Mosambik: Luxusautos statt Gesundheitssystem

Tobias Müller aus Beira
28. Juni 2012, 18:27
  • Augenarzt Aga Assegid in der mosambikanischen Variante eines OPs: ein 
Abstellraum, in dem kurzfristig zwei Liegen aufgestellt werden. Der 
Äthiopier operiert hier Patienten, die an grauem Star leiden. 
    grafik: der standard

    Augenarzt Aga Assegid in der mosambikanischen Variante eines OPs: ein Abstellraum, in dem kurzfristig zwei Liegen aufgestellt werden. Der Äthiopier operiert hier Patienten, die an grauem Star leiden. 

  • Beira liegt im Nordosten Mosambiks.
    grafik: der standard

    Beira liegt im Nordosten Mosambiks.

Ein äthiopischer Mediziner tourt durch Mosambik und behandelt Patienten, die sonst nie in ein Spital kämen

Vor drei Tagen musste Fanita Suspenze die Hacke niederlegen und ihr Feld verlassen, weil sie nichts mehr sehen konnte. Als Kind ist sie an der Lepra erkrankt, seither hat sie keine Zehen mehr, keine Finger und nur ein funktionierendes Auge. Vor einigen Wochen hatte sich auch das entzündet. "Es fühlt sich an, wie wenn jemand Sand hineingestreut hat", sagt sie.

Suspenze sitzt auf einer Strohmatte auf dem Boden des Spitals von Gorongosa in Mosambik, ein Bau aus niedrigen Baracken. Es ist heiß und riecht nach Maisbrei und Stall. Sie war zwei Tage unterwegs, erst zu Fuß, dann mit dem Bus, um die Fahrkarte zu bezahlen, hat sie ihre Schuhe verkauft. Um sie herum lungert ein Dutzend anderer Frauen. Sie alle sind gekommen, weil heute in Gorongosa eine Seltenheit in Mosambik erwartet wird: ein Augenarzt.

Aga Assegid stammt aus Äthiopien, dort arbeitete er in einer privaten Praxis für die Reichen. Irgendwann hatte er keine Lust mehr, einen Malaria-Patienten zu röntgen, nur damit eine weitere Untersuchung auf der Rechnung stand. Er heuerte bei der Hilfsorganisation Licht für die Welt an und kam nach Mosambik. Die NGO finanziert hier Ärzte und bildet Krankenpfleger aus.

Ein Augenarzt auf 1,5 Millionen Einwohner

Normalerweise arbeitet er im Spital in Beira, der zweitgrößten Stadt des Landes. Alle paar Wochen macht er sich auf zur Tour durch die Provinzen, im Radio wird dann durchgesagt, wo er in den nächsten Wochen ordinieren wird. Die Patienten kommen stets in Scharen: Wer nichts sieht, kann schlecht auf dem Feld arbeiten. Die allermeisten ihrer Leiden sind problemlos heilbar - nur machen muss es jemand.

In dem Land mit 23 Millionen Einwohnern gibt es gerade einmal 15 Augenärzte, acht davon arbeiten in der Hauptstadt Maputo. Bis 1995 herrschte hier Bürgerkrieg, noch heute machen Hilfszahlungen etwa die Hälfte der Staatseinnahmen aus.

Zwar gilt Mosambik als einer der Hoffnungsträger Afrikas: Tausende Menschen aus der einstigen Kolonialmacht Portugal ziehen hier derzeit her, weil es Arbeit gibt und die Wirtschaft rasant wächst. Die Rohstoffvorkommen sind enorm, es gibt Kohle, Öl und seltene Erden. Ein funktionierendes Gesundheitssystem gibt es aber nicht - was besonders übel ist in einem Land, in dem fast alle Bewohner von körperlicher Arbeit leben.

Straßen, Kanäle und Müllabfuhr

"Ohne Gesundheit gibt es keine Landwirtschaft, keine Ausbildung, gar nichts", sagt Dave Simango. Er ist Bürgermeister von Beira und Chef von einer der beiden Oppositionsparteien Mosambiks. In seiner 550. 000-Einwohner-Stadt baut Licht für die Welt gerade eine neue Augenklinik. Die meisten Menschen mögen Simango, weil er Straßen bauen ließ und Kanäle und eine Müllabfuhr organisierte. Die anderen sagen, das Geld für sein Haus mit Pool kam aus der Gemeindekassa.

"Die Regierung in Maputo ist korrupt. Sie kauft Mercedes als Dienstwagen, während unsere Leute an Krankheiten sterben, die heilbar sind", schimpft er. Ohne NGOs, glaubt Simango, werde es schwer fallen, ein Gesundheitssystem aufzubauen. Wenn Geld gespendet wird, sei es aber wichtig, dass nicht alles bei der Regierung landet, sondern direkt an Organisationen oder in Projekte fließt - sonst sei die Chance groß, dass es verschwindet.

