Mein profanes Schreiberling-Leben

    Glosse29. Juni 2012, 09:00
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    Inzwischen häufen sich Fragen und Kommentare der Leser dieser meiner bescheidenen Kolumne. Man will zum Beispiel wissen, ob ich vom Schreiben auch leben kann

    Ob ich vom Schreiben leben kann? Alles andere, so meint ein Leser, wäre eine unglaubliche Verschwendung. Was mir sehr schmeichelt. Ein anderer Leser zieht einen Vergleich zu Rosamunde Pilcher. Dazu kann ich nur sagen, dass es mein größter Wunsch ist, eines Tages unter folgendem Epitaph zu ruhen: "Er schrieb genauso schlecht wie Rosamunde Pilcher - und war genauso reich!" Ich denke, das ist bescheiden genug. Die Realität eines Schreiberling-Lebens indes ist äußerst profan ...

    Die Maßnahme

    Es ist nur wenige Wochen her. Ich sitze Frau Magistra O. gegenüber. Sie ist die Leiterin des Kurses, den ich im Zuge der Bemühungen des Arbeitsmarktservice, mir einen echten Job zu vermitteln, besuchen muss. Im Jargon des AMS ist das eine Maßnahme zu nennen. Frau Mag.a O. bespricht mit mir das Kursangebot. Im Programm sind ein Deutschkurs, ein Workshop über das richtige Erstellen von Bewerbungsschreiben, ein Workshop über das richtige telefonische Bewerbungsgespräch, eine Diätberatung, eine Schuldenberatung und irgendwas, das mich auf ein Leben als Töpfer vorbereiten soll.

    Während ich ihrer Stimme lausche, denke ich nur an die Verschwendung der Schönheit dieser wunderbaren Frau. Tagein, tagaus sitzt das langbeinige, großäugige, perfekt gebaute weibliche Überwesen in einem Büro und muss Leuten, die noch hoffnungslosere Fälle sind als ich, die Sinnhaftigkeit der Kunst der Verarbeitung von Ton zu bunten Wandtellern, Aschenbechern und Vasen nahebringen. Um diesen Job ausüben zu können, muss Frau Mag.a O. ein abgeschlossenes Studium der Psychologie vorweisen können. Zu Recht! Denn einer wie ich hört ihre Worte wohl und möchte mit aller Kraft glauben, was sie sagt. Doch in meinem Kopf schlingen sich diese Beine, die nicht zum ordinären Gehen geschaffen sind, sondern zum Vermessen dieser Welt, um meine Taille, und die einzigen Worte, die sie spricht, lauten: "Nimm mich, Silberrücken! Nimm mich hier! Nimm mich jetzt!" Später, zu Hause, sitze ich an meinem Netbook und verfasse einen Widerspruch zur Maßnahme, den ich am nächsten Tag als eingeschriebene Briefsendung an das AMS schicke.

    Anus Mundi

    Es ist nur zwei Jahre her. Ich habe einen echten Job. Aus dem WWW. Ein Callcenter sucht Mitarbeiter, die Menschen überzeugen können, für lauter gute Sachen Geld per Einziehungsauftrag abzudrücken. Die guten Sachen betreffen den Schutz aussterbender Egel, Clowns, die in Spitälern todkranken Kindern den Rest geben, oder Vereine, die Handys für hungernde Afrikaner organisieren, damit diese endlich eine Pizza bestellen können. Ich fühle mich gut! Denn ich habe nicht nur einen Job: Ich helfe, das Leid der Welt zu mildern. Kann das Leben sinnvoller sein?

    Hier gibt es ein motivierendes Belohnungssystem. Wer einen Abschluss tätigt, trägt das für alle anderen sichtbar auf einer Tafel ein und darf anschließend fünf Minuten Pause machen. Ich bekomme sogar eine Pause von zehn Minuten, weil ich eine 90-jährige Frau überzeuge, mir ihre Kontonummer aufzusagen, damit russische Kinder Deutsch lernen können. Die alte Dame findet diese Idee besonders gut, weil sie meint, damit dem Tod ihres Mannes einen gewissen Sinn zu geben. Der Mann der alten Dame, so erzählt sie mir, sei "damals" bei Stalingrad umgekommen, als sein Panzer explodiert ist. Fast will ich ihr sagen, dass dieser Panzer von "damals" nicht ihrem Mann gehörte, sondern Adolf Hitler. Aber im Interesse meiner Pause und der guten Sache unterlasse ich diese Belehrung.

