Begutachtet würden dann etwa "Medikation und Fixierung, Ausstattung und Hygiene, Betreuungsintensität und Freizeitangebote", zählte die Vorsitzende der Volksanwaltschaft am Donnerstag bei einem Hintergrundgespräch auf. Im Mittelpunkt der Inspektionen werde die Frage stehen, ob die Menschenrechte der Bewohner trotz Freiheitseinschränkung, wie sie an diesen Orten stattfindet, in vollem Umfang gewährt sind.

"In Polizeiarresten, Schubhaftanstalten und Gefängnissen gab es derlei unangemeldete Besuche bereits bisher. In Einrichtungen der sozialen Versorgung hingegen betreten wir Neuland", erläuterte Brinek. Zu begutachten und Verbesserungsvorschläge zu machen sowie Folgebesuche durchzuführen gebe es offenbar viel: Schon im Vorfeld ihrer neuen Zusatzaufgabe ab Juli habe die Volksanwaltschaft aus einzelnen Einrichtungen vernommen, "es sei höchste Zeit, dass wir kommen, denn es herrsche krasser Personal- und Ressourcenmangel".

Ob wirklich Pflege-, Alters- und Behindertenheime erster Schwerpunkt der Besuchstätigkeit sind - oder ob Psychiatrien, Krisenzentren, Gefängnisse, Kasernen, Schubhaften und Polizeianhaltezentren in den Fokus rücken -, wird wahrscheinlich am kommenden Montag entschieden. Am 2. Juli findet das erste Arbeitstreffen der neuen Kommissionsleiter und von Mitgliedern des neuen Menschenrechtsbeirats - der die Volksanwaltschaft bei ihrer neuen Aufgabe berät - statt.

Namhafte Experten

Unter ihnen befinden sich namhafte Experten: Etwa der Kinderpsychiater Ernst Berger und der Menschenrechtler Manfred Nowak, die je einer Wiener Besuchskommission vorstehen. Sowie, als Mitglied des Beirats, der von der Völkerrechtlerin Renate Kicker geleitet wird, Amnesty-Generalsekretär Heinz Patzelt.

Dieser weist darauf hin, dass die neue Menschenrechtskontrolleinrichtung auch für die Beobachtung der UN-Behindertenkonventionsumsetzung in Österreich zuständig ist: "Ich bin gespannt, wie da der Umstand behandelt wird, dass etwa die Existenz von Sonderschulen prinzipiell konventionswidrig ist." (Irene Brickner, DER STANDARD, 29.6.2012)

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19 Postings
Zu wenig Personal

Bei diesen Kontrollen sollte berücksichtigt werden, dass es einfach zu wenig Personal gibt bzw. dass es auch HeimleiterInnen gibt, die bewusst wenig Personal einstellen. Damit sie/er gut dastehen. Aber das ist meist das Problem, wenn ein Mensch der rechnen gelernt (HeimleiterInnen) hat mit sozialen Problemen konfrontiert wird. Wenn die ohnehin niedrigen Personalschlüssel nicht eingehalten werden, die sich aus Minutenschlüssel ergeben, dann hat dies weitreichende Auswirkungen (Überlastung d. Personals, Qualität sinkt, Fehlerrate erhöht sich, es kann zu Übergriffen kommen, die alle aus den Medien kennen). Wenn diese Kontrollen den Druck auf die Verantwortlichen erhöht (Bettenschließung aus Personalmangel.) dann gut - das bezweifle ich aber!

Was wird der Proporz-Bock wohl im

"Garten" finden?

Fette Pfründe!

Gab es...

"In Polizeiarresten, Schubhaftanstalten und Gefängnissen gab es derlei unangemeldete Besuche bereits bisher."
Ja, durch den mit Ende diesen Monats aufgelösten Menschenrechtsbeirat.

vielleicht wäre ein ansatz, wenn man den Heimen vorschreibt, wieviele Patienten pro Pflegepersonal zu betreuen sind.
viele der vergangenen Misstände wurden durch zu wenig Personal begünstigt. ich erkenne allerdings wenig Anstrengungen seitens der Legislative hier einzugreifen und die Situation zu verbessern.

passiert das nicht schon längst durch den Pflegeschlüssel?

und standen hinter den Pflegeskandalen nicht zumeist kriminelle Machenschaften - private Heimbetreiber, denen es nur um das schnelle Geld ging?

viele der heime gehören dem land. und sie wissen eh wie da die devise lautet wenns um zusätzliches personal geht. wobei genau das das wichtigste wäre: mehr personal.

