Proust zum Schnuppern

28. Juni 2012, 17:35
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Im TV-Zweiteiler "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" wagt die französische Regisseurin Nina Companéez kühne Schnitte durch das Monumentalwerk Prousts

Wien - Je nach Ausgabe 3000 bis 5000 Seiten umfasst der monumentale Romanzyklus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Ihn auf eine 231 Minuten lange TV-Fassung einzudampfen dürfte wahre Proust-Verehrer die Nase verächtlich rümpfen lassen. Dem Autor selbst hätte das Vorhaben vermutlich ebenfalls wenig behagt.

Man kann es aber auch so sehen: Mit ihrem Substrat unternimmt die französische Regisseurin Nina Companéez einen mutigen Schritt, das sperrige Werk unters Volk zu bringen. Gegen allzu strenge Bildungsherrschaft lässt sie den heimweh- und liebeskranken Jungschriftsteller in Erinnerungen schwelgen, Freitag, 20.15 auf Arte.

Dementsprechend üppig fielen die Kürzungen aus: Companéez steigt im zweiten Band Schatten junger Mädchenblüte ein, als der schwermütige Jüngling (Micha Lescot) beim Ferienaufenthalt mit der Großmutter in dem Küstenort Balbec von Heimweh, Asthma und Todesangst geplagt eine Art Erweckung erfährt, die ihm schließlich auch sinnliche Liebesfreuden beschert.

In der Folge stolpert und wankt der Erzähler durch die Oberschicht der Belle Époque zwischen Normandie und Paris, trifft allerhand kluge wie sonderbare Zeitgenossen wie Elstir, den Maler, die Herzogin von Guermantes oder die liebreizende Schar junger Mädchen, unter deren gutgelauntem Geschnatter sich selbst der melancholische Grübelkopf endlich zurücklehnen kann. Und natürlich die bezaubernde Albertine (Caroline Tillette), Liebe und Prüfung seines Lebens. Jeder hält seine Weisheiten für den jungen, wissbegierigen, aber orientierungslosen Jüngling bereit.

Der Tempodruck ist hoch, weswegen fertig erzählte Handlungsbögen kaum möglich sind und ein gewisser abgehakter Gesamteindruck entsteht. Doch die Szenerie, in der sich die gefällige Gemeinschaft bewegt, ist charmant, sommerlich luftig: wie ein Schnupperkurs für Proust-Einsteiger. Alain de Botton empfiehlt Proust als Ratgeber: Mit der Lektüre ließen sich alle Lebensfragen beantworten. Proust zu lesen mache glücklicher und weiser. Companéez' "Verlorene Zeit" zu schauen ebenfalls. (Doris Priesching, DER STANDARD, 29.6.2012)

  • Sicheres Mittel gegen Melancholie: die Liebe. Micha Lescot und Caroline Tillette im Zweiteiler "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" nach Marcel Proust: 20.15, Arte.
    foto: arte

    Sicheres Mittel gegen Melancholie: die Liebe. Micha Lescot und Caroline Tillette im Zweiteiler "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" nach Marcel Proust: 20.15, Arte.

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