Beschneidung: Religiöser Ritus gegen aufgeklärte Gesellschaft?

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  • Klaus Hödl: "Durchsetzung staatlicher Körperpolitik."
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    Klaus Hödl: "Durchsetzung staatlicher Körperpolitik."

Warum das Kölner Urteil zum Beschneidungsverbot auch bei Menschen, die keiner der betroffenen Glaubensgemeinschaften angehören, zu denken geben sollte. Anmerkungen zur neu entflammten Debatte um die Religionsfreiheit im historischen Kontext

Das am 26. Juni veröffentlichte Urteil des Landgerichts Köln, wonach die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen strafbar ist, weil es das Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzt, rief erwartungsgemäß sowohl den Zentralrat der Juden wie auch den der Muslime auf den Plan.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Umgang der nichtjüdischen bzw. nichtmuslimischen Öffentlichkeit mit diesem Gerichtsentscheid: Er wurde bestenfalls zaghaft kritisiert. Die Frankfurter Allgemeine hat ihn unter Verweis auf den Primat des Rechtsstaates gegenüber der Religionsfreiheit sogar begrüßt. Die Süddeutsche Zeitung hat zwar bemängelt, dass sich durch den Urteilsspruch ein Rechtspositivismus zur Ersatzreligion aufgeschwungen habe; gleichwohl bezeichnete die Zeitung die Beschneidung als einen archaischen Akt - und damit implizit als nicht mehr in die Gegenwart passend.

Die Begründung, die im Gerichtsurteil gegen die Beschneidung zum Ausdruck kommt, fügt sich historisch in eine lange Tradition von Aktivitäten gegen die rituelle Zirkumzision ein. Vor genau zwei Jahrhunderten gab es, ausgelöst durch einen Artikel über vermeintliche oder tatsächliche Todesfälle als Folge der (jüdischen) Beschneidung, eine breite Debatte über ein etwaiges Verbot. Von diesem Zeitpunkt an riss die Agitation gegen diesen Ritus nicht mehr ab. 

Schutz vor religiösem Obskurantismus?

Vor allem Ärzte meinten, dass die Religionsfreiheit mit den Anforderungen eines modernen Staats, der das Wohlergehen seiner Bürger gegen religiösen Obskurantismus schützen müsse, nicht vereinbar sei. Die Beschneidung wurde als primitiv, archaisch (siehe Süddeutsche Zeitung!), barbarisch u. ä. bezeichnet. Allerdings wurde sie nie gerichtlich verboten. Lediglich die Art und Weise ihrer Durchführung änderte sich.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde eine neue Argumentation gegen die Beschneidung ins Feld geführt. Während zuvor unstillbare Blutungen, die Übertragung von Geschlechtskrankheiten durch den Zirkumzisionsakt und Verletzungen des Penis genannt worden waren, betonte man nun zunehmend den traumatischen Effekt der Vorhautentfernung.

Diese Begründung gewann gegen Ende des 20. Jahrhundert vor allem in den USA an Bedeutung, wo verschiedene Organisationen die Beschneidung bekämpfen. Erst im Vorjahr wollte die MGMbill.org. (MGM steht für Male Genital Mutilation) in Kalifornien ein Referendum zum Beschneidungsverbot abhalten lassen, was jedoch gerichtlich untersagt wurde. Wiederum wurde mit Hinweisen auf unvorhersehbare Verletzungen und traumatische Erfahrungen argumentiert.

Medizinische Begründung

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass nicht nur die Gegner, sondern auch die Befürworter der Beschneidung ihren Standpunkt medizinisch begründen. Ein Argument, das von ihnen häufig genannt wird, lautet, dass sie die Krebserkrankungsrate herabsetze wie auch als Prävention gegen bestimmte sexuell übertragbare Krankheiten wirke. In diesem Diskurskontext wird die Zirkumzision, die für Juden und Muslime religiös begründet ist, zu einem wissenschaftlichen Streitpunkt. Es darf dann nicht verwundern, dass sie in einem säkularen Staat argwöhnisch beäugt, abgelehnt und vielleicht sogar verboten wird.

Denn dass bei einer Beschneidung - wie übrigens auch bei jedem anderen medizinischen Eingriff - ein gesundheitliches Restrisiko nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann, ist selbstverständlich. Erst vor wenigen Tagen hat die in Atlanta angesiedelte Institution Centers for Disease Control and Prevention bekannt gegeben, dass im vergangenen Jahrzehnt in New York (wegen einer bei orthodoxen Juden oftmals üblichen Beschneidungspraxis) mehrere Neugeborene an Genitalherpes erkrankt und zwei Babys sogar gestorben seien.

Ob die rituelle Beschneidung erlaubt sein oder verboten werden soll, darf jedenfalls nicht wissenschaftlich entschieden werden. Vielmehr muss gefragt werden, was Religionsfreiheit in einer säkularen Gesellschaft bedeutet. Es ist ähnlich wie beim Schächten: Vom Standpunkt des Tierschutzes würden die Einwände gegen die rituelle Schlachtmethode - wie überhaupt gegen jegliche Tierschlachtung - ebenfalls überwiegen. Trotzdem bleibt das Schächten in den allermeisten Ländern erlaubt (im Gegensatz zur Schweiz etwa).

Wenig scheint sich im Denken geändert zu haben

Das Kölner Gerichtsurteil basiert auf einer Argumentation, die bereits vor 150 Jahren der Kontroverse über das Verhältnis von Religion und staatlicher Gewalt in Deutschland zugrunde lag. Wenig scheint sich im Denken der Menschen geändert zu haben. Allerdings waren damals und sind auch heute nicht die Grenzen der Religionsfreiheit der eigentliche Streitpunkt.

Vielmehr ging und geht es um die Durchsetzbarkeit einer staatlichen Körperpolitik. In einer Zeit zunehmender wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheiten, existenzieller Krisenerfahrungen und Orientierungslosigkeit war und ist der individuelle Körper das vornehmliche Ziel einer Homogenisierung. Vor diesem Hintergrund sollte das Kölner Urteil mit Skepsis beurteilt werden. (Klaus Hödl, DER STANDARD, 29.6.2012)

Klaus Hödl ist wissenschaftlicher Leiter des Centrums für Jüdische Studien an der Karl-Franzens-Universität Graz.

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