Seit wann hat die "Volks"-"Anwaltschaft" Kompetenzen !

Die Einrichtung war nach meiner dunklen Erinnerung doch nur ein Nachzieher auf Helmut Zilks "Krone-"-Kolumne !

Anhaltungsorte

die Sprache spricht für sich.

"Medikation und Fixierung, Ausstattung und Hygiene, Betreuungsintensität und Freizeitangebote"?

Da kann ich nur lachen. Zumindest meine Erfahrung war anders. Eine Patientin wurde eine Woche in einem Gitterbett eingesperrt ohne sich überhaupt dagegen zu wehren, eine suizidale Patientin hat 5 Tage wegen verordnete Medikamenten geschlafen und wurde nach dem Aufwachen sofort nach Hause geschickt, Schlaf war für die meisten nicht möglich (in 5-Bett-Zimmer, in denen immer zumindest einer die ganze Nacht geschrien hat), älterer Patienten sind stundenlang in ihrer eigenen Pisse gesessen (keine Windeln) und der Tag wurde mit sitzen verbracht. Es gab keine Gespräche oder ähnliches. Einer Patientin wurde das Bein gebrochen. Und ja, es gab Kontrollen.

Licht ins Dunkel der Pflege

Ich bin Journalist, recherchiere derzeit über den Zustand der Altenpflege und würde gerne mit Ihnen ein Gespräch über Ihre Erfahrungen führen. Selbstverständlich würde ich alle Informationen und Ihre Identität vertraulich behandeln. Freundliche Grüße

dann müssen sie das anzeigen!!

Zwei Patienten haben das versucht. Ohne Erfolg (wie's zu erwarten war). Patientenanwalt sagte, er könnte nichts machen.

betreuungsintensität

in heimen, in welchen die stadt wien ihr personal drastisch einspart?!

..........im Fall krasser Missstände Sofortmaßnahmen einleiten,..

diese Überprüfungen fände ich wirklich super, wenn dann als SOFORTMASSNAHME einiges mehr an Pflegepersonal zur Verfügung gestellt wird.
Die Pflegeheime zeigen nach aussen hin eine schöne Fassade, drinnen wird gespart.
Gelder werden für alles mögliche ausgegeben, für die Heimbewohner bleibt da nicht mehr viel übrig; oft nicht mal die Zeit für ein gutes Gespräch.
Man hört ständig von der "Überalterung", - wer macht sich jetzt ernsthaft Gedanken was in 20 - 30 Jahren passieren wird.

was vor allem fehlt ist engagiertes Pflegepersonal - mehr Betreuung bringt überhaupt nichts, wenn die Betreuenden die meiste Zeit in der Kaffeeküche sitzen (ich weiß, das ist ein abgegriffenes Klischee - aber doch nur deshalb, weil das so regelmäßig passiert)

Das habe ich in einem Kinderkrankenhaus auch gefunden.Die Kleinen sitzen weinend in den Betten, das Personal voller Gaudi beim Kaffeklatsch.

Das Pflegepersonal selber ist unterbezahlt, wird schlecht behandelt und ist überarbeitet. Die Arbeit mit Pflegebedürftigen ist eine schwere Arbeit und erfordert enorme menschliche resourcen, solange dies nicht honoriert wird wird es natürlich Missstände geben, da helfen auch noch so viele Kontrollen nichts.

Sie haben es erreicht, dass ich mir selber furchtbar leid tue
(ich bin Pflegehelfer)

Ehrlich gesagt, ich kenne jetzt kein Heim in dem das Pflegepersonal den ganzen Tag in der Teeküche sitzt. Es mag sein, dass das einmal so war,- traurig, so kommen die Heime in Verruf, - Engagement ja, aber allen Menschen Recht getan.........

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