Viele der Mediziner, die in Mosambiks öffentlichen Spitälern arbeiten, kommen aus Kuba, China oder Nordkorea, die ehemaligen sozialistischen Bruderstaaten schicken sie als Entwicklungshelfer. Es gibt keine Ambulanzen, die die Leute aus den Dörfern in die wenigen Spitäler bringen, und es gibt zu wenige Unis, die Medizinstudenten ausbilden. Jedes Jahr werden gerade einmal etwa 50 Ärzte fertig, viele, die eine Chance bekommen, gehen ins Ausland. Nur Assegid ist hergekommen.

20 Operationen am Tag

Wenn er auf dem Land unterwegs ist, operiert er täglich leicht 20 Patienten, meist entfernt er grauen Star. In Gorongosa gibt es keinen OP, dafür einen Raum, der sonst nur als Abstellkammer genutzt wird. Hier baut Assegid seine Liegen auf. Er spritzt Lokalanästhesien, schneidet Augäpfel auf und entfernt alte getrübte Linsen. Dann setzt er eine neue Kunststofflinse ein und näht das Auge wieder zu. Pro Patient dauert das 15 Minuten, am nächsten Tag können die Menschen wieder scharf sehen.

Bei Fanita Suspenze aber hilft keine Operation mehr. Zumindest Augentropfen gegen die Schmerzen und die Entzündung bekommt sie in Gorongosas Spital, damit ihr Auge nicht schlechter wird. Sie muss schließlich bald wieder auf ihrem Feld stehen. (Tobias Müller aus Beira, DER STANDARD, 29.6.2012)

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ich hatte heuer

selbst zwei augenoperationen und bin begeistert: jeweils 20 minuten und am tag danach ist man ein neuer mensch, einfach unbeschreiblich!!!
herr assegid ist für mich ein held! menschen wie ihn kann ich nur bewundern!! möge er ein beispiel für viele andere sein!
Hut ab!

Kubaner

werden vom Staat ans Ausland gegen Devisen 'verleast' u bekommen Bruchteil als Gehalt

Was ich mich frage ist, warum man da nicht einfach einige Milliarden Euro zur Ausbildung von Ärzten und zur Finanzierung von Infrastruktur hinschickt!

Würde das heutzutage noch irgend jemandem weh tun? Die Märkte kann man mit solchen Peanuts sowieso nicht beruhigen!

"hingeschickt" - das wird seit Jahrzehnten gemacht -ohne Erfolg - damit wurden nur die schlechten Strukturen verfestigt - das "Geld hinschicken" sollte vollständig eingestellt werden.

Was glaubst warum die westlichen Nationen Hilfszahlungen in diese Länder schicken? Nur nutzt es leider wenig wenn ein Grossteil des Geldes in den Aufbau von Streitkräften und den Privattaschen der Regierenden landet...

Natürlich sind jetzt die Deutschen an dem allen Schuld, schließlich verkaufen sie die Mercedes.

Ausbildung & Gesundheit

was die Nachhaltigkeit anbelangt ist dieser Sektor wohl der erfolgreichste.
Ich arbeite seit drei Jahren auf der Uni in Beira und trotz aller landestypischen Probleme und Schwierigkeiten ist es Tag fuer Tag ein guter Anblick, junge Mosambikaner beim Lernen und Studieren zu sehen.
Die oesterr. EZA unterstuetzt die Uni seit mehreren Jahren in Administration und Lehre, auch wenn ich aus verschiedenen Gruenden oft an der EZA zweifle kann man nichts dabei falsch machen, jungen Menschen eine akademische Ausbildung zu ermoeglichen damit diese dann an der Entwicklung des eigenen Land mit den eigenen Methoden arbeiten koennen.

Danke an Tobias Mueller fuer die Artikel in letzter Zeit!

Luxusautos statt Gesundheitssystem

und wer denkt anderes??

Licht für die Welt

Dafür spende ich gern. Ein gespendeter Hunderter kostet nach der Abschreibung grade noch einmal gut essen gehen.

Ich habe die Ärzte von Licht für die Welt (früher Christophel Blindenmission)

in Asien arbeiten gesehen. Die arbeiten wie die Irren, operieren 16 bis 18 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Die Ärzte und Schwestern die ich getroffen habe waren aus Europa und haben das in unbezaltem Urlaub gemacht. Hut ab vor diesen Menschen!

leider nur ein Tropfen auf dem heissen Stein. Selbst wenn doppelt soviele Ärzte fertig werden würden diese nur abhauen oder Leibarzt eines Reichen sein als das die unteren 90% je einen sehen würden.
Was Kuba in großen Teilen der 3.Welt leistet und die ca. 10.000 ausländischen Ärzte die jedes Jahr ausgebildet werden auf der Insel ist allerdings spürbar. Selbst in Südafrika wird von den kub. Ärzten geschwärmt. 20.000 leisten überall auf der Welt Hilfe. öst. Ärzte ohne Grenzen sind nicht einmal 1% davon.

Man kann über Kuba denken was man will, aber ihre Hilfe in der 3ten Welt ist vorbildlich! Da kann die "freie" Welt noch viel von ihnen lernen.

Ist ja auch kein Zufall dass die USA immer wieder versucht kubanische Ärzte abzuwerben, ohne Erfolg.

