Fünfer im Zeugnis: "Man sollte nicht überreagieren"

Interview29. Juni 2012, 05:30
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Sozialarbeiterin Birgit Satke über die Angst der Schüler vor schlechten Noten und wie man die Ferien trotzdem genießen kann

In Wien, Niederösterreich und dem Burgenland werden am Freitag die Zeugnisse verteilt. Nicht bei allen Schülern ist das Anlass zur Freude, nämlich dann, wenn ein Fünfer im Zeugnis steht. Sozialarbeiterin Birgit Satke rät im Interview mit derStandard.at: "Die Erholung soll trotz schlechtem Zeugnis nicht zu kurz kommen."

derStandard.at: Sie schreiben auf Ihrer Website: "Keine Panik vor dem Schulschluss". Wovor fürchten sich die SchülerInnen?

Satke: Meistens zeichnet es sich schon in den Wochen davor ab, dass die Kinder und Jugendlichen Angst haben, einen oder mehrere Fünfer ins Zeugnis zu bekommen. Sie überlegen, wie sie es den Eltern sagen können, und fragen sich, wie die Eltern darauf reagieren werden, wenn sie mit der Nachricht nach Hause kommen.

Die Schüler beschäftigt auch die Frage, wie sie sich am besten für die Wiederholungsprüfung vorbereiten sollen, damit sie sich die Note ausbessern können.

derStandard.at: Wenn es um das Gespräch mit den Eltern geht - was raten Sie Ihren Klienten?

Satke: Man sollte mit dieser Nachricht nicht bis zum Zeugnistag warten. Gerade nicht, wenn man Angst davor hat, dass die Reaktion darauf heftig sein wird. Warten bis zum letzten Moment zahlt sich nicht aus. Eine Möglichkeit ist es, jemanden um Unterstützung zu bitten, der bei dem Gespräch dabei ist. Eine gute Freundin oder eine erwachsenen Bezugsperson, zu der man ein gutes Vertrauensverhältnis hat. Sie kann beim Gespräch dabei sein, wenn man Eltern die schlechte Nachricht überbringt.

derStandard.at: Wie sollen sich die Eltern verhalten?

Satke: Man sollte nicht überreagieren und versuchen, eine vernünftige Lösung für den Sommer zu erarbeiten. Die Erholung soll trotz schlechtem Zeugnis nicht zu kurz kommen. Ferien sind ja generell da, um sich zu regenerieren. Man soll den Urlaub genießen können, auch wenn man für eine Nachprüfung lernen muss.

Die Eltern können gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen einen Lernplan erarbeiten, damit beides möglich ist. Es zahlt sich nicht aus, gleich in der ersten Woche, wenn die Schule aus ist, für die Nachprüfung zu lernen. Die Erholungsphase ist wichtig, auch wenn ein Fünfer im Zeugnis steht. Gemeinsam kann man am besten überlegen, wie man sich auf die Nachprüfung vorbereitet. Hilfreich ist es sicher auch, sich Unterstützung von außen zu holen: Vielleicht gibt es im Bekannten- oder Verwandtenbereich ja jemanden, der mit einem lernen kann.

Wichtig ist es auch, das Kind für gute Noten zu loben. Sie sind niemals selbstverständlich, auch nicht bei vermeintlich einfachen Fächern. Das motiviert, gibt Selbstvertrauen und hilft somit auch in der Vorbereitung auf die Nachprüfung.

derStandard.at: Welche Panikreaktionen tauchen am letzten Schultag auf?

Satke: Meistens wissen es die Eltern ja schon im Vorfeld, wenn die Kinder einen Fünfer im Zeugnis haben. Manche Jugendliche verschweigen es aber und stellen sich am letzten Schultag die Frage: Soll ich mich nach Hause trauen oder nicht? Wir raten den Betroffenen, die Eltern zu informieren und ihnen zu sagen, was Sache ist. Früher oder später werden sie ohnehin draufkommen. Sollte der Druck doch zu groß sein, gibt es ja auch die Möglichkeit, sich bei einer entsprechenden Beratungseinrichtung Hilfe und Unterstützung zu holen.

derStandard.at: Es gibt immer wieder Diskussionen, man solle die Schulnoten abschaffen, weil der Druck auf die Kinder so groß ist. Ist die Erwartungshaltung zu hoch?

Satke: Der Druck ist vorhanden, oft spürbar bei den Jugendlichen, die uns anrufen. Auch während des Schuljahres. Sie klagen darüber, dass sie an einem Tag eine Schularbeit haben, am nächsten gleich einen Vokabeltest. Das System ist auf Noten aufgebaut, und den Druck bekommen die Schüler von mehreren Seiten zu spüren: von den Eltern, den Lehrern, und viele machen sich auch selber Druck. Der Anspruch ist bei manchen sehr hoch. Das ist schon viel, was die Schüler bewältigen müssen. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 29.6.2012)

Birgit Satke (46) ist diplomierte Lebens- und Sozialarbeiterin und leitet die Beratungshotline "Rat auf Draht", rund um die Uhr erreichbar unter der Telefonnummer 147.

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    "Die Erholungsphase ist wichtig, auch wenn ein Fünfer im Zeugnis steht", sagt Birgit Satke.

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