    Nach einem Monat habe ich satte 500 Euro verdient und gehe zum Sozialamt, um das, was zur Grundsicherung fehlt, von der Republik zu erbitten. Meine Betreuerin beim Sozialamt jedoch erklärt mir, dass für diese Art Job keine Unterstützung vorgesehen ist. Sie rät mir, die Arbeit im Callcenter aufzugeben, in einem Monat wiederzukommen und erneut einen Antrag auf Sozialhilfe zu stellen, der bestimmt in zwei Monaten positiv beschieden werden wird. Einen Rat, wie ich mit 500 Euro bis zu diesem Zeitpunkt überleben soll, hat sie nicht. Seit dieser Zeit wird mir übel, wenn ich Pasta und Tomatenmark im Supermarkt auch nur sehe. Und wünsche mir ein Handy, um eine Pizza aus Afrika zu bestellen.

    Tarnen und Täuschen

    Es ist nur wenige Monate her. Herr Slobodan richtet sich im Lager im Hof, unter meinen drei Fenstern, ein. Er ist Waschmaschinendealer und hat ein Problem. Manche seiner potenziellen Kunden trauen ihm nicht, weil er zu tschuschig aussieht und schlecht Deutsch spricht. Also mache ich für ihn den Austriaken. Weil ich gar nicht tschuschig aussehe und perfekt Deutsch spreche, obwohl ich schon seit 40 Jahren in Wien lebe. Meine Kunden, deren Vertrauen ich durch diese Mimikry gewinnen soll, sind Türken, Ex-Jugos und manchmal auch Asiaten, die allesamt halt anderen Tschuschen nicht über den Weg trauen. So lobe ich fünf Jahre alte Waschmaschinen als fast neue Geräte, die meine Mutter in Wien zurücklässt, weil sie beschlossen hat, mit Herrn Jorge nach Spanien zu ziehen, um Oliven zu malen. Künstler halt.

    Ich bekomme für jede verkaufte Waschmaschine 20 Euro in bar und total schwarz. Dieses Geld investiere ich in Windeln, Kakao und Spielzeug aus China. Meiner Freundin kaufe ich eine Jahreskarte für den Zoo, das Technische Museum und einen Fitnessclub. Frau Mag.a O. schicke ich einen Wandteller aus Ton. Mit Widmung.

    Die Internationale erkämpft des Menschen Recht!

    Seit März 2012 schreibe ich nun diese Kolumne. Eines der ersten Postings ist zugleich mein liebstes. Ich zitiere und bitte den Lektor von derStandard.at, das Zitat unverändert zu lassen: "VORSICHT!!! Achtung, Herr Balkansky ist ein fanatischer Atheist mit Missionierungsgehabe. Wäre ich bösartig, würde ich sagen, er ist dem Bolschewismus nahe? (sic!) Jedenfalls hasst er alles Religiöse wie die Pest und ist damit nicht ungefährlich."

    Das muss jemand sein, der mich von früher kennt. Bis jetzt überlege ich eine Antwort. Allein, es will mir keine einfallen! Zum Schluss noch dies: Naturschutz ist gut. Kranke Kinder aufzuheitern ebenfalls. Armen Menschen in Afrika und sonst wo zu helfen ist ehrenwert - die Arbeit in einem Callcenter hingegen ist das Letzte! Die Mitarbeiter des AMS und des Sozialamtes sind stets sehr nett zu mir, wofür ich durchaus dankbar bin. Und, ach (!): Missionierung ist nicht die Domäne der Atheisten. Punkt. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 29.6.2012)

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      Nach einem Monat habe ich satte 500 Euro verdient und gehe zum Sozialamt, um das, was zur Grundsicherung fehlt, von der Republik zu erbitten.

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