Sie helfen auch in Sachen Alphabetisierung etc.

In dieser Hinsicht ist Kuba wirklich ein gutes Land!

geschwärmt? da habe ich ein anderes bild. habe schon in afrika mit drei kubanischen ärzten zusammengearbeitet und was da abgegangen ist kennen sie nur aus schlechten filmen! im ganzen land war der ruf der kubanischen ärzte so miserabel, dass trotz ärztemangels einheimische sich von kubanern nicht mehr behandeln lassen wollten.

Die Kubaner muss man aber schon etwas differenzierter sehen

Nach der Unabhängigkeit von Angola und Mocambique hat Kuba die neuen marxistischen Machthaber unterstützt. Im Gegenzug haben die Kubaner auch diese Länder geplündert. Busse etc, alles was nicht niet und nagelfest war wurde in Schiffe verladen und nach Kuba verfrachtet. Dafür schickte Kuba tehntausende von Soldaten für den Bürgerkrieg. Die Waffen und die Munition wurden mit Fischereirechten an die DDR und UdSSR bezahlt. Reiche Fischereigewässer wurden leergefischt.
Und es war der sehr lange andauernde Bürgerkrieg (ermöglicht durch Kuba, DDR & UdSSR) der Angola und Mocambique weitgehend zerstörte.
Da dürfen die Kubaner gerechterweise ziemlich viel an Wiedergutmachung abarbeiten.

Wow.

Auch ein bild auf den buergerkrieg. Ziemlich einseitig, mit verlaub. Wenn man mal kurz hinschaut, wer die renamo finanziert hat, ergeben sich da einige luecken in ihrer aufzaehlung. Aus war der krieg uebrigens 1992. Gewaehlt wurde erstmals 1994. Und heute reissen sich ganz andere laender im neuen scramble for africa mosambik unter den nagel. Wie immer. Private gewinne gehen nach europa, china und za. Dafuer gibts dann einen bruchteil als eza zurueck. Einfach zynisch.

Aber Mocambique hat für die Unterstützung der Renamo NICHTS zahlen müssen

Die komunistischen Brüder haben aber das Land als Gegenzug für die Waffen-&Munitionslieferungen geplündert. Das ist schon ein Unterschied.

Stimmt Kapitän Iglo Sowjet ist dort herumgesegelt um die Russen zu ernähren. Ihnen ist schon klar das die genug eigene Gewässer hatten? Und dann auch noch leergefischt. 30 Jahre vor heute und noch immer gibts Fisch. Und die Busse erst. Wo kriegen sie den diese Geschichten her, erfindens die selber? Bitte posten, immer wieder lustig sowas zu lesen. Zahlreiche Fischereirechte Kubas sind übrigens auch im Besitz von Japan

Ich habe schliesslich in der Gegend gelebt und so manches mitbekommen was in Europa verschwiegen wurde

Was in Afrika allgemein so passiert, südlich der Sahara, wird in Europa verschwiegen.

tja

ja genau, kuba hat angola ausgeplündert, differenziertes geschichtsbild gut und recht, aber einfach die komplette gegenmeinung zu schreiben ist falsch!

und dementsprechend den weltweiten hilfseinsatz kubanischer ärzte so schlecht machen oder relativieren zu wollen ist absolut mies! in kuba läuft vieles falsch, die hilfe für andere länder gehört aber nicht dazu

Ich sage ja nicht dass die kubanischen Ärzte schlechte Arbeit leisten

Ich sage nur dass Kuba nun molarisch verpflichtet ist Wiedergutmachung zu leisten. Das macht Kuba zum Teil. Die nachfolgestaaten der DDR und der UdSSR tun dies nicht. Da ist Kuba den Deutschen und Russen weit voraus.
Es ist falsch diese ärztliche Hilfe der Kubaner nur als Hilfsdienst darzustellen. Diese Arbeit ist wohl das Mindeste das man verlangen kann. Die Ärzte können einem natürlich leid tun. Die konnten für die damaligen Plünderungen nichts dafür. Aber so ist es nun im Leben, ordentliche Leute müssen dann die Fehler der politischen Eliten ausbaden.
Im übrigen wäre es angebracht wenn Deutschland und Russland in diesn Länder verstärkt investieren würden. Geldgeschenke zur Wiedergutmachung wären falsch. Investitionen brauchen die Länder.

Angola ist eines der korruptesten Länder der Welt...

Das rechtfertigt aber immer noch nicht die Plünderung des Landes der Kubaner!

Aber man soll eigentlich nicht nur Kuba alleine die Schuld abarbeiten lassen

Deutschland un Russland als nachfolgestaaten der DDR und der sovietunion sollten ordentlich mit Investitionen in die Tasche greifen. Schliesslich haben die jahrelang an der Munition und den Waffenlieferungen recht gut verdient. Alles auf Kosten der lokalen Bevölkerung.

Für mich eine der vertrauenswürdigsten Hilfsorganisationen, bei der man auch wirklich weiß, dass konkrete Hilfe geleistet wird.

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